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24.06.2017 - 06:11
Foto: AFP/BELGIAN FEDERAL POLICE AND BELGA/STRINGER, EPA/STF / Video: AFP

Hier spaziert Anis Amri durch Brüssels Bahnhof

05.01.2017, 08:26

Die Fluchtroute des Berlin- Attentäters Anis Amri führte auch über die EU- Hauptstadt Brüssel. Neue Überwachungsfotos zeigen den 24- jährigen Tunesier, wie er seelenruhig durch den Brüsseler Bahnhof spaziert. Insgesamt reiste er nach dem Anschlag auf den Weihnachtsmarkt in der deutschen Hauptstadt am 19. Dezember durch mindestens vier Länder, bevor er am 23. Dezember in Italien von der Polizei erschossen wurde . Seine spektakuläre Flucht hat eine erneute Debatte über den Fortbestand des Schengenraums ausgelöst.

Laut Sicherheitsbehörden ist Amri am 21. Dezember gegen 19 Uhr auf dem Bahnhof Brüssel Nord mit einem Zug aus Amsterdam angekommen. Auf dem Bahnhof wurde er von einer Überwachungskamera gefilmt: Das am Mittwochabend von der Staatsanwaltschaft veröffentlichte Bild zeigt ihn mit Winterhaube, dicker Jacke und Rucksack, das Gesicht hinter einem dunklen Schal verborgen. In einer Hand hält er einen Stapel Papiere, seine Pistole dürfte er im Rucksack versteckt haben.

Foto: AFP/BELGIAN FEDERAL POLICE AND BELGA/STRINGER, EPA/STF

Die Kamerabilder seien in Zusammenarbeit mit der belgischen Bahn ausgewertet worden, so die Staatsanwaltschaft. Demnach hielt sich Amri zwischen 19 und 21 Uhr am Bahnhof Brüssel Nord auf. Wohin er von dort gereist ist, dazu machten die Behörden keine Angaben - im Interesse der Ermittlungen, hieß es. Zumindest die Angaben der niederländischen Staatsanwaltschaft wurden bestätigt: Diese hatte zuvor erklärt, Amri sei am 21. Dezember über Nimwegen nach Amsterdam und von dort nach Brüssel gefahren.

Tagelang unbehelligt durch halb Europa gereist

Fakt ist: Anis Amri reiste nach seinem Anschlag auf den Weihnachtsmarkt in Berlin tagelang unbehelligt durch halb Europa. Die Behörden haben inzwischen einen Teil seiner Route rekonstruiert, noch ist aber nicht die gesamte Strecke belegt. Die Bundesanwaltschaft bestätigte bisher, dass er über die Niederlande und Frankreich nach Italien floh.

Hier die Chronologie seines möglichen Fluchtwegs:

Berlin, Montag, 19.12.: Gegen 20 Uhr fährt ein Lastwagen in eine Menschenmenge auf dem Weihnachtsmarkt an der Gedächtniskirche.  Im Lkw entdecken Ermittler Fingerabdrücke und Papiere Amris. Nach dem Anschlag filmt ihn wohl eine Kamera am nahe gelegenen Bahnhof Zoo. Er reckt der Bundesanwaltschaft zufolge den Zeigefinger in die Kamera - eine etwa unter Anhängern der IS- Terrormiliz typische Geste.

Der Tunesier Anis Amri richtete im Dezember in Berlin ein Blutbad an.
Foto: AFP/HO

Video: Anis Amri kurz nach Anschlag zu sehen

Video: AFP, Ruptly.TV, YouTube.com
Foto: Bing.com

Nimwegen (Niederlande), Mittwoch, 21.12.: Amri war um 11.30 Uhr in Nimwegen und gegen 13.30 Uhr in Amsterdam. An beiden Hauptbahnhöfen sei er von Überwachungskameras gefilmt worden, teilte die deutsche Bundesanwaltschaft unter Berufung auf Erkenntnisse der niederländischen Behörden mit.

Brüssel (Belgien), Mittwoch, 21.12.: Laut Angaben der niederländischen Staatsanwaltschaft reiste Amri am späten Nachmittag nach Brüssel und wurde dort am Bahnhof Brüssel- Nord gefilmt.

Lyon (Frankreich), Donnerstag, 22.12.: Am Nachmittag zeigen Aufnahmen der Videoüberwachung Amri im Bahnhof Lyon Part- Dieu. Von dort soll er französischen Medien zufolge einen Zug nach Chambery genommen haben.

Chambery (Frankreich), Donnerstag, 22.12.: Hier soll Amri in einen Zug Richtung Turin umgestiegen sein. Bei ihm wurde laut Bundesanwaltschaft ein Zugticket gefunden, das einen "Weg von Chambery nach Mailand" belegt.

Turin (Italien), Donnerstag, 22.12.: Im Bahnhof Porta Nuova filmt eine Überwachungskamera Amri um 22.14 Uhr. Medienberichten zufolge blieb er etwa zwei Stunden in dem Bahnhof.

Ein Bild aus einer Überwachungskamera zeigt Anis Amri am Turiner Bahnhof Porta Nuova.
Foto: AP

Mailand (Italien), Freitag, 23.12.: Eine Überwachungskamera filmt Amri um 00.58 Uhr im Hauptbahnhof der Stadt.

Sesto San Giovanni (Italien), Freitag, 23.12.: Gegen 3.30 Uhr wird Amri vor dem Bahnhof des Ortes bei Mailand von Polizisten erschossen, die routinemäßig seinen Ausweis kontrollieren wollten.

Foto: ASSOCIATED PRESS

Video: Hier schwört Anis Amri den IS- Mördern die Treue

Video: YouTube.com

Personenkontrollen nur in sechs von 26 EU- Ländern

Viele Menschen fragen sich, wie ein gesuchter Attentäter so seelenruhig durch halb Europa reisen konnte. Zur Erinnerung: Nur in sechs der 26 EU- Mitgliedsstaaten gelten Ausnahmeregeln, die es den Ländern ermöglichen, trotz des Schengenabkommens Personen beim Überqueren der Grenzen zu kontrollieren. Diese Ausnahmen gelten für Frankreichs Grenzen zu allen Nachbarstaaten, die Grenze zwischen Deutschland und Österreich, die deutsch- dänische Grenze sowie für die Fährverbindungen nach Schweden bzw. Norwegen.

Anis Amri: Kontaktmann saß schon einmal in Haft

Der Terroranschlag von Berlin wirft also weiter viele Fragen auf. Die Ermittlungen konzentrieren sich derzeit vor allem auf die Suche nach möglichen Mitwissern oder Helfern Amris. Der am Dienstag in Berlin festgenommene Landsmann Amris sei nach dem Anschlag vom 19. Dezember als "Gefährder" eingestuft worden, berichten "Süddeutsche Zeitung", WDR und NDR. Der 26- Jährige, der am Vorabend der Bluttat mit Amri in einem Restaurant gegessen hatte, werde der radikal- salafistischen Szene zugeordnet.

Foto: AFP/CLEMENS BILAN, AFP/BKA

Der 26- Jährige war im November 2015 schon einmal in Berlin festgenommen worden. Der Sprecher der Berliner Staatsanwaltschaft, Martin Steltner, sagte der RBB- Abendschau, gegen den Tunesier sei wegen einer schweren staatsgefährdenden Straftat ermittelt worden. Er sei damals gemeinsam mit zwei weiteren Männern im Verdacht gestanden, Sprengstoff für einen Anschlag in Düsseldorf besorgt zu haben. Dafür habe man jedoch keine Beweise gefunden.

Gegen den Mann war am Mittwoch Haftbefehl ergangen - allerdings nur wegen des Verdachts auf Betrug beim Bezug von Sozialleistungen. Der Tunesier wird verdächtigt, von Amris Plänen für den Anschlag gewusst zu haben. Die Anhaltspunkte reichten aber "derzeit nicht für einen dringenden Tatverdacht aus", sagte die Sprecherin der Bundesanwaltschaft, Frauke Köhler, am Mittwoch.

Redakteur
Franz Hollauf
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