Di, 12. Dezember 2017

Pilgerfahrt im Tesla

27.08.2017 17:56

Tesla Model X: Vom Reisen, Rasen und Warten

Die Landung eines Ufos könnte kaum mehr Aufsehen erregen - es ist schon eine echte Schau, mit dem Tesla Model X irgendwo aufzukreuzen. Aber ist es auch eine Schau, damit unterwegs zu sein? Ja. Wenn man es nicht eilig hat.

Du öffnest einmal die "Falcon Doors", schon wird die Menschenansammlung, die sich bereits kurz nach dem Anhalten gebildet hat, zur Menschentraube. "Darf ich mal reinschauen?" "Darf ich mich mal reinsetzen?" "Wie ist die Reichweite?" "Wie schnell ist der?" Fragen über Fragen, das Feedback ist ausschließlich positiv, und das Model X macht alle narrisch, vom Hipster bis zum Öko, vom Familienpapa bis zum Punk. Schließlich ist das Model X nicht nur cool, nein, es rettet auch die Welt. Oder nicht?

Angetrieben wird der Tesla mit Strom, der bekanntlich aus der Steckdose kommt, im Fall von Tesla idealerweise aus dem Supercharger, da geht das Batterieladen zumindest einigermaßen schnell. Dennoch stehe ich beim ersten Ladestopp auf dem Weg von vor den Toren Wiens auf dem Weg nach Deutschland mehr als eine halbe Stunde in St. Valentin. Acht Ladesäulen hat Tesla da im Outback einer OMV-Station aufreihen lassen, wo Millionen übernachtende Lkw-Fahrer ihre Notdurft verrichten, was eine entsprechende Geruchsbelästigung zur Folge hat. Kurz: Es stinkt. Man verbringt die Ladezeit also nicht in einem hippen Straßencafé, sondern angewidert am wilden Häusl, am Stehtisch der OMV oder einfach im Auto.

So schlimm ist es nicht überall. In Bernau an der bayerischen A8 etwa gibt es immerhin das Chiemsee-Mode-Outlet. Kostenlos laden und dann auch noch beim Shoppen Geld sparen - da ist die finanzielle Bilanz genauso positiv wie die Klimabilanz!

An den Chargerstationen wird man übrigens nicht von neugierigen Menschen angesprochen, da ist man unter sich, wie beim Bibelkreis. Nur dass es sich hier um Tesla-Jünger handelt. Es ist wie eine Art Glaubensgemeinschaft, die elektrisch durch die Weltgeschichte fährt und dem Guru Elon Musk huldigt. Ein Visionär, keine Frage.

Eine der schnellsten Gebetsmühlen der Welt
Das Fahren an sich ist im Tesla Model X P90D wirklich ein Spaß. Wie der 2,5-Tonner abgeht! 525 PS, volles Drehmoment aus dem Stand, in 5 Sekunden auf 100, 250 km/h Spitze! Und dabei hört man nicht mehr als ein Sirren des Antriebs, das Abrollgeräusch der Reifen und ein bisschen Fahrtwind. Geräuschlos ist es zwar nicht, aber wirklich leise.

Die 250 km/h sind allerdings relativ theoretisch. Zwar erreicht man sie recht schnell, wenn die Strecke frei ist, kann das Tempo aber nicht lang halten. Für Dauer-Vollgas ist ein Tesla nicht vorgesehen. Die Leistung wird ziemlich schnell runtergeregelt, weil der Energieverbrauch exorbitant steigt. Die Reichweitenanzeige ist auch bald überfordert und zeigt keine realistischen Werte mehr an. Dass die Reichweite an sich in den Keller geht, dürfte ohnehin klar sein, schließlich ist der Luftwiderstand des Fahrzeugs wegen seiner schieren Größe gewaltig.

Das Fahrverhalten des Tesla Model X ist besser als sein Ruf unter Benzinbrüdern. Das Fahrwerk vermittelt auch bei hohem Tempo ein sicheres Gefühl, die Lenkung wirkt hier deutlich gefühlsechter als auf der Landstraße. Die Feder/Dämpferabstimmung ist komfortabel, ohne schwammig zu werden, das flotte Gleiten ist regelrecht entspannend.

Aufpassen muss man bei Tempolimits, denn wer Verbrennungsmotoren gewohnt ist, dem fehlt die akustische Rückmeldung, mit der er das Tempo einschätzt. Der häufige Blick auf den Tacho kann viel Geld sparen.

Apropos sparen. Die Nutzung der Supercharger war bis vor Kurzem für Tesla-Kunden kostenlos. Inzwischen wird auch von Jüngern kassiert, was die Tatsache ins Bewusstsein ruft, dass Stromverbrauch nicht egal ist. Das Netz der Tesla-eigenen Ladestationen ist deutlich dichter geworden - wirklich dicht ist es aber nicht. Auf dem Weg nach Landsberg am Lech befindet sich die letzte am Irschenberg. Nicht einmal in München gibt es einen Supercharger! Der Versuch, in Landsberg zu laden, scheitert an der Ladesäule des dortigen Energieversorgers: Dort ist eine Hotline-Nummer angegeben, unter der man das Laden initiieren kann, nachdem man eine App heruntergeladen hat. Nur existiert die Hotline nicht. Auch eine zweite angegebene Nummer führt ins Nirvana statt zu ein paar kWh Strom. Bleibt das Laden an der Haushaltssteckdose. Mit leeren Akkus dauert das mehr als 24 Stunden.

Tesla Model X als Auto
Abgesehen von Antrieb und Akkus ist der Tesla Model X schlichtweg ein sehr großes Auto, dessen Optik polarisiert und mit den hinteren Türen fasziniert. Im Innenraum ist richtig viel Platz, in der Konfiguration des Testwagens können außer dem Fahrer fünf Personen zusteigen. Riesen sollten Reihe drei meiden, Normalgroße können sich durchaus nach hinten wagen. Die Sitze der zweiten Reihe wirken freischwebend, was bei geöffneten Falcon Doors einen wirklich spacigen Eindruck macht. Ufo eben.

Die Bedienung ist, nun ja, nicht sonderlich praktisch. Für fast alles braucht man den IMAX-großen Bildschirm. Das schaut spektakulär-technoid aus, lenkt aber ab und blendet sehr, wenn es dunkel ist, sei es bei Nacht oder in einem Tunnel. Dazu kommt, dass das Ganze sehr langsam ist. Die Navi-Karte baut sich grundsätzlich nach und nach in Segmenten auf.

Das Innenraumdesign ist schlicht, reduziert, aber doch um einen gewissen Luxus bemüht, der aber im Detail doch Schwächen in der Verarbeitung offenbart, die grundsätzlich nicht so das Schokoladenthema bei Tesla ist. Eine Echtholzeinlage verliert jede Eleganz, wenn sie aussieht wie frei Hand ausgeschnitten und eingepasst.

Unterm Strich
Der Tesla Model X ist kein Auto, das die Welt zum Überleben braucht. Seine faszinierende Ausstrahlung kann ihm aber keiner nehmen. Die Fahrt in dem E-Boliden bringt gleichermaßen Spaß und Entspannung, der mächtige Elektroantrieb ersetzt locker einen Besuch im Prater. Die Reichweite beträgt realistische 250 Kilometer, wenn man sich nicht voll dem Stromsparen verschreibt.

Dir Fahrtroute überlässt man auf langen Strecken dem Navigationssystem, mit dem man sich an den Superchargern gleichsam entlanghanteln kann. Das Model X macht seinen Fahrer auf der einen Seite zum Individualisten, weil er sich einen hohen sechsstelligen Betrag leisten kann, auf der anderen schränkt es die individuelle Fortbewegung ein, weil man von den Ladestellen abhängig ist.

Doch dann öffnet man einmal die Falcon Doors - und alles ist gut…

Warum?

  • Der Auftritt ist echt fett.
  • Der Antritt auch.
  • Und auch das Platzangebot.

Warum nicht?

  • Ein 2,5-Tonnen-Pkw umweltfreundlich? Geh bitte!

Oder vielleicht …

… gibt man einfach zu, dass man das Model X fährt, weil es cool ist, nicht weil es umweltfreundlich ist.

Stephan Schätzl
Redakteur
Stephan Schätzl
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