Mo, 11. Dezember 2017

Deutschland trauert

16.06.2017 17:32

Alt-Kanzler Helmut Kohl mit 87 Jahren verstorben

Der deutsche Alt-Bundeskanzler Helmut Kohl ist tot. Die Partei des früheren Kanzlers und "Vater der Deutschen Einheit", die CDU, bestätigte die Todesmeldung in einem Tweet, in dem zu lesen war: "Wir trauern." "Die deutsche Einheit und die europäische Einigung sind zwei Seiten ein und derselben Medaille" - unter dieses Credo hatte Kohl sein politisches Wirken gestellt. Als Kanzler der Einheit und Wegbereiter von Europäischer Union und Euro sicherte sich der Ehrenbürger Europas den Eintrag in die Geschichtsbücher.

Kohls Anwalt Stephan Holthoff-Pförtner bestätigte der Deutschen Presse-Agentur am Freitag den Tod des Altkanzlers.

Kohl starb am Freitagmorgen in seinem Haus in Ludwigshafen im Alter von 87 Jahren. Der 1930 geborene Kohl war von 1973 bis 1998 CDU-Vorsitzender und von 1982 bis 1998 deutscher Bundeskanzler - und somit der am längsten amtierende Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland.

Er galt als "Vater der Deutschen Einheit" und einer der Persönlichkeiten, der die Deutschen überzeugte, die Deutsche Mark für den Euro aufzugeben. Seit einem schweren Sturz 2008 war er an den Rollstuhl gefesselt.

Im Video - Helmut Kohls Aufstieg zum Kanzler der Deutschen Einheit im Rückblick:

Die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel würdigte Kohl als "Glücksfall für uns Deutsche". Die in Ostdeutschland aufgewachsene Kanzlerin hob am Freitag auch ihre ganz persönliche Verbundenheit mit seinem Wirken hervor: "Helmut Kohl hat auch meinen Lebensweg entscheidend verändert", sagte sie in Rom. Dort wird sie am Samstag von Papst Franziskus im Vatikan empfangen.

Van der Bellen, Kern und Kurz würdigen "großen Europäer"
Auch Österreichs Bundespräsident Alexander Van der Bellen, Bundeskanzler Christian Kern und Außenminister Sebastian Kurz zeigten sich betroffen vom Ableben Kohls. Wortgleich bezeichneten Van der Bellen und Kurz ihn in Aussendungen als "großen Europäer" und "Staatsmann". Kurz wies darauf hin, dass Kohl auch "maßgeblich den österreichischen EU-Beitritt unterstützt" habe.

Kern würdigte Kohl als "zentralen Mitgestalter der Europäischen Union, wie wir sie heute kennen", gewürdigt. "Helmut Kohl hat im wahrsten Sinne des Wortes Geschichte geschrieben. Europa trägt seine Handschrift", so der Kanzler. Kohl sei ein "Freund" Österreichs gewesen und habe bei den EU-Beitrittsverhandlungen Österreichs geholfen und unterstützt, betonte Kern. "Ganz Europa trauert um einen großen Staatsmann."

Auch Kohls Urlaubsort St. Gilgen am Wolfgangsee trauert
Im einstigen Urlaubsort von Kohl, St. Gilgen am Wolfgangsee in Salzburg, löste die Todesnachricht Betroffenheit aus. "Dr. Kohl war Ehrenbürger von St. Gilgen und der Region überaus verbunden", sagte Franz Mayrhofer, der Vorsitzende des Tourismusverbandes, der Deutschen Presse-Agentur. "Über 30 Jahre hat das Ehepaar Helmut und Hannelore Kohl in St. Gilgen seinen Sommerurlaub verbracht und mit vielen Menschen am Wolfgangsee einen liebevollen Kontakt gepflegt."

Obwohl Kohl nach dem Tod seiner ersten Frau 2001 nicht mehr nach St. Gilgen kam, sei er ihm, Mayrhofer, weiter freundschaftlich verbunden geblieben. Mayrhofer betreibt im Ort eine Konditorei, die eigens zu Ehren von Helmut Kohl eine "Kanzlertorte" kreiert hat. Am Ufer des Wolfgangsees gibt es auch einen Helmut-Kohl-Park.

Zahlreiche Menschen bekundeten am Freitagabend ihre Trauer um den verstorbenen Alt-Kanzler auch in sozialen Netzwerken:

Geboren wurde Helmut Kohl am 3. April 1930 als drittes Kind eines Finanzbeamten. Das Ende des Zweiten Weltkrieges, in dessen letzten Monaten sein Bruder Walter fiel, erlebte Kohl in einem Wehrertüchtigungslager bei Berchtesgaden. Schon als Schüler trat Kohl 1947 in die CDU ein. Nach dem Abitur 1950 studierte er Geschichte, Jura und Staatswissenschaften. Ein Jahr nach seiner Promotion wechselte Kohl 1959 mit dem Einzug in den rheinland-pfälzischen Landtag voll in die Politik.

1973 hatte Kohl dann den Sprung an die Spitze der Bundespartei geschafft. Bis zum Amt des Bundeskanzlers dauerte es dann noch einmal neun Jahre. Mit Hilfe der FDP stürzte er SPD-Kanzler Helmut Schmidt über das bisher einzige Misstrauensvotum in der deutschen Nachkriegsgeschichte und wurde 1983 in einer vorgezogenen Bundestagswahl klar bestätigt.

"Birne" Kohl oft und eklatant unterschätzt
Kaum ein anderer deutscher Spitzenpolitiker wurde so oft und eklatant unterschätzt wie Kohl. In den ersten Jahren seiner Kanzlerschaft sah sich der Pfälzer Spott und Häme wegen seiner Volksverbundenheit und der zunehmenden Körperfülle ausgesetzt. "Birne" war wohl der bekannteste Schmähruf seiner Gegner. Doch Kohl focht das nicht an. Er wurde immer mächtiger und auch massiger. Allein schon durch seine gewaltige Erscheinung flößte er bei Anhängern Respekt ein und wirkte auf Gegner einschüchternd. Er kanzelte gnadenlos diejenigen ab, die innerhalb der CDU an seinem Mythos kratzten.

Im Video - Kohl und der "entsetzliche Stuhl":

Bei seinem Aufstieg wie während seiner Amtszeit baute der Machtmensch auf das sprichwörtliche System Kohl. Durch langjährige und regelmäßige Kontakte mit den CDU-Orts- und Kreisvorsitzenden schuf er sich eine derart starke Machtbasis, dass er nicht auf das klassische Partei-Establishment angewiesen war. Das System Kohl funktionierte auch auf internationaler Ebene.

Die von ihm gesuchten und gepflegten engen persönlichen Beziehungen zum französischen Präsidenten Francois Mitterrand, zu Michail Gorbatschow und Boris Jelzin sowie zu den US-Präsidenten George Bush und Bill Clinton waren wesentliche Voraussetzungen dafür, Ängste vor einem wiedervereinigten Deutschland zerstreuen zu können.

Fall der Mauer und des Eisernen Vorhangs als Chance gesehen
Ein weiteres Merkmal war das schon legendäre Aussitzen von Problemen und Krisen. Das führte allerdings auch dazu, dass angekündigte und notwendige Reformen nur schleppend umgesetzt wurden. Davon sprach aber dann niemand, denn die Mauer und der Eiserne Vorhang fielen.

Im Video - Kohl wird Kanzler der Deutschen Einheit:

Kohl ergriff die einzigartige Chance, und es gelang ihm auch durch seine persönlichen Vertrauensverhältnisse zu Bush, Mitterrand und Gorbatschow, Widerstand gegen die deutsche Einheit zu zerstreuen. Den Grundstein dafür legte er im Dezember 1989. Kohl wählte einen symbolträchtigen Ort. Vor der Ruine der Dresdner Frauenkirche rief er aus, dass von deutschem Boden nie mehr Krieg und immer Frieden ausgehen müsse.

Im Video - Die lange "Kohl-Nacht" im Dezember 1989:

Immer wieder setzte Kohl auf symbolträchtige Gesten - nicht immer mit Erfolg. Im September 1984 trafen sich Kohl und Mitterrand auf dem Schlachtfeld von Verdun, um der Toten der beiden Weltkriege zu gedenken.

Die Bilder des minutenlangen Händedrucks wurden zum Symbol der deutsch-französischen Aussöhnung. Ein halbes Jahr später löste der gemeinsame Besuch Kohls und des US-Präsidenten Ronald Reagan auf dem Soldatenfriedhof in Bitburg heftige Kontroversen aus: Auf dem Friedhof sind auch Angehörige der Waffen-SS beerdigt.

Im Video - Reagans und Kohls umstrittener Besuch auf Soldatenfriedhof:

70 Jahre Parteimitglied, 25 Jahre Parteivorsitzender
Nicht nur in der Regierung, auch in der Partei setzte Kohl Rekorde: 70 Jahre Parteimitglied, 25 Jahre Parteivorsitzender. Doch der Mythos Kohl verblasste durch die CDU-Spen 1990er Jahren insgesamt nicht deklarierte 1,5 bis zwei Millionen Mark zusteckten, gab es einen Bruch zwischen ihm und der Partei.

Im Jänner 2000 sah er sich gezwungen, den Ehrenvorsitz der CDU abzugeben. Jahrelang wurde er gemieden, und nur langsam suchten wieder Parteigrößen und auch Bundeskanzlerin und CDU-Chefin Angela Merkel wieder seinen Rat und Nähe. In dieser Zeit musste Kohl auch einen privaten Schicksalsschlag einstecken. Seine frühere Frau Hannelore, die an einer unheilbaren Lichtallergie litt, nahm sich 2001 das Leben. Kohl heiratetet 2008 seine langjährige Lebensgefährtin Maike Richter.

Nach Skandal am Ende wieder geachtet und hofiert
Zum 75. Geburtstag 2005, der mit einem Festakt im Deutschen Historischen Museum in Berlin mit prominenten politischen Weggefährten aus dem In- und Ausland gefeiert wurde, war er wieder voll da. Uneingeschränkt wurde die großen Verdienste Kohls als Kanzler der Einheit und treibende Kraft der europäischen Einigung gewürdigt. Dass sich selbst dann die ostdeutschen Länder entgegen seiner Aussage von 1990 noch nicht in blühende Landschaften verwandelt hatten, schrieb er einer globalen Fehleinschätzung über den wahren Zustand der DDR zu.

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Redaktion
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