Musiker Christian Gruber verschmäht Zeltfeste und tritt stattdessen mit seiner Harmonika in Pflegeheimen auf. Was er dort erlebt, ist berührend – und sogar lebensverändernd.
Wenn Christian Gruber seine „Opa-Harmonika“ umschnallt, die Gitarre oder Geige in die Hand nimmt und vor betagten Menschen zu spielen beginnt, geht es ihm nicht um große Bühnen, viel Applaus und reichlich Ruhm. Es geht um Menschen. Um ihre Geschichten und das Wecken schöner Erinnerungen und Gefühle.
Seit zehn Jahren ist der 43-jährige Weststeirer als mobiler Musikant unterwegs. 53 Pflegeheime umfasst sein Tourplan, der auf ein Jahr vorausgeplant ist und sein Leben finanziert. „Ich komme nicht als Star. Für die meisten bin ich einfach der Enkel“, schmunzelt Christian.
Peter Alexander, Freddy Quinn, „Musikantenstadl“
Musik kennt oft einen Weg, den Worte nicht mehr finden. „Manchmal muss man gar nicht mehr wissen, wie ein Mensch heißt. Es reicht, wenn man noch weiß, welches Lied ihn glücklich macht“, sagt Gruber. Sein Repertoire ist ein musikalischer Lebensrückblick: alte Schlager von Freddy Quinn und Peter Alexander. Beliebt ist auch das „Musikantenstadl“-Programm mit der Hias-Imitation und den Schunkelhits der Stoakogler und Kern Buam. Er singt die Evergreens für die Oldies langsamer, spricht im vertrauten Dialekt und regt zur sanften Bewegung an. „Für die Älteren sind diese Melodien Seelenverwandte, die ein Stück Heimat zurückbringen können, verbunden mit Gefühlen, Gerüchen, Menschen und Bildern, die in wenigen Takten wieder da sind.“
Plaudern, zuhören und berühren ist oft genauso wichtig wie das Musizieren. Eine spezielle Ausbildung dafür hat der empathische Musikant nicht. Was er mitbringt, sind sein Gefühl für Menschen und die Liebe zu älteren Leuten. „Schon als Bub habe ich Senioren unterhalten, die mit ihren Bussen in unser Wirtshaus kamen.“ Heute fährt der Familienvater von einer Pflegeeinrichtung zur nächsten, oft drei Stationen am Tag. Manche machen sich extra schön, wenn Christian kommt. Ziehen ihr Dirndl an, sitzen erwartungsvoll in der ersten Reihe, sagt er. „Einige gehen am Tag davor sogar noch zum Friseur, machen mir auch eindeutige Angebote, vererben mir ganze Wirtschaften“, schmunzelt der Weststeirer, der die Direktheit seines Publikums schätzt. „Jedes Schulterklopfen ist wirklich ehrlich gemeint.“
„20 Leute im Heim lieber als 500 beim Zeltfest“
Auf Zeltfesten zu spielen reizt den Bandchef der Aufgeiger kaum noch. „Da hat sich zu viel verändert. Da geht es nicht mehr um die Musik.“ Oft wisse am nächsten Tag niemand mehr, wer eigentlich auf der Bühne gestanden ist. „Da sind mir 20 Leute im Seniorenheim lieber als 500 beim Zeltfest.“
Denn im Pflegeheim geht es nicht darum, möglichst laut zu sein. Es geht darum, möglichst nah bei den Menschen zu sein. Manchmal führt ihn diese Nähe auch ans Sterbebett. „Dann spiele ich die Lieblingsmelodie als letzten Abschiedsgruß.“ Anfangs haben ihn Leid und Sterben sehr beschäftigt. „Heute kann ich mit schwerer Krankheit, Demenz und Tod anders umgehen.“
Eine seiner besonderen Begegnungen ist ein 104-Jähriger, der zwar schlecht hört, aber trotzdem immer einen ganz bestimmten Wunsch hat. „Christian, spiel mir bitte einen Walzer!“ Dann steht der alte Mann auf und tanzt mit seinen Pflegerinnen – dank Christian Gruber als Taktgeber, der die Menschen zurück zu sich selbst bringt.
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