Do, 21. Juni 2018

Massiver Wandel

09.07.2014 10:40

"Kurdistan" für Türkei kein Schreckgespenst mehr

Die lang gehegte Furcht der Türkei vor der Entstehung eines Kurdenstaates an ihrer Südostgrenze ist in der Außenpolitik der türkischen Regierung kein bestimmender Faktor mehr. Inzwischen gilt die Devise, dass die Türkei in der ganzen Region "keinen besseren Verbündeten hat als die Kurden", wie es der Irak-Experte Bilgay Duman in Ankara formuliert. Politische und wirtschaftliche Gründe haben zu diesem massiven Wandel beigetragen.

Die Aussicht, dass sich die 25 bis 35 Millionen Kurden in Nahost irgendwann einmal in einem eigenen Staat zusammenfinden könnten, war für die vier Länder mit kurdischen Minderheiten in der Region - Türkei, Syrien, Irak und Iran - über Jahrzehnte ein Schreckensszenario. Ethnisch und sprachlich gehören die Kurden weder zu den Türken, noch zu den Arabern oder den Persern - und wurden deshalb lange als Bedrohung gesehen.

Zumindest in Ankara ist das jedoch nicht mehr so. Das Denken der türkischen Außenpolitiker wird bestimmt vom Auseinanderfallen des irakischen Staatsverbandes und den Erfolgen der radikal-sunnitischen Miliz ISIS, die im Irak und in Syrien ein "Kalifat" ausgerufen hat. Der Vormarsch der ISIS hat die Zweifel verstärkt, ob der Irak als gemeinsamer Staat von Schiiten, Sunniten und Kurden zusammengehalten werden kann - oder sollte. "Die Unterstützung für die territoriale Einheit des Irak liegt nicht mehr im Interesse der Türkei", sagt Duman. Die türkische Führung habe eingesehen, dass der Irak auseinanderbrechen werde.

Kurdenstaat als "Pufferzone" willkommen
Die Herausbildung eines Kurdenstaates im Nordirak wird deshalb immer wahrscheinlicher. Die Behörden in der kurdischen Autonomiezone bereiten eine Volksabstimmung über die Frage der Unabhängigkeit vor, zudem haben sich die Kurden inmitten des ISIS-Vormarsches die Kontrolle über die ölreiche Stadt Kirkuk gesichert. Aus Ankara kam kein Protest. Mit gutem Grund, wie Duman meint: Ein Kurdenstaat wäre eine "Pufferzone" zwischen der Türkei und der "islamistischen Bedrohung", argumentiert er.

Wirtschaftlich profitiert die Türkei schon jetzt von den Autonomiebestrebungen der irakischen Kurden. Ankara leitet Öl aus dem kurdischen Teil Iraks an die Weltmärkte - sehr zum Unmut der irakischen Zentralregierung in Bagdad. Zugleich hat sich das durch den Öl-Boom bereicherte irakische Kurdistan zum zweitwichtigsten Abnehmer türkischer Exporte gemausert. Nur nach Deutschland gehen noch mehr türkische Ausfuhren.

Erdogan hofft auf kurdische Wählerstimmen
Auch innenpolitisch passt das türkische Wohlwollen den Kurden gegenüber ins Bild. Die Regierung von Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan verhandelt mit Abdullah Öcalan, dem inhaftierten Rebellenchef der Arbeiterpartei Kurdistans, über eine friedliche Beilegung des Kurdenkonflikts in der Türkei, der seit 1984 andauert und bereits mehr als 40.000 Menschen das Leben kostete. Zudem hofft Erdogan bei der Präsidentenwahl am 10. August auf Wählerstimmen der rund 15 Millionen türkischen Kurden.

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