So, 19. August 2018

Kapitän festgenommen

21.04.2015 09:27

Flüchtlingsdrama: 27 Überlebende nun in Sizilien

Nach der bisher größten Flüchtlingstragödie im Mittelmeer mit laut UNO 800 Toten vor der Küste Libyens sind die wenigen Überlebenden auf Sizilien eingetroffen. Die 27 Menschen kamen in der Nacht auf Dienstag im Hafen von Catania an. Sie wurden vom italienischen Verkehrsminister Graziano Delrio, einem Vertrauten von Regierungschef Matteo Renzi, empfangen. Zwei der Überlebenden wurden umgehend festgenommen, weil sie zur Besatzung des Flüchtlingsschiffs gehört haben sollen. Es handelt sich um den mutmaßlichen tunesischen Kapitän und einen Syrer.

Die Flüchtlinge wurden zunächst für eine erste Gesundheitsuntersuchung in Zelte geleitet. Danach wurden sie in eine Unterkunft gefahren, deren Standort wegen der laufenden Ermittlungen geheim gehalten wird. Die zahlreichen Medienvertreter am Hafen und auch Menschen, die die Flüchtlinge, die dieses Drama miterleben mussten, mit Blumen willkommen heißen wollten, wurden auf Distanz zu den Flüchtlingen gehalten. Der 28. Überlebende des Unglücks vom Wochenende war wegen seines schlechten Gesundheitszustands schon früher nach Catania gebracht und dort ins Krankenhaus eingeliefert worden.

In der Nacht auf Sonntag hatte sich vor der libyschen Küste die bisher schlimmste Flüchtlingskatastrophe im Mittelmeer ereignet. Laut neuesten Angaben der UNO befanden sich rund 850 Menschen an Bord des Unglücksschiffes. Nur 28 konnten gerettet werden, lediglich 24 Leichen wurden geborgen. Die Überlebenden sagten aus, dass etwa 50 Kinder und etwa 200 Frauen an Bord des Bootes gewesen seien. Die Schlepper hätten viele von ihnen im Frachtraum eingesperrt.

Kapitän und Crewmitglied festgenommen
Der tunesische Kapitän und ein syrisches Besatzungsmitglied des Flüchtlingsschiffes wurden festgenommen. Wie die Nachrichtenagentur ANSA in der Nacht auf Dienstag berichtete, wirft ihnen die italienische Staatsanwaltschaft mehrfache fahrlässige Tötung, Menschenhandel und Schiffbruch vor. Die beiden seien von anderen Überlebenden identifiziert worden, sagte der zuständige Staatsanwalt Giovanni Salvi. Auch der Flüchtling aus Bangladesch, der im Krankenhaus von Catania liegt, habe sie auf Fotos erkannt.

"Bisher schlimmstes Massensterben im Mittelmeer"
Nach dem Kentern des Flüchtlingsboots vor Libyen in der Nacht auf Sonntag hatte das UNHCR zunächst von etwa 700 Todesopfern gesprochen. Später gab es Schätzungen, wonach bis zu 1.000 Menschen an Bord des heillos überfüllten und nur 20 Meter langen Bootes gewesen sein könnten. Bereits damals hatte die Sprecherin des UN-Flüchtlingshilfswerks UNHCR in Italien, Carlotta Sami, gesagt, sollten sich die Zahlen bestätigen, wäre es "das schlimmste Massensterben, das jemals im Mittelmeer gesehen wurde".

Militärische Einsätze gegen Schlepper
Durch die erneute Flüchtlingstragödie geriet die Europäische Union in die Kritik. Die EU-Außen- und Innenminister einigten sich als Konsequenz am Montag auf einen Zehn-Punkte-Plan, der unter anderem eine "Stärkung" der Seenotrettung im Mittelmeer vorsieht. Bei einem Krisentreffen in Luxemburg wurden Pläne für die Verdoppelung der Mittel für die EU-Programme "Triton" und "Poseidon" auf den Weg gebracht. Sie sollen den Einsatz von deutlich mehr Schiffen ermöglichen und noch am Donnerstag auf einem Sondergipfel der Staats- und Regierungschefs vorgelegt werden.

Neben der Ausweitung der Seenotrettung könnten künftig gezielt von Schleppern genutzte Schiffe beschlagnahmt und zerstört werden. Vorbild sei die militärische Anti-Piraterie-Mission "Atalanta" am Horn von Afrika, sagte der zuständige EU-Kommissar Dimitris Avramopoulos bei der Vorstellung des Zehn-Punkte-Plans. "Atalanta" begleitet nicht nur zivile Schiffe, sondern zerstörte mehrfach auch Piratenlager.

Der UN-Hochkommissar für Menschenrechte hatte die EU zuvor ungewöhnlich scharf kritisiert. Die Hunderten von Toten seien das Ergebnis eines anhaltenden Politikversagens und eines "monumentalen Mangels an Mitgefühl", sagte Said Raad al-Hussein am Montag in Genf. Statt nach sinnlosen strengeren Abschottungsmaßnahmen zu rufen, müsse die EU endlich legale Fluchtwege und mehr Rettungskapazitäten für das Mittelmeer bereitstellen.

Bis zu eine Million Flüchtlinge warten auf Überfahrt nach Europa
Das Bürgerkriegsland Libyen ist derzeit ein Haupttransitland. Seit Langzeitmachthaber Muammar al-Gadafi 2011 mit Unterstützung des Westens gestürzt wurde, rivalisieren in Libyen islamistische Milizen und nationalistische Kräfte gewaltsam um Macht und Einfluss. Es gibt keine funktionierenden Grenzkontrollen. Nach Angaben der Staatsanwaltschaft in Palermo auf Sizilien warten in Libyen bis zu eine Million Flüchtlinge auf die Überfahrt nach Europa, laut dem UNO-Flüchtlingshochkommissariat UNHCR sind es immerhin eine halbe Million.

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