16.12.2006 18:24 |

Säugling verdurstet

Baby in Deutschland verdurstet

Der zehn Monate alte Leon aus Sömmerda im deutschen Bundesland Thüringen ist verdurstet, weil ihn seine Mutter vier Tage lang in der Wohnung zurückgelassen hatte. Seine zwei Jahre alte Schwester Lena überstand das Martyrium nach Polizeiangaben in einem Laufgitter trotz akuten Flüssigkeitsmangels. Zwei Polizistinnen hatten die Wohnung am Donnerstagnachmittag öffnen lassen, weil das Jugendamt die Kinder in seine Obhut nehmen wollte. Wenige Stunden nach dem Fund der Babyleiche wurde die 20 Jahre alte Mutter bei einer Bekannten in der Nähe festgenommen worden. Sie habe sich überfordert gefühlt und die Kinder seit vergangenem Sonntag in der Wohnung zurückgelassen, sagte sie nach Angaben der deutschen Kriminalpolizei.

Die Ermittler haben keine Hinweise auf monatelange Unterernährung oder Misshandlung gefunden. Das Baby starb laut Obduktionsergebnis wahrscheinlich schon am Sonntag oder Montag an Flüssigkeitsmangel. In seinem Gitterbett fanden die Ermittler zwei leere Babyfläschchen.

Die Mutter hat nach ihrer Festnahme zwar einen verstörten Eindruck gemacht, war aber in der Lage, die Situation zu verstehen, sagte ein Polizeisprecher. „Ihr ist bewusst, dass ihre lange Abwesenheit für die Kinder ernste Konsequenzen haben konnte.“ Die Ermittler gehen aber nicht von Vorsatz aus. Die Staatsanwaltschaft kündigte Haftantrag unter anderem wegen Totschlags an.

Mutter hatte keinen Strom in der Wohnung
Das Jugendamt von einer Nachbarin darauf aufmerksam gemacht worden, dass sich die Mutter wahrscheinlich zu wenig um ihre Kinder kümmere. Bei einem Termin Mitte November hätte das Jugendamt nach eigenen Angaben jedoch nichts Auffälliges bei den Kindern feststellen können. Es ist aber nicht klar, ob der Termin in der Wohnung der Frau stattfand. Mehr als eine Woche vor dem Treffen wurde der Frau der Strom wegen unbezahlter Rechnungen abgestellt. Das zuständige Energieunternehmen wusste nach Angaben eines Sprechers nicht, dass Kinder in der Wohnung waren.

Jugendamt soll keine Fehler gemacht haben
Das Jugendamt hatte damals nach dem Treffen angeordnet, die junge Frau müsse ihre Kinder ärztlich untersuchen lassen, was sie aber nicht tat. Daraufhin plante das Amt, den Bub und das Mädchen per Gerichtsbeschluss in die Obhut des Vaters zu geben, den die Frau ein Vierteljahr zuvor aus der Wohnung geworfen hatte. Als die Eltern zu dem Termin am vergangenen Montag nicht erschienen, beantragte das Jugendamt, sie selbst in Obhut zu nehmen. Mit dem entsprechenden Gerichtsbeschluss fuhren Polizei und Jugendamt dann zur Wohnung. „Es gibt derzeit keine Anhaltspunkte für strafrechtliche Versäumnisse des Jugendamtes“, sagte der Ermittler der Kriminalpolizei.

In Deutschland sterben 3 Kinder pro Woche an Vernachlässigung
Die Linkspartei im Thüringer Landtag forderte nach der Tragödie einen Notfallplan bei Anzeichen von Vernachlässig und Misshandlung von Kindern und beantragte eine Sondersitzung des zuständigen Landtagsausschusses. Nach Angaben des Bundes Deutscher Kriminalbeamter sterben in Deutschland statistisch gesehen mindestens drei Kinder pro Woche an den Folgen von Gewalt oder Vernachlässigung.

Zuletzt hatte der Tod des kleinen Kevin in Bremen für Entsetzen gesorgt. Im Oktober war die Leiche des Zweijährigen im Kühlschrank des Stiefvaters gefunden worden. Das Kind hatte unter der Vormundschaft des Jugendamtes gestanden, lebte aber beim drogenabhängigen und vorbestraften Lebensgefährten seiner verstorbenen Mutter. Gegen den Stiefvater wurden anschließend Ermittlungen wegen Totschlagsverdachts aufgenommen.