Di, 21. November 2017

Live im Konzerthaus

02.05.2016 00:53

Birdy flog geradeaus in die Herzen ihrer Fanschar

Inmitten einer mondänen Szenerie im Wiener Konzerthaus erlebten rund 1.700 Fans eine eineinhalbstündige Machtdemonstration der musikalischen Entrücktheit. Bei ihrer Österreich-Premiere begeisterte die 19-jährige Britin Birdy mit fein nuancierter Zurückhaltung und stimmlicher Top-Akrobatik.

Drei Alben hat es gebraucht, bis die hiesigen Veranstalter sich erweichen ließen, um das derzeit populärste Vögelchen des Musikbusiness endlich nach Österreich zu holen. Birdy ist in den hiesigen Radios schon seit längerer Zeit konstanter Stammgast und hat sich im Zuge ihrer "Beautiful Lies"-Tour auch in Wien ein temporäres Nest gebaut. Der Rahmen für die melancholische Veranstaltung hätte nicht passender sein können - während die Britin andernorts allzu oft in versifft-schmierigen Rockschuppen ihr Piano drapieren muss, wird sie in Wien vom Prunk des mondänen Konzerthauses umschlossen.

Sanfte Strahlkraft
Angesichts der melancholisch-eindringlichen Lieder des erst 19-jährigen Jahrhunderttalents hätte der Rahmen kein besserer sein können. Im Gegensatz zu den Anfangszeiten muss sich die Künstlerin heute nicht mehr nur auf sich und das Klavier verlassen, eine fünfköpfige Band unterstützt ihr meist sehr sanftes Timbre mit begleitenden Geigenklängen, treibender Percussion oder selten eingeflochtenen Rock-Ansätzen. Niemals lenkt die unspektakulär begleitende Band von der Strahlkraft Birdys ab, die mit offen getragener, wallender Mähne und der Schüchternheit eines späten Teenagers das genaue Gegenteil jeglicher Female-Pop-Trends darstellt.

Ihre Songs sind weniger eine Auflistung von großen Hits, sondern vielmehr ein fein nuanciertes Zwiegespräch zwischen Stimme und Instrument. Unter dem gedimmten Wohnzimmerlicht am Flügel fühlt sich Birdy am wohlsten, hier kann sie aus einem Teilversteck heraus für große Töne sorgen und stellt sich als Person in den Hintergrund. Die sanft akzentuierte Show, die im Prinzip nur aus einem großen Samtvorhang und selten aufblitzenden Lichteffekten besteht, konterkariert den Höher/Schneller/Weiter-Wahn, der die Popwelt heute fest im Griff hat und das visuelle Effekteheischen mit penetranter Vehemenz vor die Welt des Klanges stellt.

Fremde Federn
Bei Birdy fühlt man sich anno 2016 fast im musikalischen Mittelalter angekommen, was ausschließlich als Kompliment aufgefasst werden sollte. Mit dem Cherry-Ghost-Cover "People Help The People" und "Hear You Calling" hat sie die rund 1.700 Anwesenden sehr schnell im Griff. Das anfangs begeisterte Gejohle der treuen Fanschar weicht aber schnell einem andächtigen Lauschen. Es ist kein Partyabend für laute Gesten, sondern ein zurückgelehnter Wochenabschluss in gediegener Umgebung. Musikalisch mäandert Birdy gekonnt zwischen ihren drei Alben - bei eigenständigen Versionen von "Young Blood" (The Naked And Famous) oder "Shelter" (The XX) vergisst man kurzzeitig sogar, dass manche Songs eigentlich aus anderen Federn stammen.

Nach fünf Jahren im Musikgeschäft hätte sie die Cover-Interpretationen gar nicht mehr nötig, schmiegen sich doch mittlerweile massig eigene Hits in das reichhaltige Repertoire. Dabei stellt sich trotz der Erfolge ihrer neuen Singles "Wild Horses" und dem Radiohit "Keeping Your Head Up" heraus, dass die Songs ihres zweiten Albums "Fire Within" von herausragender Qualität sind. Das hymnische "Wings" punktet mit gänsehautfördernder Atmosphäre und einem melodisch perfekten Spannungsaufbau, "Words As Weapons" ist auch inhaltlich an Aktualität nicht zu überbieten. Nur selten bewegt sich Birdy aus dem Kokon des Pianos, macht aber auch mit Gitarre zu "White Winter Hymnal" oder nur auf die Stimme konzentriert ("Keeping Your Head Up") eine gute Figur.

Edel und ehrfürchtig
Verstärkt wird das gemächliche Treiben durch die natürliche Optik des Saals. Die Interpretin reflektiert samt den Lichteffekten als Schatten über die sezessionistisch geprägten Jugendstilsäulen im Konzerthaus und riskiert dabei hier und da selbst einen ehrfürchtig-verstohlenen Blick auf die edle Szenerie. Dass sie den magischen Abend mit einer inbrünstig vorgetragenen Version des Bon-Iver-Goldstücks "Skinny Love" beschließt, war würdig und passend. Die Spatzen pfiffen es nicht umsonst schon lange von den Dächern - hier ist etwas wahrlich Großes am Entstehen. Einfach und eindrucksvoll, Musik endlich wieder auf das Wesentliche heruntergebrochen.

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