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05.07.2026

Festspiele in Salzburg

Gegenwart im Spiegel der Literatur

Stücke zweier Literaturnobelpreisträger aus Österreich werden diesen Sommer bei den Festspielen uraufgeführt: Elfriede Jelineks„Unter Tieren“ und Peter Handkes „Schnee von gestern, Schnee von morgen“.

Peter Handke erhielt den Nobelpreis 2020„für ein einflussreiches Werk, das mit sprachlicher Genialität die Peripherie und die Spezifität der menschlichen Erfahrung erforscht“.Foto: APA-Images / AFP / ALAIN JOCARD

Beide sind sie fraglos außergewöhnliche Sprachforschende der Gegenwart, beide sind sie dem Wesen des Menschseins auf der Spur, suchen es mit aller Komplexität und in aller Schonungslosigkeit in ihren Texten zu stellen, zu ergründen und zu fassen. Auch der Literaturnobelpreis wurde beiden zugesprochen. Und doch sind es gänzlich unterschiedliche sprachliche Universen, die sie in ihrer Literatur aufspannen und erforschen.

Elfriede Jelinek und Peter Handke geben in diesem Sommer Einblick in ihre literarischen Gegenwartsvermessungen – mit zwei Uraufführungen, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Was Elfriede Jelineks „Unter Tieren“ und Peter Handkes „Schnee von gestern, Schnee von morgen“ miteinander verbindet, sind die absolut gegenwärtigen Fragen, die beide Autoren antreiben. Immer geht es um die Analyse von Wahrnehmung und um gesellschaftliche Wirklichkeiten. Beide Autoren haben in ihren theatralen Erforschungen den klassischen Rahmen der linearen Handlung hinter sich gelassen, nehmen ihre Leserschaft mit auf eine gefahrenvolle Gedankenreise, laden ein, über die Verletzlichkeit des Menschseins nachzudenken.

Ertastendes Erkennen der Welt

Was die Texte grundlegend voneinander unterscheidet, ist die Perspektive, aus der sie geschrieben sind. Peter Handke ergründet in „Schnee von gestern, Schnee von morgen“ das Individuelle, die Stille und das ertastende Erkennen der Welt. Bei der Uraufführung des Stückes am 27. Juli im Landestheater führt der deutsche Theatermacher Jossi Wieler Regie, Jens Harzer und Marina Galic stehen auf der Bühne bei diesem „Lautwerden des einen kreuz- und quergehenden Zeit seines jeweiligen Innehaltens“ – so der Untertitel. Handke knüpft darin an sein lebenslanges literarisches Interesse am Wahrnehmen, am Gehen und am Erinnern an. So ist auch das Stück ein sprachlicher Spaziergang, ein Geflecht aus Reflexionen – poetisch, assoziativ und voll feiner Ironie.

Geschärfter Blick auf Kleinigkeiten

„Das Besondere an der Beschäftigung mit Handke ist, dass er mit seinen Texten vom Theater fordert, Verantwortung zu übernehmen und etwas Eigenes zu finden. Damit lässt sich ein Schatz heben“, sagt Schauspieler Jens Harzer, der mit den Jahren zum Handke-Kenner geworden ist. Es sei die Art des Blicks, geschärft auf die Kleinigkeiten im Großen und die Übertragbarkeit auf das Leben, die ihn für Handkes Literatur begeistert hat, so Harzer.

Elfriede Jelinek wurde 2004 mit dem Nobelpreis ausgezeichnet für ihre „sprachliche Leidenschaft“ und ihren „musikalischen Fluss von Stimmen und Gegenstimmen“. Foto: APA-Images
Elfriede Jelinek wurde 2004 mit dem Nobelpreis ausgezeichnet für ihre „sprachliche Leidenschaft“ und ihren „musikalischen Fluss von Stimmen und Gegenstimmen“. Foto: APA-Images

Eine gänzlich andere Perspektive nimmt Elfriede Jelinek in „Unter Tieren“ ein, ein Text, der am 16. August auf der PernerInsel uraufgeführt wird. Sie richtet ihren Blick nicht ins Innere, sondern nach außen – auf Systeme, auf Sprache als Ideologie und die politische Dimension des Lebens.

Jelinek bleibt in „Unter Tieren“ ihrem politisch-analytischen Zugang treu, wählt jedoch ein ungewöhnliches Setting. Eine Gruppe von Tieren versucht, den menschlichen Finanzkapitalismus zu verstehen – und scheitert daran. Der Mensch kommt in dieser Welt gar nicht mehr vor. Er hat seine Stimme verwirkt, sie verloren.

Schonungslos entlarvende Analyse

Schreibanlass für „Unter Tieren“ war wie bei Jelineks Kapitalismus-Stück „Kontrakte des Kaufmanns“ ein Finanzskandal: die größte Pleite der Nachkriegszeit rund um Investor René Benko. Der Jelinek-erprobte Nicolas Stemann führt Regie, es spielen u. a. Mavie Hörbiger, Caroline Peters, Barbara Petritsch und Branko Samarovski. Ob „Schnee von gestern, Schnee von morgen“ oder „Unter Tieren“: Was diese beiden Uraufführungen des Festspielsommers aufspannen, ist das Spannungsfeld der Gegenwart im Spiegel der Literatur: die Aufwertung des subjektiven Erlebens auf der einen Seite und das Enttarnen eben dieser Subjektivität als Teil von gesellschaftlichen Strukturen auf der anderen. Gemeinsam zeigen sie eine Gegenwart, die taumelt zwischen tastendem Erkennen und schonungslos entlarvender Analyse.