So, 17. Dezember 2017

"Krone"-Interview

05.12.2017 17:03

Robert Forster: Ewig missverstanden im Underground

Im Wiener Theater Akzent las The-Go-Betweens-Hälfte Robert Forster unlängst aus seinem Buch "Grant & Ich" und begleitete sich selbst auf der Gitarre. Am nächsten Tag erzählte uns der australische Indie-Held bei Capuccino und Apfelstrudel in seinem Wiener Lieblingscafé Goldegg über dieses mehrjährige Mammutprojekt, seine besondere Freundschaft zum verstorbenen Grant McLennan und warum das Hinterfragen vergangener Entscheidungen reine Zeitverschwendung ist.

Die renommierte britische Musikzeitschrift "Mojo" titelte es bereits als Buch des Jahres und auch Nick Cave war ganz angetan von Robert Forsters erstem Werk "Grant & Ich", in dem der 60-jährige Australier die legendäre, aber niemals zu großem Ruhm geadelte Lebensgeschichte der Indie-Rocker The Go-Betweens und seine spezielle Freundschaft zum bereits vor elf Jahren an einem Herzinfarkt verstorbenen Lebenspartner Grant McLennan beschreibt. Für ihre treuen Fans wurden die Go-Betweens zeit ihres Lebens und ihrem Wert geschlagen, Forster selbst erzählt uns im Interview, dass die literarisch hochwertigen Songs mit Kulturanspruch einfach zehn bis 15 Jahre zu spät das Licht der Welt erblickten.

"Krone": Robert, mit dem Buch "Grant & Ich" hast du die Lebensgeschichte von dir, den legendären The Go-Betweens und deinem 2006 verstorbenen Freund und Partner Grant McLennan niedergeschrieben und quasi Bilanz gezogen. Hast du damit gerechnet, dass das Feedback so gut ausfallen würde?
Robert Forster: Ich habe darauf gehofft, aber vorbereitet bist du niemals auf so eine Art von Popularität. Als Autor willst du immer so viele Menschen wie möglich erreichen. Das Buch selbst hat sein eigenes Leben und Leser gefunden, die vielleicht nicht zwingend etwas mit meiner Historie zu tun haben. Ich freue mich extrem, dass ich in Wien, einer meiner absoluten Lieblingsstädte sein und in meinem Lieblingscafé Goldegg über dieses Werk sprechen kann. Das macht mich glücklich und stolz. Das Buch hat mich hierher gebracht.

Nick Cave, selbst durchaus bekannt als Meister poetischer Worte, hat das Buch in den Himmel gelobt und sogar ein Vorwort beigesteuert…
Es ist fantastisch, wenn Kollegen deine Arbeit schätzen und diese frohe Kunde auch noch in die Welt hinaustragen.

Was ist eigentlich der Grund, dass du vor allem in den deutschsprachigen Ländern zeit deines Lebens so unheimlich populär warst und bist?
Die Musik der Go-Betweens und auch meine Soloalben haben sich immer auf die Texte konzentriert. Manche Leute mögen das und ich denke, dass es vor allem Menschen aus dieser Gegend sind. Ich glaube auch, dass der Exotenbonus ein Vorteil war, denn einen Australier sieht man ja nicht alle Tage auf einer Bühne. All das zusammen war für unseren Erfolg verantwortlich. Vor allem die Österreicher schätzen diese Art von intelligenten, Text-basierten Pop, den wir immer lieferten. Österreich hat selbst eine große Historie an Literatur, Musik und der Poesie. Ich denke, dass die Menschen hier gerade dadurch meine Arbeit besonders schätzen. Das ist auch der Grund, warum die Go-Betweens in Skandinavien immer bekannt waren. In Kopenhagen kann ich heute noch in ausverkauften Sälen vor 300 Leuten spielen.

Was waren die ersten Gedanken als du beschlossen hast, dieses Buch in Angriff zu nehmen?
Ich wollte einfach die Geschichte erzählen und wusste von vornherein, wohin es gehen soll. Die meisten Buchautoren wissen maximal den Grundstamm, haben aber keine Ahnung, wohin sie die Geschichte tragen wird - das war bei mir nicht der Fall und das war auch gut so. Es war mein allererstes selbstgeschriebenes Buch und ich war unsicher. Ich wusste, dass es sein musste und dass es lange dauern würde, aber ich wollte immer Vollgas geben. Mir hat es irrsinnigen Spaß gemacht. Wenn du schon morgens 500 Wörter reintippst, dann fühlst du dich einfach gut.

Hast du in all dieser Zeit dein Talent für das Schreiben, für die Literatur in diesem Sinne erst richtig entdeckt? Davor warst du ja doch eher der Poet für wesentlich kürzere Songtexte.
Das stimmt, aber ich habe zwischen 2005 und 2013 schon als Musikjournalist gearbeitet. Da habe ich mein Handwerk gelernt, wusste aber, dass ein Buch härter wird. Die Grundsätze der Grammatik, des Satzbaus und des Aufbaus einer Geschichte habe ich aber als Musikjournalist gelernt. In den Artikeln dort habe ich normalerweise zwischen 1500 und 2000 Wörter geschrieben. Ich wurde dadurch bereits auf das Buchschreiben vorbereitet, auch wenn man das nicht direkt vergleichen kann.

Wie würdest du deine damalige Beziehung zu deinem Freund und Partner Grant McLennan aus der heutigen Perspektive rekapitulieren?
Wir waren etwa zweieinhalb Jahre lang gute Freunde, bevor wir mit der Musik und der Kunst im Allgemeinen begonnen haben. Die Kunst hat der Freundschaft geholfen und schlussendlich auch den Go-Betweens. So lief die Band immer weiter und wir haben dafür gesorgt, dass das Werk am Laufen blieb. Die Freundschaft war die Basis für alles.

Hattet ihr anfangs die gleichen Visionen über die musikalische Ausrichtung der Go-Betweens?
Nicht wirklich. Wir dachten immer, dass wir Regisseure werden würden, weil wir Filmfanatiker waren. Mit der Musik lief es anfangs gar nicht gut, aber wir haben nicht aufgegeben und immer weitergemacht.

Gibt es ein paar besonders schöne oder kultige Erinnerungen an eure gemeinsame Zeit?
Tonnenweise. Zum Beispiel ein tolles Konzert hier im Wiener Flex. Speziell meine Reisen durch Europa erinnern mich sehr klar und deutlich an Grant, weil wir so viel zusammen erlebt haben.

Du hast etwa zwei Jahre nach Grants Tod damit begonnen, das Buch zu schreiben. Was war der zündende Funke für den richtigen Moment?
Kurz nach Grants Tod war ich am Boden zerstört und der Gedanke kam mir erst später. Ich wollte Grant immer würdig huldigen, auch seine Songs zum Leben erwecken, wodurch ein paar davon auf meinem Album "The Evangelist" gelandet sind. Das war zu der Zeit, als ich meine Hepatitis-C-Behandlung hatte und ziemlich krank war. Der richtige Moment kam einfach von selbst. "The Evangelist" stellte ich nach meiner Behandlung zusammen und nach ein paar Konzerten zu dem Album, war es Zeit für das Buch. Die zwei Jahre nach seinem Tod waren nötig, um die Gedanken richtig ordnen zu können und etwas Abstand zu gewinnen.

Hast du dich für das Buch auch mit Familienmitgliedern und Freunden von Grant unterhalten? Weitreichend dafür recherchiert?
Es gab für dieses Buch keine Recherche. Alles kam aus meinem Kopf und meinem Herzen. Wenn ich mich an etwas erinnerte, dann war es wichtig genug, niedergeschrieben zu werden. Es gibt Ereignisse, die kann ich sogar noch ziemlich genau datieren, weil ich sie offenbar exakt in meinem Unterbewusstsein abgespeichert habe. Ich hatte also wichtige Markierlinien und sah keinen Grund dafür, extra zu recherchieren. Es hätte mich nur aus der Bahn geworfen und um meinen ursprünglichen Plan gebracht. Ich wollte, dass das Buch ein Gefühl des Impressionistischen vermitteln sollte und nicht voller leerer Effekte und langweilig-chronologischer Aufzeichnungen erscheint.

Hast du dich beim Schreiben des Buches an bestimmte Ereignisse erinnert oder gar etwas neu für dich entdeckt?
Ein paar Dinge, aber nicht allzu viele. Mir wurde wieder in Erinnerung gerufen, wie orthodox und unüblich die Go-Betweens von Anfang an waren. Grant spielte anfangs kein Instrument und wir hatten auch keinen Drummer. Wir waren keine fünfköpfige Popband, sondern ein Kollektiv aus künstlerisch vielseitig interessierten Individuen. Als wir 1977 die Band starteten, wurde mir auch der Spiegel meines Selbst vorgehalten. Wir waren Träumer und hatten nicht zwingend den Rock'n'Roll als wichtigsten Grundsatz für die Band im Sinn.

Wie habt ihr euch schlussendlich zu dieser fruchtvollen Beziehungen zusammengefunden, denn von der Persönlichkeit her gesehen wart ihr immer sehr unterschiedlich?
Es war einfach die Freundschaft, das war der kleinste gemeinsame Nenner. Was auch immer da draußen in der Welt vor sich ging, wir haben immer zusammengehalten.

War diese Reise in eine Welt der Nostalgie manchmal auch schmerzhaft? Hat dich das Buch mit Dingen konfrontiert, die du längst verdrängt hattest?
Ich finde das Buch gar nicht so nostalgisch. Ich mag Nostalgie persönlich sehr gerne, habe aber versucht, sie so stark wie möglich auszublenden. Das Buch sollte nicht einfach nur vor Vergangenem triefen.

War es für dich nach Grants viel zu frühen Tod in 2006 von Anfang an klar, dass die Go-Betweens nicht mehr weiterbestehen können?
Es war keine leichte Entscheidung, aber eine Fortführung dieser Band erschien mir unmöglich. Ich kann ein Comeback - egal in welche Richtung - einfach nicht erkennen. Es wäre falsch und es wäre einfach nicht echt, denn die Band wurde durch uns beide definiert. Es gibt im Leben immer wieder Momente, in denen du weißt, dass du etwas nie wieder machen wirst. Ein paar Jahre später macht man es dann oft doch wieder, weil man wirklich gute Gründe dafür hat. Das haben auch wir so gehandhabt, denn zwischen 1989 und 2000 existieren wir ein gutes Jahrzehnt nicht. Ohne Grant gibt es aber wirklich keinen Grund, überhaupt daran zu denken.

Die Band würde in diesem Jahr ihr 40-Jahre-Jubiläum feiern und ihr wart vor allem in den 80ern die unbesungenen Helden des Indie-Undergrounds. Hast du rückblickend das Gefühl, dass ihr nie das bekommen habt, was ihr verdient hättet?
Es wäre schön gewesen, mehr Erfolg zu haben. Wir hätten mehr Geld gehabt und unsere Leben wären wesentlich einfacher verlaufen. Das Buch ist aber keine Abrechnung mit dem Musikbusiness, das wäre für mich verschwendete Energie. Es passierten Dinge in den falschen Momenten, weshalb wir als Folge daraus nicht mehr Alben verkaufen konnten. Das beschreibe ich im Buch detailliert, aber es sollte kein großes Jammern über Ungerechtigkeit werden. Das ist nicht mein Stil.

Ihr habt schon in den 80er-Jahren zeitlose Musik geschrieben. Womöglich waren die Menschen damals einfach noch nicht bereit, euch und eure Kunst richtig zu verstehen?
Das fasst es perfekt zusammen, das musst du bitte unbedingt genau so schreiben. Eine absolut treffende Analyse, denn wir waren wirklich zur falschen Zeit mit der richtigen Musik am falschen Ort.

In welcher Ära könntest du dir die Go-Betweens vorstellen? Wann wäre eure Karriere womöglich anders verlaufen?
Mitte der 60er-Jahre. Zwischen 1963 und 1966 hätten wir unsere Hochphase gehabt, denn dort passten wir perfekt hinein. Wir hätten die Transformation von einer Beat- zu einer Mod-Band perfekt hingekriegt. Davon bin ich felsenfest überzeugt.

Wie stolz bist du darauf, dass sich so viele junge Indie-Bands und -Künstler auf euch berufen und euch zu ihren Idolen hochstilisierten?
Darüber bin ich sehr glücklich, weil ich mich genau daran erinnere, wie ich über meine Helden dachte. Bands wie die Talking Heads oder Künstler wie David Bowie habe ich bewundert und verehrt. Vielleicht verehren mich diese jungen Bands nicht so, wie ich Bowie verehre, aber ich kriege natürlich mit, was wir manchen Künstlern bedeuten und das ist fantastisch und macht mich extrem glücklich.

Waren euch die Texte, die Farbe der Poesie, stets wichtiger als die Melodie der Songs?
Nein, niemand hat jemals ein erfolgreiches Album geschrieben, weil er großartige Texte verfasste. Auch Leonard Cohen war ein Poet, dessen Wirkung sich in erster Linie durch die Songs an sich entfaltete. "Suzanne" war ein grandioses Lied, auch "Tower Of Song" oder "Bird On The Wire". Du brauchst solche Songs, weil dich sonst niemand registriert. Manche unserer Songs waren auch zu lange, das würde ich heute wohl anders machen.

Wirst du in Zukunft noch mehr Bücher schreiben, diesen Weg weiterhin bestreiten?
Furchtbar gerne. Ich denke nicht an Büchern, sondern an Geschichten. Ich will Dinge, die mich bewegen und berühren auf Papier bringen. Gedanken, Zweifel, Witze - alles. Vielleicht wird es ein Buch, vielleicht aber auch was anderes. Ich könnte mir auch einen fiktionalen Roman vorstellen.

Du hast sehr lange im deutschen Regensburg gelebt und bist nun wieder ins australische Brisbane gezogen. Wo und wie definierst du zuhause?
Ein Zuhause ist hier, im Café Goldegg. Ich fühle mich hier wohl und das reicht mir aus. In Brisbane bin ich geboren, zur Schule gegangen und meine Mutter lebt dort. Im Winter ist diese Stadt grandios, aber ich liebe es, am Meer zu sein. Brisbane ist mein Rückzugsort, aber ich bin immer auf Reisen. So definiert sich mein Leben. Ich lebe nicht wie ein Nomade, bin aber furchtbar gerne unterwegs. Ich will noch so viele Orte sehen - unter anderem Graz, Marokko, Italien in all seinen Facetten. Auch die Costa Brava würde mich interessieren, oder die Hinterländer Portugals. Es gibt zu viele schöne Plätze, um sie nicht zu besuchen.

Noch einmal live in Österreich!
Wer Robert Forstes musikalische Lesung im Wiener Theater Akzent verpasst hat, der kann den einstigen Go-Betweens-Kopf am 16. Dezember im oberösterreichischen Stadttheater Grein besuchen. Alle Infos und Karten gibt es unter www.stadttheater-grein.at.

Robert Fröwein
Redakteur
Robert Fröwein
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