16.02.2017 16:17 |

Wäre 50 geworden

Kurt Cobain: Robin Hood mit Stromgitarre

Mit Nirvana revolutionierte er das gesamte Musikgeschäft und schrieb Geschichte. Doch so fulminant der sensible Charakter Kurt Cobain ungewollt die Welt eroberte, so abrupt und rasant erfolgte der Absturz. Zeit seines Lebens fühlte sich der Blondschopf von der Welt unverstanden und nahm sich am 5. April 1994 mit nur 27 Jahren das Leben. Nun hätte die Grunge-Legende ihren 50. Geburtstag gefeiert. Wir blicken zurück auf eine einzigartige Karriere und wühlen tief in persönlichen Erinnerungen.

Die Zeit rennt. Das wissen und spüren wir alle. Und je älter man wird, umso so schneller dreht sich die gefühlte Uhr. Die Fußball-EM in Österreich fand vor fast zehn Jahren statt? Der Fall des Eisernen Vorhangs liegt mehr als ein Vierteljahrhundert zurück? Wir haben vor mehr als 15 Jahren das letzte Mal mit Schillingen bezahlt? Ein unangenehmes Frösteln durchzuckt den Körper, man starrt für wenige Momente kurz aus dem Bürofenster und versucht panisch Gedanken zu sortieren, wird durch einen Anruf oder das Aufploppen einer Outlook-Mail aber schnell wieder in die Realität zurückgeschubst.

Pate des Grunge
Nun erinnern sich Musikliebhaber dieser Tage aber nicht nur an den viel zu früh verstorbenen Falken aus Wien, sondern auch an Nirvana-Legende Kurt Cobain. Der Pate des Grunge, die bis heute letzte markante Revolution im Unterhaltungsmusiksektor, würde diesen Montag, 20. Februar, seinen 50. Geburtstag feiern. Hätte er sich nicht im April 1994, von Depressionen geplagt und drogenbedingten Schüben gebeutelt, mit einer Schrotflinte in seinem Anwesen in Seattle selbst gerichtet. "It's better to burn out than to fade away". Der markante Satz aus dem Neil Young-Song "Hey Hey, My My", den Kurt Cobain quasi zu eigen gemacht hatte, prangte zuerst von seinem Abschiedsbrief, dann von billigen und illegal hergestellten Andenkens-Shirts. Allerorten wurde um eine Persönlichkeit getrauert, deren persönliche Form von Trauer steter Lebensbegleiter war.

Kurt Cobain war eine Ikone für die Jungen, die Missverstandenen, die Ausgestoßenen und die Schwachen - für alle, deren Wesenszüge er selbst in sich verinnerlichte. Ein steter Kämpfer für den Feminismus, ein unbeugsamer Gegner von Homophobie und Xenophobie mit einem großen Herz und einem ausgeprägten Sinn für Ironie und humoristischen Zynismus. Kurt Cobain war für die Generation X die Offline-Version der heutigen YouTube-Stars: von den ihn Anbetenden göttlich verehrt, von älteren Generationen missverstanden und mit haltlosen Vorurteilen bedacht. Mit seinem Freitod stieß er in den berühmten "Club 27" und gerade durch das viel zu junge Dahinscheiden dieses unvergleichbaren Multitalents scheint die Vorstellung eines "50-Jährigen Grunge-Opas" ungreifbar.

Von "Bravo Hits" in die weite Welt
Wie niemand anderes prägte der Blondschopf auch meine Generation. Als 1985 Geborener war ich zwar zu jung, um den sensationellen Welterfolg von "Nevermind" live mitzubekommen, aber jung genug, um die Band aus Seattle zu meiner Ursprungsquelle musikalischer Früherziehung zu küren. Jeder Musikbegeisterte kennt den magischen Moment, wo ihm bewusst wird, dass er seine Seele an den Klang verkauft hat. In meinem Fall bedeutete das: vor Nirvana waren die "Bravo Hits", danach öffnete sich die ganze Welt. Als ich im zarten Alter von elf das erste Mal mit dem Welt-Hit "Smells Like Teen Spirit" in Berührung kam, war Cobain bereits zwei Jahre verstorben, seine Aura in der Musikwelt aber immer noch allgegenwärtig. Es war das berühmte Erweckungserlebnis, der erste und entscheidende Schritt ins musikalische Erwachsenwerden - hallo Prä-Pubertät.

Viele Jahre vor dem schnellen Klick im Google-Suchfenster und dem mühelosen Whatsapp-Informationsaustausch war die Jagd nach Fan-Memorabilia noch etwas Besonderes. Ich sammelte jeden Zeitungsschnipsel über die Band (Eva R., Elke P. und Co. - entschuldigt bitte die vielen zerrissenen "Bravo"-Hefte…), kratzte jeden Groschen Taschengeld zusammen, um der 500 Schilling teuren Gold-CD-Version von "In Utero" beim Kastner & Öhler in Graz näher zu kommen und bemalte nicht nur das einst so populäre Lederfederpennal, sondern auch die Bucheneinrichtung meines Kinderzimmers mit Songtiteln und -texten des fleischgewordenen Jugendgottes. Das Kopfschütteln meiner Eltern ignorierte ich geflissentlich, schließlich war mir bewusst, dass sie bei ABBA, Nana Mouskouri und Co. in ihren eigenen Jugendtagen ähnlich reagierten. Mit dem Alter steigt das Unverständnis, davon sind die meisten von uns nicht gefeit.

Außenseiter mit Attitüde
Doch was war das Magische an dieser Band? Es war eine Mischung aus dem einzigartigen Charisma Cobains, den nachvollziehbaren Texten, die selbst sorgenfreie Mittelstandskinder wie ich wie ein Schwamm aufsaugten. Die eingängige, aber trotzdem harte und mittelfingerausstreckende Instrumentierung und - als wichtigster Baustein - die rebellische Außenseiter-Attitüde. Kein Elfjähriger will angepasst sein, ein Leben abseits der gängigen Norm ist das stille Mantra eines jeden Heranwachsenden, der sich und seinen Platz auf dieser Welt finden und behaupten muss. All das verkörperte Kurt Cobain wie kein zweiter Musiker vor oder nach ihm. In einer kurzen, nicht einmal ein Jahrzehnt andauernden Zeitspanne künstlerischer Kreativität erschütterte er die gesamte Musikwelt in ihren Grundfesten.

Nicht nur ruinierte er die jahrelange Vormachtstellung des hedonistisch-patriarchalischen Heavy Metal, er fungierte rückblickend auch als weitsichtiger Brückenschlager zwischen schmuddeligem Gitarren-Ranz und mutigem Alternative-Songwriting. Cobain war zeit seines Lebens der Inbegriff des Unbequemen. Er trug mit Vorliebe Frauenkleider und schminkte sich grell, heiratete Courtney Love im Sträflingsmuster-Pyjama und war in einer Zeitspanne stolzer Spät-Hippie, in der solche fern jedweder Popularität fungierten. All das verstrickte er geschickt in seine Songs. Sie waren Wehklagen über das zerrüttete Familienleben, prangerten Macho-Gehabe und kapitalistisches Denken an, drückten den Finger tief in die Wunde der Hamsterrad-Gesellschaft, die schon vor dem großen Internetboom Kanten und Konturen vermissen ließ.

Fundamentaler Wandel
"Nevermind", ein für Cobains Verhältnisse viel zu glattgebügeltes und eingängiges Album, veränderte nicht nur sein Leben, sondern das einer ganzen Generation fundamental. Für Nirvana bedeutete der Welterfolg das Ende von versifften Kellershows und heizungslosen Dachbodenübernachtungsmöglichkeiten auf Kakerlaken-bedeckten Matratzen - über Nacht waren drei Gesellschaftsaußenseiter zu Weltstars mutiert und mussten erst einmal mit dieser Rolle klarkommen. Während Drummer Dave Grohl sich mit viel Selbstironie in dieser Rolle sonnte und später mit den Foo Fighters eine noch viel größere Rockstar-Märchenkarriere startete und Krist Novoselic als Bassist Zuflucht in die Anonymität fand, zerbrach die introvertierte Künstlerseele Cobains wie ein Spiegel in tausend Teile. Mit Öffentlichkeit und Ruhm konnte der sensible Sänger genauso wenig umgehen wie mit falschen Freunden und Lobhudeleien.

Selbst als die allerdicksten Gehalts- und Tantiemenschecks ins Haus flatterten, blieben die Haare fett und die Holzfällerhemden ungebügelt. Gerade in Zeiten des größten Ruhms strahlte Cobain das wichtigste aller Zeichen aus: Integrität. Er blieb sich und seinen Ansichten treu, ließ sich niemals von Schulterklopfern und Trittbrettfahrern aus dem Konzept bringen und stand mit beeindruckender Vehemenz für Gleichberechtigung, Fairness und unpopuläre Denkweisen ein. Cobain verstand es, auch als Millionär einen Draht zum Durchschnittsbürger zu finden, verleugnete niemals seine Wurzeln. Es war dies auch für mich und Teile meiner Generation eine Botschaft, deren Inhalte und Werte von zeitloser Gültigkeit sind. 23 Jahre nach seinem Dahinscheiden bleibt die Erinnerung an eine einzigartige Persönlichkeit, einen Robin Hood mit Stromgitarre, dessen Sensibilität ihm schlussendlich das Leben kosten sollte. Es gibt sie. Die Menschen, die man sich als 50-Jährige gar nicht vorstellen kann, weil sie schon mit 27 ein ganzes Leben absorbierten. Rest In Peace, Kurt.

Robert Fröwein
Robert Fröwein
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