Fr, 24. Mai 2019
15.01.2016 14:26

Nach Paris-Terror

Überlebende kommen zu "therapeutischem Aperitif"

"Wo warst Du? Wie bist Du da rausgekommen? Hast Du jemanden verloren?" Ein paar Fragen, um das Gegenüber einzuschätzen. Eine Umarmung, ein aufmunternder Blick. Nach den Pariser Anschlägen vom November hat sich in der französischen Hauptstadt eine Gemeinschaft der Überlebenden und Betroffenen gebildet, die sich zum Aperitif trifft, zum Essen, zum Besuch der Anschlagsorte - oder einfach nur zum Reden.

Kennengelernt hat sich die lose Gruppe über die Facebook-Seite Life for Paris, gegründet von einer Überlebenden. Um aufgenommen zu werden, müssen Betroffene oder Angehörige von Opfern eine Art Nachweis erbringen - eine Konzertkarte für das Bataclan, ein Foto aus einer Bar oder ein medizinisches Gutachten der Verletzungen. Mehr als 400 sind es inzwischen, die in der Gruppe versuchen, das Erlebte zu verarbeiten.

"Wir alle gingen an dem Abend durch die Hölle"
"Wir haben eine Art 'therapeutischen Aperitif'", erklärt der 27-jährige Cédric Rey. Am Abend der Anschläge saß er im Café des Bataclan, gleich neben der Konzerthalle, in der Islamisten 90 Menschen ermordeten. Es ist eine improvisierte Gesprächsrunde, zusammengehalten durch eine Gemeinsamkeit: "Wir alle gingen an dem Abend durch die Hölle."

Etwa einmal wöchentlich gibt es ein Treffen, einige kommen öfter, andere selten. An einem Abend in dieser Woche stehen sie in einer Pariser Bar, stürzen Bier hinunter und reden über den Tod. Sie wollen diejenigen treffen, die Ähnliches erlebt haben, sie anfassen und an sich drücken und wissen, wie sie damit umgehen. "Ich habe mich allein gefühlt, bevor ich diese Gruppe kannte", sagt die 19-jährige Nahomy Beuchet.

Viele fühlen sich von ihrem Umfeld unverstanden
"In der ersten Woche nach den Anschlägen sind wir jede Nacht zusammen zum Bataclan gegangen", erzählt Nahomy. "Von 19.00 Uhr abends bis 5 Uhr morgens waren wir da, haben Kerzen angezündet, sind umhergeirrt, haben mit Polizisten gesprochen. Wir waren wie Zombies." Bei den Anschlägen im Bataclan sowie auf Cafés und Restaurants waren 130 Menschen getötet und Hunderte weitere verletzt worden.

Die Trauernden treffen sich auch deshalb, weil sie sich von ihrem Umfeld, das nicht dasselbe erlebt hat, unverstanden fühlen - oder weil sie ihren Lieben die Details ersparen wollen. "Viele von uns haben den Kontakt zu Freunden abgebrochen", sagt Cédric. Er könne deren Rat, nach vorn zu schauen, zwar verstehen. Aber so einfach ist das nicht.

In der Gruppe sprechen alle dieselbe Sprache
Cédric fühlt sich manchmal wie nach einer Schlacht, die er im Schützengraben überlebt hat. "Und alles was Du willst, ist danach deine Kameraden wiederzufinden." Catherine, 35 Jahre alt, sieht das genauso: "Meine Freunde und meine Familie tun, was sie können. Aber sie sind hilflos und ich kann ihnen nicht böse sein. Sie waren nicht dabei." In der Gruppe aber sprechen alle dieselbe Sprache.

"Man hat einfach immer Angst, wenn man seinen Angehörigen davon erzählt", berichtet auch Giulia, eine 33-jährige italienische Studentin. "Sie wollen wissen, wieviel Blut da war und solche Sachen." Denen, die von der Katastrophe direkt betroffen waren, muss sie nicht groß erklären, wie sie sich fühlt, sagt Giulia. "Das wissen sie."

Manch einer spricht eher von einem "Opferklub"
Ein wenig distanzierter sieht es Anthony. Der 36-Jährige spricht eher von einem "Opferklub" - und verspürt nicht allzu oft den Drang, sich über die Nacht des 13. November zu unterhalten. Sicher gebe es da diese "natürliche Verbindung" zu den Anderen, sagt er. "Aber ich werde nicht mein Leben damit verbringen."

Für einen ähnlichen Schnitt hat sich die 19-jährige Nahomy entschieden. Die Betroffenengruppe hat ihr bei der Aufarbeitung geholfen - aber das reicht nicht. "Ich habe mich entschieden, Paris zu verlassen. Ich werde ein neues Leben beginnen."

Video aus dem Archiv: Razzia gegen Paris-Drahtzieher

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