Fr, 19. Oktober 2018

"Krone"-Interview

27.07.2016 17:45

ÖOC-Boss Stoss: "Das war kein Kniefall!"

Karl Stoss gibt zu: "Emotional bin ich auch für eine totale Sperre Russlands, aber es darf keine Kollektivschuld geben." Was der ÖOC-Chef zu Doping, Terror und Zika-Virus sagt, lesen Sie hier im "Krone"-Interview!

"Krone": Herr Präsident, wieso haben Sie die Entscheidung des Internationalen Olympischen Komitees verteidigt, Russland für Rio nicht zu sperren? Hat das etwa damit zu tun, dass Sie am 4. August ins IOC gewählt werden wollen?
Karl Stoss: Ich mache vor niemandem einen Kniefall - und das war auch keiner. Ich sage meine ehrliche Meinung.

"Krone": Und wie ist die in diesem Doping-Fall?
Stoss: Emotional bin ich auch für eine totale Sperre! Aber es darf halt keine Kollektivschuld geben - daher war die schwierige Entscheidung des IOC klug. Gerade Journalisten beschreiben immer deutlich die Menschenrechts-Situation in Gastgeberländern von Olympischen Spielen. Aber zu Menschenrechten gehört auch, dass jeder das Recht auf ein transparentes und faires Verfahren hat.

"Krone": Aber das staatliche organisierte und vertuschte Doping in Russland ist doch zu hundert Prozent bewiesen.
Stoss: Es gibt auch Athleten, die sauber sind - warum sollte man die sperren? Außerdem dürfen die russischen Sportler nur unter strengen Auflagen starten, sie müssen zum Beispiel Analysen internationaler Tester liefern. Die ganze Mannschaft steht unter Beobachtung.

"Krone": Weil Sie die Kollektivschuld angesprochen haben: Wieso gibt es dann überhaupt im Sport die Bestimmung, dass man eine ganze Nation bestrafen kann? Muss man diese Regel etwa ändern?
Stoss: Darüber kann man durchaus nachdenken.

"Krone": Abgesehen von diesem Doping-Skandal steht Rio wegen der Terrorgefahr unter keinem guten Stern. Haben Sie Angst?
Stoss: Nein, dafür reise ich zu viel! Die Sicherheitsvorkehrungen sind enorm. Wahrscheinlich ist Rio während Olympia die sicherste Stadt der Welt. Ein Anschlag ist daher unwahrscheinlich.

"Krone": Und der Zika-Virus?
Stoss: Bei einer Million Menschen ist die Ansteckungsgefahr im Schnitt bei 1,8 Personen - die Gefahr wird also übertrieben.

"Krone": Also steht einem großen Sportfest und Ihrer Wahl ins IOC nichts im Wege?
Stoss: Sollte ich gewählt werden, wäre das natürlich für Österreich und auch für mich persönlich eine große Ehre. Vergessen wir nicht, dass nach den Vorfällen in Turin 2006 das Verhältnis des IOC und speziell von Präsident Thomas Bach zu unserem Land sehr unterkühlt war. Das hat sich völlig geändert: Ich stehe sogar als persönliches Mitglied zur Wahl, könnte also bis zum 72. Lebensjahr bleiben - unabhängig davon, ob ich ÖOC-Präsident bin oder nicht.

"Krone": Wollen Sie dieses Amt eigentlich weiter ausüben?
Stoss: Ich habe vor, 2017 wieder zu kandidieren.

"Krone": Zum Schluss die unvermeidliche Frage nach unseren Medaillen-Chancen in Rio.
Stoss: Es werden sehr viele hoffentlich! Wir haben gute Möglichkeiten im Segeln, im Damen-Judo, beim Wildwasser-Paddeln, Rudern, Beachvolleyball, Schießen und bei der Tischtennis-Mannschaft der Herren.

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