So, 19. Mai 2019
18.01.2016 07:56

Wettbetrug im Tennis

Manipulationsverdacht gegen 16 Top-50-Profis

Die Australian Open hatten noch gar nicht begonnen, da lag am Montag schon ein dunkler Schatten über der Tennis-Welt. Knapp eine Stunde vor dem Auftakt in Melbourne sorgten BBC und BuzzFeed mit Enthüllungen über einen vermeintlichen Wettskandal für Aufregung. Nach Informationen dieser Medien sollen 16 Profis aus den Top 50 in den vergangenen zehn Jahren in Spielabsprachen verwickelt gewesen sein.

Darunter soll sich sogar der Sieger eines Grand-Slam-Turniers befinden, und auch beim Klassiker in Wimbledon sollen mindestens drei Partien manipuliert worden sein. Die Informationen basieren auf geheimen Dokumenten, allerdings werden darin keine Namen genannt. Acht der beschuldigten Profis sollen auch nun bei den Australian Open am Start sein, was die Spielerorganisationen in den Fokus rückt.

BBC und BuzzFeed werfen den Verantwortlichen vor, Informationen bewusst verschleiert zu haben. "Die Sportorganisationen sind immer wieder vor einer Gruppe von 16 Spielern, alle von ihnen unter den Top 50, gewarnt worden, aber keiner von ihnen wurde bestraft", heißt es im US-Internet-Medium Buzzfeed.

ATP-Chef weist Vorwürfe zurück
Versinkt nach den Fußball-Verbänden FIFA, UEFA und DFB sowie dem Leichtathletik-Weltverband IAAF nun auch das Welttennis in einem Skandalsumpf? Die Bosse dementierten die Anschuldigungen umgehend. "Wir weisen jeden Vorwurf, dass Beweise über Wettmanipulationen verdrängt wurden, absolut zurück", sagte ATP-Chef Chris Kermode auf einer nach den Enthüllungen eiligst einberufenen Pressekonferenz. Es gelte eine absolute "Null-Toleranz-Politik", versicherte Kermode. Zudem gehe es in den Veröffentlichungen überwiegend um Fälle, die bereits zehn Jahre zurückliegen.

Dawydenko-Partie im Visier
In der Tat steht auch in den neuen Enthüllungen eine Partie zwischen Nikolaj Dawydenko und Martin Vassallo Arguello aus Argentinien bei einem Turnier im polnischen Sopot aus dem Jahr 2007 im Zentrum, die schon damals hohe Wellen geschlagen hatte. Die Ermittlungen dazu wurden jedoch ergebnislos eingestellt. Der Russe hatte verletzt aufgegeben, auf seine Niederlage waren bei Wettanbietern ungewöhnlich hohe Beiträge gesetzt worden. Vor allem in Russland und Italien sollen sich Wettbanden gebildet haben.

Tennis-Wetten sind im Internet sehr beliebt. Vom ersten Aufschlag, über den ersten Doppelfehler bis hin zur Frage, wer welchen Satz und am Ende das Spiel verliert, kann online auf fast alles gewettet werden. Gerüchte, dass gerade bei unterklassigen Turnieren nicht immer alles mit rechten Dingen zugeht, gibt es daher schon länger.

Ein Lied davon singen kann Österreichs ehemalige Nummer 55 der Welt, Daniel Köllerer. Im Mai 2011 war der Oberösterreicher wegen angeblicher Spielmanipulationen sogar lebenslang gesperrt worden und mit einer 100.000-Dollar-Strafe versehen worden. Der Sportgerichtshof (CAS) in Lausanne bestätigte später zwar die Sperre, hob aber die Geldstrafe auf.

Auch der aktuelle Kitzbühel-Sieger, der Deutsche Philipp Kohlschreiber, war bereits solchen Vorwürfen ausgesetzt und tauchte auf einer sogenannten Beobachtungsliste der ATP auf, auf der verdächtige Partien verzeichnet waren. Damals wie heute wies Kohlschreiber alle Anschuldigungen zurück. "Ich will damit auf keinen Fall in Verbindung gebracht werden", sagte die deutsche Nummer eins am Montag nach seiner Erstrunden-Niederlage gegen den Japaner Kei Nishikori.

Djokovic: "Ein Verbrechen im Sport"
Der Weltranglisten-Erste Novak Djokovic bestätigte Berichte aus dem Jahr 2007, dass damals Leute in seinem Umfeld angesprochen worden seien, er solle ein Spiel bei einem Turnier in St. Petersburg verlieren. "Für mich ist das ein Akt von Unsportlichkeit, ein Verbrechen im Sport", sagte der Schützling von Boris Becker. "Ich denke, für so etwas ist kein Platz im Sport, vor allem nicht im Tennis." Die Versuche seien damals sofort zurückgewiesen worden.

Die neuen Anschuldigungen bezeichnete Djokovic als Spekulationen. "Es gibt keine richtige Bestätigung oder einen Beweis dafür, dass ein aktiver Spieler verwickelt ist." Die Spekulationen und Gerüchte seien seines Wissens nichts Neues: "In den letzten sechs, sieben Jahren habe ich nichts Vergleichbares mehr gehört."

Die Herren-Organisation ATP hatte 2008 mit der Damen-Vereinigung WTA, dem Weltverband ITU und den vier Grand-Slam-Turnieren eine Integritäts-Einheit eingerichtet. Seit 2010 habe die Tennis Integrity Unit (TIU) 18 Verfahren erfolgreich abgeschlossen, fünf Spieler und ein Offizieller seien lebenslang gesperrt worden, erklärten die Verantwortlichen.

Ob die TIU auch Spieler in Melbourne beobachte, wollte deren Chef Nigel Willerton nicht sagen. "Es wäre nicht angemessen, wenn ich einen Kommentar dazu abgeben würde, ob aktuelle Spieler unter Beobachtung stehen", sagte Willerton.

Besonders bei kleineren Turnieren ist die Versuchung, in einem Mann-gegen-Mann-Sport zu manipulieren, größer. Durch die Möglichkeiten des Internets ist das Wettgeschäft in den vergangenen Jahren jedenfalls förmlich explodiert. Der weltweite Wert jährlich soll sich laut dem unabhängigen Wett-Experten Patrick Jay auf enorme drei Billionen US-Dollar belaufen, berichtete dieser 2015 der UNO. Tennis liegt im Wettmarkt gleich hinter Fußball auf Platz zwei.

Ein Tennis-Gambler verriet der Agentur Reuters unter der Bedingung seiner Anonymität, dass man relativ einfach enorme Erträge erzielen könne. Nicht zuletzt wegen der Möglichkeiten Punkt-für-Punkt bzw. Game-für-Game wetten zu können. "Sagen wir, du willst ein Game abgeben, aber das Match gewinnen, was würde dir das machen? Du kannst nur ein paar tausend Dollar gewinnen", sagte der Informant. Zwar gibt es bei besonders auffälligen Wettumsätzen eine Meldepflicht an die TIU durch die Wettanbieter, dennoch dürfte es gerade im Tennis besonders einfach sein, zu zusätzlichem, unehrenhaften Geld zu kommen.

Federer: "Kein Zufall"
"Es ist gewiss kein Zufall, dass die Story wenige Stunden vor Beginn des Australian Open lanciert wurde", sagte Federer zu den neuen Wettskandal-Berichten und bestätigte, von der ATP schon am Samstag von den Neuigkeiten gehört zu haben.

"Ob es schade ist, dass die Story vom sportlichen Geschehen ablenkt? Vielleicht! Andererseits garantiert die Aufmerksamkeit in der breiten Öffentlichkeit auch, dass der ganzen Geschichte sicher auf den Grund gegangen wird", meinte der 34-jährige Superstar, der hinzufügte, in seiner fast 20-jährigen Karriere nie in irgendeiner Weise diesbezüglich kontaktiert worden zu sein.

Als er vor acht Jahren in Key Biscayne erstmals von fragwürdigen Wettvorkommnissen hörte, habe er nicht begriffen, um was es ging. Federer vertraut mittlerweile der Integritätskommission, die vor sieben Jahren gegründet worden ist. "Aber man kann immer noch mehr machen."

Die gesamte Story mag Federer nicht überbewerten, denn "mir fehlen die Namen und die neuen Fakten". Federer: "Es ist einfach, herauszuposaunen, Grand-Slam-Sieger seien involviert. Ich möchte Namen hören. Erst dann kann man der Sache auf den Grund gehen. Ich kann mir das ehrlich gesagt nicht vorstellen: Je besser ein am Skandal beteiligter Spieler klassiert wäre, desto überraschter wäre ich."

Aus dem Archiv: Dieser Tennisspieler liefert die Fair-Play-Aktion des Jahres!

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