Mi, 22. November 2017

Europaweiter Alarm

09.06.2008 23:14

Slowenen entschuldigen sich für Frühwarn-Chaos

Nach der AKW-Panne im slowenischen Atomkraftwerk Krsko am Mittwoch stand ganz Europa für Stunden unter Schock. Die erste europaweite Alarmmeldung vom Störfall im grenznahen Reaktor hatte bei vielen Angst ausgelöst. Auslöser waren offenbar chaotische Zustände im slowenischen Frühwarnsystem. Durch eine Formularverwechslung hieß es einerseits, es habe sich nur um eine Übung gehandelt, andererseits wurde von der EU durch eine fehlerhafte Meldung aus Laibach europaweiter Alarm gegeben. Am Donnerstag haben sich die Slowenen für die peinlichen Pannen nach dem Zwischenfall im AKW entschuldigt.

Im Kühlsystem des AKW war am Mittwochnachmittag Flüssigkeit ausgetreten. Der Skandal: Das Leck wurde um 15.00 Uhr entdeckt und erst um 17.38 Uhr der EU gemeldet, die den europaweiten Alarm wiederum erst zwei Stunden später ausgelöst hat! Und: Dem österreichischen Strahlenschutz wurde der Zwischenfall von Slowenien nur als Übung gemeldet. Umweltminister Josef Pröll hat seinem Ärger am Donnerstag beim Treffen der EU-Umweltminister Luft gemacht. Prölls slowenischer Amtskollege hat volle Aufklärung versprochen und sich entschuldigt.

"Es war keine Übung", sondern es sei ein Leck aufgetreten, bestätigte die Sprecherin der slowenischen EU-Ratspräsidentschaft, Maja Kocijancic. Es sei Kühlflüssigkeit durch ein Leck in der Nähe der Primärwasserpumpe ausgelaufen, jedoch keine Radioaktivität entwichen und keines der Brennelemente beschädigt worden. Für Menschen und Umwelt habe keine Gefahr bestanden. Direktor Stane Rozman bemerkte am Donnerstag gegenüber "Radio Slovenija" leger: "Das Problem ist nichts Außergewöhnliches."

Protest gegen Informations-"Wirrwarr"
Umweltminister Josef Pröll (ÖVP) hat seinem Ärger über die Falschinformation an die unmittelbaren Nachbarstaaten über den Zwischenfall im slowenischen Atomkraftwerk Krsko beim Treffen der EU-Umweltminister am Donnerstag in Luxemburg Luft gemacht. "Es muss unverzüglich geklärt werden - und ich werde das auch im Rat ansprechen - wie es zu diesem Wirrwarr an Informationen kam", sagte Pröll bei seiner Ankunft zu den Beratungen. Der slowenische Umweltminister und amtierende Ratsvorsitzende Janez Podobnik betonte, es sei ein falsches Formular verwendet worden, der Betreiber habe sich bereits entschuldigt. "Es war ein normaler menschlicher Fehler", sagte er.

Pröll verärgert über "Verunsicherung der Menschen"
Er wolle "auf Punkt und Beistrich" geklärt wissen, wie es dazu kommen konnte, dass in Europa ein Alarm ausgelöst wurde, während Österreich - ebenso wie Ungarn und Italien - benachrichtigt wurden, es handle sich um eine Übung", sagte Pröll. Der Vorfall zeige zwar, dass das europäische System funktioniert hat. Offensichtlich sei die Information Sloweniens an die EU aber eine andere als an die Nachbarstaaten. "Und das kann im Sinne der Verunsicherung der Menschen so nicht funktionieren. Da muss mann sich auf gleiche, kongruente Informationen verlassen können", so Pröll. Das werde er seinem slowenischen Kollegen auch klar machen.

Slowenien verspricht volle Aufklärung
Der slowenische Umweltminister Janez Podobnik hat bei dem Treffen in Luxemburg volle Aufklärung der Informationsproblem rund um den Vorfall im Atomkraftwerk Krsko zugesagt. Podobnik entschuldigte sich nach Angaben des Sprechers der slowenischen Präsidentschaft zu Sitzungsbeginn und versprach, den Hergang eingehend zu untersuchen.

Experte: AKW Krsko "im Prinzip ein gutes Kraftwerk"
Der Leiter des Instituts für Risikoforschung der Universität Wien, Wolfgang Kromp, beurteilt das slowenische AKW Krsko nach dem Zwischenfall vom Mittwoch als "im Prinzip gutes Kraftwerk". Kromp war 1992 Mitglied einer internationalen Kommission, die den Atommeiler analysierte. Damals seien viele Fehler identifiziert worden. "Das meiste wurde zwischenzeitlich behoben", sagte der Atom-Experte. Der "verbleibende Mangel" sei die Tatsache, dass Krsko "am falschen Platz steht", nämlich auf einer seismologischen Bruchlinie und damit in einem Erdbeben gefährdeten Gebiet. Kromp würde sich wünschen, dass die AKW-Betreiben diesbezüglich nachrüsten.

Das Atomkraftwerk Krsko wurde vor 31 Jahren vom US-Konzern Westinghouse gebaut und ist das einzige AKW auf dem Gebiet des früheren Jugoslawien. Das Kraftwerk befindet sich auf slowenischem Territorium, gehört aber je zur Hälfte den beiden ehemaligen jugoslawischen Teilrepubliken Slowenien und Kroatien. Es produziert derzeit 20 Prozent des slowenischen und 15 Prozent des kroatischen Strombedarfs.

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