So, 19. August 2018

Vorzeigedestination

27.08.2017 10:34

Nachhaltige Ferien auf Kreta

Biologischer Anbau, lokale Produkte, traditioneller Genuss: Wer jetzt nach Kreta reist, macht Ferien fürs gute Gewissen. Die größte griechische Insel hat sich als Ziel gesetzt, zur Vorzeigedestination für sanften Tourismus zu werden - und macht Urlauber nachhaltig glücklich.

Diese Weinberge", sagt George Kornarakis und lässt seinen Blick über sanfte Hügel voller üppig-grüner Reben schweifen, "erzählen die Geschichte meines Lebens". Sein Vater stirbt, als er gerade einmal zehn Monate alt ist, seine Mutter bleibt mit zwei Kindern und den Weinbergen zurück. Verzagen kommt für die resolute Griechin aber nicht infrage, also packt sie an und übernimmt das Kommando. Weil das Geld für eine Kinderbetreuung fehlt, wächst George Kornarakis in den Weinbergen auf, hier, im Landesinneren der Insel Kreta.

Weinanbau
"Die Reben waren immer schon meine Freunde", sagt er breit lächelnd. "Sie sind ja mit mir groß geworden." Heute ist George Kornarakis 57 und sein Leben wird noch immer von den Jahreszeiten in den Weinbergen bestimmt. Zufrieden deutet er auf die Weinstöcke: Seit Kurzem setzt er hier auf einen biologischen Anbau. Er hat nur heimische Rebsorten gepflanzt, die Trauben wachsen ganz ohne Gift. Das schmeckt man. Wo Urlauber früher oft versuchten, sich mit dem harzig schmeckenden Retsina anzufreunden, im Glauben, der Tafelwein sei typisch für Griechenland, trinkt man heute hochwertige Tropfen, die vom Weinberg um die Ecke stammen. Kein Wunder, denn Kreta ist eines der ältesten Weinanbaugebiete der Welt.

Das sieht man im kleinen Dorf Vathypetro, 20 Kilometer südlich von Heraklion: Hier steht eine 3500 Jahre alte Weinpresse, die älteste in Europa. Aus den Trauben, die in den Hügeln rund um Vathypetro schwer hängen, wird Wein, der Touristen ein völlig neues Geschmackserlebnis bietet.

Sanfter Tourismus
Wer heute auf der größten griechischen Insel urlaubt, spürt rasch einen neuen Trend, der sich quer über die Insel zieht. Auf dem Massentourismus von einst klebt heute ein grünes Etikett: Kreta setzt vermehrt auf sanften Tourismus, auf traditionelle und biologische Landwirtschaft und auf einen fairen Umgang mit Land und Leuten.

Es sind die Weinproduzenten, die Olivenfarmer, die einfachen Bauern und Viehzüchter, die sich zusammengeschlossen haben, um ihre Insel zu einer "Sustainable Food Destination" zu machen. "Unser Ziel ist es, Tourismus mit Nachhaltigkeit zu verknüpfen", erklärt Kostas Bouyouris von der Initiative Local Food Experts. Dabei geht es nicht nur um Nachhaltigkeit, sondern auch um die Vermittlung dieser Werte an die Urlauber. "Touristen sollen sehen und erleben, was wir hier bewegen."

Auch das Reiseunternehmen TUI hat den Trend erkannt und 2016 die TUI Care Foundation gegründet. In 30 Projekten und 25 Ländern werden Ideen gefördert, die jungen Menschen durch Bildung und Ausbildung neue Zukunftsperspektiven eröffnen, die Natur und Tierwelt erhalten oder eine nachhaltige Entwicklung in den Urlaubszielen der Welt fördern. Heuer will die TUI Care Foundation dafür rund vier Millionen Euro einsetzen.

Tourismus und Landwirtschaft
"Sustainable Food: Ein Gewinn für Destinationen und Urlauber" ist der Aufhänger des Projektes, das 47 Weinproduzenten, zwei Weingüter, 25 Olivenfarmer und eine Olivenmühle miteinander vernetzt. "Mit der Entwicklung der größten griechischen Insel zu einer Vorzeigedestination für nachhaltige Landwirtschaft und nachhaltigen Urlaub möchten wir dazu beitragen, Griechenland als Reiseziel noch attraktiver zu gestalten", sagt Thomas Ellerbeck, Vorsitzender des Kuratoriums der TUI Care Foundation. Die Vision wird auch unterstützt vom Projekt Futouris, das zwischen den Produzenten und dem Tourismus eine Brücke schlagen soll.

Das Konzept geht auf - und schmeckt
Die zwei Hauptprodukte der Insel, Wein und Olivenöl, werden besonders gefördert und legen immer mehr an Qualität zu. Das liegt nicht nur an den neuen ökologischen Anbau- und Verarbeitungsprozessen, sondern auch an der Idee, alte einheimische Rebsorten zu erhalten. Denn diese sind ideal ans kretische Klima angepasst und wirken sich positiv auf die Natur aus.

Wie gut der Wein hier gelingt, schmeckt man zum Beispiel auf dem Weingut Lyrarakis in einem Hochtal bei Alagni. Das 1966 gegründete Familienweingut besitzt zwölf Hektar Rebfläche, auf der 15 charakterstarke und authentische Rot- und Weißweine entstehen. Und weil unter dem Etikett Sustainable Food Destination nicht nur die Produzenten, sondern auch die Touristen Nachhaltigkeit lernen sollen, können die Gäste Produktionsstätten besuchen, sich mit den Produzenten austauschen und natürlich die lokalen Produkte kosten.

Auch Hotels lassen sich auf den nachhaltigen Zugang ein
Im Grecotel White Palace, wenige Kilometer außerhalb der Stadt Rethymno, stammen rund 80 Prozent der Lebensmittel von heimischen Produzenten. Sitzt man auf der weitläufigen Terrasse des malerischen Fünf-Sterne-Hotels und genießt das Frühstück, kann man sich den Geschmack der Insel sprichwörtlich auf die Buttersemmel schmieren: goldenen Honig, würzigen Feta, knackige Gurken. Das dickflüssige Joghurt, das auf der Zunge zergeht, "wird eine halbe Stunde vom Hotel entfernt hergestellt", weiß Yiannis Zoulakis, General Manager im Grecotel White Palace, und nimmt selbst genießerisch einen Löffel. Genießen steht hier nämlich 24 Stunden im Vordergrund.

"Farmer for a day"
Neben dem Food-Konzept im Hotel schmeckt man die kretische Nachhaltigkeit vor allem auf der zu Grecotel gehörenden Agreco Farm nur wenige Kilometer entfernt. Hier können Besucher ohne Aufpreis nachhaltige Landwirtschaft hautnah erleben. "Farmer for a day" ist das Konzept, bei dem man schon vor dem Dinner lernt, was man später auf dem Teller hat. Aus Wasser, Mehl und Salz wird ein Teig geknetet und im Freien daraus ein knuspriges Brot gebacken, das man mit Olivenöl und Salz beträufelt; ein einfacher, aber authentischer Genuss, der die Geschmacksknospen aufgehen lässt.

Rosmarin, Oregano und wilde Artischocken
Verschlungene Spazierwege führen auf rund 20 Hektar durch Felder, auf denen ein buntes Potpourri wächst: wilde Artischocken, üppige Tomaten, saftige Gurken und duftende Kräuter wie Thymian, Rosmarin, Oregano. Zum Sundowner sitzt man dann auf der weitläufigen Terrasse, staunt über den farbenfrohen Sonnenuntergang und wippt mit, wenn Musiker in traditioneller Tracht aufspielen und Tänzerinnen über den Innenhof wirbeln.

Nach dem Essen weiß man zwar nicht mehr, wie viele Gänge man verputzt hat, man spürt nur ein Glücksgefühl und hat den Geschmack der Insel auf der Zunge: gefüllte Zucchiniblüten, cremiger Feta, üppige Oliven, gehaltvolles Tsatsiki, dazu würzige Dolmadakia, knusprige Souvlaki und Bifteki und eine butterweiche Schafsleber mit Äpfeln und Zimt. Das Gefühl zwischen Freude, Faszination und Foodkoma, das einen hier oben erfüllt, lässt sich in einem Wort zusammenfassen, das auf Kreta kreiert worden sein könnte: Philoxenia - das griechische Wort für Gastfreundschaft.

Franziska Aichwalder/Andrea Thomas, Kronen Zeitung

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