Fr, 20. Juli 2018

"Krone"-Interview

25.01.2017 12:00

Avenged Sevenfold: "Klassik ist einfach alles"

Mit der Veröffentlichung ihres neuen Albums "The Stage" haben die US-Metal-Heroen Avenged Sevenfold vergangenen Herbst sämtliche ungeschriebene Gesetze des Musikbusiness aus den Angeln gehoben. Nun kommen die Kalifornier mit ihrem Heavy-Prog-Meisterwerk und den Chartsstürmern Disturbed am 23. Februar in die Wiener Stadthalle. Avenged Sevenfold-Wundergitarrist Synyster Gates nahm sich in Berlin Zeit, für ein ausführliches Gespräch über Wien, Freundschaften und seine ausgeprägte Liebe zur Klassik.

"Krone": Synyster, euer aktuelles Album "The Stage" hat viele Fans überrascht, weil es wesentlich epischer und progressiver ist als der direkte Vorgänger "Hail To The King". War das eine bewusste Veränderung?
Synyster Gates: Ich denke schon. Wir haben die Steinschleuder immer in beide Richtungen betätigt. Schon zwischen "City Of Evil" und "Avenged Sevenfold" gab es große Unterschiede. Es war trotzdem eklektisch. Mit "Nightmare" haben wir dann ein richtiges Metal-Album gemacht, bevor wir zu "Hail To The King" kamen. Es hat Spaß gemacht, daran zu arbeiten, aber die Songs waren alle nur drei, vier Minuten lang und haben uns nicht so stark gefordert. Also haben wir wirklich alles neu umgeworfen und für "The Stage" jeden unserer Einflüsse von Mr. Bungle bis hin zur Klassischen Musik in einen großen Topf geworfen.

Ihr geht exakt gegengesetzt zu den derzeitigen Trends vor. Keine Konzentration auf Singles oder Radiosongs, sondern ein konzeptionelles Album, das ganz klar im Mittelpunkt steht.
Ich weiß nicht, ob wir gegen Trends gearbeitet haben, aber unglücklicherweise sind wir oft unbewusst mit ihnen mitgeflossen. Es wäre schön, würden wir mehr Vier-Minuten-Songs schreiben können, in denen wir alles sagen, aber das fällt uns schwer. Unser Glück war schon immer, dass wir mit unserer Musik ein breites Publikum erreichen. Wir haben Songs auf "The Stage", die sicher gute Singles wären. Das bemerkst du auch, wenn du mit einem tollen Label wie Capitol Records zusammenarbeitest, die sich über bestimmte Songs besonders freuen. Unsere Priorität ist es aber, den Fans ein kompaktes Album mit sehr starken Songs zu präsentieren. Und eine Single muss der Vorreiter davon sein, sie repräsentiert die Band und den Rest des Albums - und das war für uns der Song "The Stage". Die Nummer dauert fast neun Minuten und wir wussten, dass es schwierig wird - aber die Fans haben sie angenommen und schließlich stehen die Fans an erster Stelle.

Fällt dir das Schreiben von kurzen Songs auch deshalb so schwer, da du zu den besten Rock- und Metalgitarristen der Welt zählst und deine Fertigkeiten auch gerne präsentierst?
Ich liebe das Songwriting. Natürlich mag ich es, Solos zu spielen, aber wenn ich irgendwelche verschrobenen Arrangements finde oder Akkorde, die ich so noch nicht kannte, macht mich das noch glücklicher. Einen Komponisten wie John Williams zu studieren und eine Gitarre zum Beispiel in einen "Star Wars"-Soundtrack einbauen, das macht mir Freude. Man versucht immer so episch wie möglich zu klingen, aber heruntergebrochen geht es auch bei uns in erster Linie um die Grundinstrumente der Bandmitglieder. Auf "The Stage" ist es uns auf jeden Fall gelungen, Dinge einzubauen, die ich noch nie zuvor hörte. Das ist für mich das Wichtigste und das macht mich stolz. (lacht)

Könntest du heute überhaupt noch solche Songs schreiben wie auf "Sounding The Seventh Trumpet", eurem Debüt aus dem Jahr 2001?
Gute Frage. Als Gitarrist bin ich in letzter Zeit an die Basis zurückgekehrt und ich höre heute viel mehr Blues wie von Robben Ford oder Buddy Guy. Ich mag simples Zeug, das sich gut anfühlt. Wir haben versucht, den Auslöser dieser Band zu finden, zu unseren Ursprüngen zurückzukehren. Wenn du aber einmal etwas geschrieben hast, dann willst du nie mehr dorthin zurück. So geht es uns seit mittlerweile 17 Jahren. Ich kann mir daher schwer vorstellen, dass ich in diese Phase zurückgehen könnte.

Wäre es dann nicht interessant, ein Blues-Album zu machen? Möglicherweise auch außerhalb von Avenged Sevenfold?
Absolut, das würde mir gefallen. Aber dafür müsste ich 50 oder älter sein. (lacht) Wenn du mit den Großen jammen willst, musst du selber ein gewisses Alter haben. Ich will nicht der Junge sein, der sich dort anbiedert. Dafür habe ich auch mit Avenged Sevenfold zu viel zu tun. Wenn ich 55 bin, können wir gerne darüber weiterreden.

Ihr habt "The Stage" vor seiner Veröffentlichung in keinster Weise beworben, sondern habt einen Liveauftritt auf Facebook geschalten. Gleichzeitig war das Album da. Wolltet ihr mit diesem Schritt etwas von der mystischen Erwartungshaltung der alten Zeiten projizieren? Dass man vor dem Internetzeitalter nicht wusste, was man wann kriegt?
Ich will nicht sagen, dass das alle so machen sollten, aber für uns gab es zur Albumveröffentlichung nur diesen einen Weg. Ich will jetzt nicht als arroganter Arsch rüberkommen, aber bei Veröffentlichungstricks waren wir immer vorne dabei. Wir zählten früher zu den ersten Bands, die den Fans über das Internet erste Brotkrümel in Form von Fotos oder Songspuren lieferten. Das macht man dann aber meist sechs Monate lang und langweilt damit alle. Wir waren selbst davon gelangweilt. Neue Künstler probieren neue coole Dinge und das wollten auch wir machen. Im Zeitalter des Streamens haben wir uns dazu entschieden, nichts nach außen zu tragen und fünf, sechs Tage vor der Veröffentlichung die physischen Produkte zu verkaufen. Das war riskant, aber es haben alle dichtgehalten und die Überraschung gelang.

Viele Leute kritisieren euch dafür, dass "The Stage" in den USA nicht den gewohnten ersten Platz in den Charts erreichte. Ist diese Erwartungshaltung für dich ärgerlich?
Diesen Druck machen wir uns schon selbst, denn wenn du einmal auf der Eins warst, willst du dort natürlich immer hin. Niemand will freiwillig stagnieren oder absteigen. Durch den überraschenden und spontanen Weg der Veröffentlichung ohne Vorwerbung wussten wir aber, dass das wohl ein Ding der Unmöglichkeit wird. Wir haben trotzdem viele Alben verkauft, Zehntausende mehr als erwartet. Wenn du dich aber für so einen Schritt entscheidest, dann musst du auch Opfer bringen. Ich bin mir sicher, dass wir das richtige Opfer gebracht haben.

Die großen Stadionkünstler sterben weg oder kommen der Pension immer näher. Ist Avenged Sevenfold eine Band, die diese Fackel weitertragen kann?
Wir hoffen das natürlich. Wir sind immer unseren Herzen gefolgt und haben Integrität als wichtigste Zutat für die Band gesehen. Diese Einstellung hat uns weit gebracht und uns viel Erfolg beschert. Wir müssen einfach unser Leben und diese Band genießen, was nicht immer einfach ist, wenn jeder immer mehr und mehr von einem erwartet. Wir werden sehen, wohin unsere Reise noch gehen wird.

Habt ihr euch in den letzten Jahren in eurer Persönlichkeit geändert, durch den Erfolg und den steigenden Druck von außen?
Ich denke nicht, denn in unserer Liga musst du verdammt hart arbeiten, um auch dort zu bleiben. Wir alle sind mit besonderen Eigenarten und Verhaltensweisen geboren worden, durch die wir uns immer wieder neu zusammenfinden müssen. In einer Ehe ist es oft schon schwer, mit dem anderen in Ruhe zusammenzuleben. Aber fünf Jungs mit ihren eigenen Familien potenziert das manchmal. Wir sind aber sehr glücklich, weil wir zusammen aufgewachsen sind, uns seit dem zehnten Lebensjahr kennen und seitdem beste Freunde sind. Wir arbeiten jeden Tag daran, miteinander gut auszukommen.

Sänger M. Shadows und du seid sogar Schwager.
Obwohl wir total unterschiedliche Menschen sind. Er ist ein sehr ehrgeiziger Typ und ich bin manchmal etwas lahm. Oft ist er also aggressiv und ich habe keine Lust auf Arbeiten. Aber dann setzen wir uns zusammen, nehmen die Kids auf den Schoß und prosten uns mit einem Bier zu. Das Leben ist doch schön, lass uns ein neues Album schreiben.

Ist das Songschreiben manchmal schwierig, wenn ihr innerhalb der Band in unterschiedliche Richtungen ausschert?
Verdammt ja. (lacht) Wenn du jung bist, glaubst du, dass du die Welt ganz alleine aus den Angeln heben kannst. Ist das Album aber mit dem Input von allen anderen fertig, merkst du erst, was für großartige Songs oder Songteile auch die anderen schreiben können. M. Shadows ist vor allem textlich ein verdammtes Biest geworden. Ich sage das mit jedem Selbstvertrauen, dass ich hehrlich und pur, zudem aus einem erwachsenen Fundament heraus. Als unser Drummer The Rev verstarb, schrieb er schon auf "Nightmare" Wahnsinnstexte und hat damit alle mitgerissen, weil er so offen und ehrlich war.

Ist der Tod von The Rev heute noch immer so existent und schmerzvoll, wenn ihr die Songs aus seiner Zeit live präsentiert?
Ich würde das gerne mit einem uneingeschränkten ja beantworten, aber wir sind nun einmal Menschen, und obwohl wir natürlich niemals wirklich über diesen Verlust hinwegkommen, lernt man doch, ohne diese Person zu leben. Wir haben die Songs seitdem Hunderte Male gespielt und natürlich halten wir ihn immer in Ehren. Wir weinen heute nur nicht mehr, das ist der Lauf des Lebens.

Im Februar kommt ihr mit Disturbed in die Wiener Stadthalle - wie passt ihr denn zu ihnen?
Wir passen zusammen wie verschiedene Teile eines Puzzles. Das ist ziemlich cool, wir könnten nicht unterschiedlicher sein, sind aber beide harte Gitarrenbands. Die Fans kriegen also eine multidimensionale Show geliefert und außerdem sind das alles nette, coole Jungs. Wir lieben die Burschen unendlich und sie waren immer gut zu uns. Nach den Erfolgen mit ihren letzten Songs ist es eigentlich unglaublich, dass wir die Headliner sind. Aber vielleicht dreht sich das ja noch. (lacht)

Speziell in Europa sind Disturbed durch das Simon-&-Garfunkel-Cover "The Sound Of Silence" in die Schlagzeilen gekommen. Würde dir das für eure Band gefallen? Mit einem Coversong so durchzustarten?
(lacht) Ich finde das großartig für die Jungs. Sie haben es insofern besser als wir gemacht, als dass sie schon immer Coversongs produzierten, sie aber in einer ganz frischen Art und Weise präsentierten. Als wir "Walk" von Pantera coverten, wollten wir uns mit dem Original messen, was ein Riesenfehler war. Du musst solche Songs einfach auf die Basis runterbrechen und dann etwas eigenes daraus kreieren. Das haben sind mit "The Sound Of Silence" gemacht. Der Song ist einfach brillant.

Wollt ihr künftig vielleicht selbst ein paar obskure Cover-Songs machen?
Ja, das ist immer lustig. Wir haben von den Aufnahmesessions noch ein paar extra Songs gemacht und auch einige Coverversionen. Ich kann dir jetzt noch nicht zu viel darüber verraten, aber es wird noch ein paar spezielle Veröffentlichungen geben in näherer Zukunft.

Wollt ihr innerhalb der Band möglicherweise auch ein paar Side-Projects frönen, um vielleicht die einzelnen persönlichen Musikgeschmäcker zu fördern?
In vielleicht 20 Jahren wird das passieren, aber derzeit haben wir dafür nicht einmal annähernd Zeit. (lacht)

Gibt es etwas, dass du an Österreich oder speziell Wien besonders gerne hast?
Natürlich. Ich ging einmal ins Konzerthaus und habe mir eine Mozart-Show angesehen. Ich bin sehr interessiert an Klassischer Musik und der Geschichte von Komponisten. Zum Beispiel an den verschiedenen Lebensstilen von Mozart und Beethoven, obwohl sie beide großartige Komponisten waren. Ich liebe Wien über alle Maßen und war glücklicherweise mit der Band schon öfter hier. Wien ist neben Berlin ganz klar meine europäische Lieblingsstadt. Wenn du ein Musiker bist, dann weißt du, woher alles kommt.

Klassische Musik inspiriert dich also nach wie vor?
Ich höre fast nur Klassik. Das wird nur unterbrochen doch ein paar starke neue Metalalben, die ich manchmal für mich entdecke. Ich mag auch Filmsoundtracks, aber Mozarts Requiem und Musik aus der Romantik wie von Strawinsky sind unfassbar genial. Daraus lernst du die Akkordfolgen, die dir auf der Gitarre fast die Finger brechen, weil du sie so verdrehen musst. Klassik ist einfach alles. Oder anders gesagt: Ohne Klassik wäre alles andere nichts.

Wie viel Zeit verwendest du täglich zum Gitarrespielen?
Die ganze Zeit. Ich habe lange versucht, von Jiu-Jitsu über was weiß ich alles andere zu machen, als Musik, um mal etwas Abstand zu gewinnen. Aber egal was ich mache, ich tue mir überall weh, also habe ich erst wieder die Gitarre für sechs, sieben Stunden pro Tag rausgeholt. Wie ein Irrer, aber so ist das nun einmal mit einer Passion.

Am 23. Februar sind Avenged Sevenfold mit Disturbed in der Wiener Stadthalle zu sehen. Karten erhalten Sie unter 01/588 85-100 oder unter www.ticketkrone.at.

Robert Fröwein
Robert Fröwein

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