11 Mio. brauchen Hilfe
Winter in Ukraine: Zwischen Erschöpfung und Angst
Temperaturen bis zu minus 20 Grad, vielerorts kein Strom und keine Heizung: Die Ukrainer müssen gerade den härtesten Winter seit dem Kriegsbeginn vor vier Jahren durchstehen. Laut Rotem Kreuz sind landesweit elf Millionen Menschen auf humanitäre Hilfe angewiesen.
„Wir müssen tagelang ohne fließendes Wasser auskommen, nachts werden wir von Luftalarmen geweckt“, berichtet die Delegationsleiterin des Österreichischen Roten Kreuzes in der Ukraine, Camilla Mittelberger.
Österreicher helfen
Das Rote Kreuz, aber auch viele andere Hilfsorganisationen wie die Caritas, der Arbeiter-Samariter-Bund, die Diakonie, das Hilfswerk, die Malteser und die Volkshilfe helfen. Die Nothilfereporterin von CARE, Sarah Easter, etwa tut dies in Dnipro.
Fotoserie: Die Ukraine erlebt den härtesten Winter seit Kriegsbeginn
„Lichter gehen plötzlich aus“
Hier erlebe sie „gerade eine spürbare Eskalation nach vier Jahren Krieg. Luftalarme werden nicht mehr in Tagen, sondern in Stunden gezählt“, erzählt sie. „Einschläge auf den Energiesektor, aber auch auf Wohnhäuser finden oft in der Nacht statt: Die Lichter gehen plötzlich aus, Generatoren springen an – wenn man sich überhaupt einen leisten kann.“
„Nachbar in Not“ und ORF starten erneuten Spendenaufruf
„Der Bedarf an Hilfe ist enorm“, betonen auch die Organisationen von „Nachbar in Not“, die zusammen mit dem ORF einen neuen Spendenaufruf starteten. Besonders betroffen von den winterlichen Temperaturen und Angriffen auf die Energieinfrastruktur seien Kinder, die unter permanenter Angst und psychischer Belastung leiden und trotz dicker Schlafsäcke in der Nacht frieren. Ebenfalls seien ältere und kranke Menschen betroffen, die in kalten Wohnungen festsitzen, weil der Aufzug nicht funktioniert. Für sie bestehe in der aktuellen Situation schnell Lebensgefahr. Auch Familien würden besonders leiden, deren Ersparnisse nach vier Jahren Krieg aufgebraucht seien und die in Großstädten wie Kiew Nacht für Nacht vor Luftangriffen in U-Bahn-Stationen oder Schutzkeller fliehen müssten.
Ältere und kranke Menschen sitzen in kalten Wohnungen fest, weil der Aufzug nicht funktioniert. Für sie besteht in der aktuellen Situation schnell Lebensgefahr.
Die Organisation „Nachbar in Not“
Temperaturen in Wohnungen auf Null oder Minusgrade gesunken
„Vier Jahre Dauerstress hinterlassen Spuren bei der Bevölkerung: Erschöpfung, Angst, Schlaflosigkeit. Eltern berichten, dass sie sich nicht mehr daran erinnern, wie es sich anfühlt, eine Nacht durchzuschlafen“, berichtet Sarah Easter seitens CARE aus Dnipro. „Vor allem ältere Menschen, die oft alleine in abgelegenen Gebieten zurückgeblieben sind, trifft der Winter hart“, ergänzt die Rotkreuz-Delegationsleiterin Mittelberger. „Unsere Kolleginnen und Kollegen sind die einzige Hilfe, oft ihr einziger sozialer Kontakt.“ Für Personen mit eingeschränkter Mobilität sei die Situation lebensgefährlich. Die Temperaturen in Wohnungen und Häusern sei auf Null oder Minusgrade gesunken.
Eltern berichten, dass sie sich nicht mehr daran erinnern, wie es sich anfühlt, eine Nacht durchzuschlafen“
Sarah Easter, Nothilfereporterin von CARE
Wärmepunkte aufgebaut
Gemeinsam mit der ukrainischen Regierung wurden Wärmepunkte aufgebaut. In diesen größeren Zelten können sich die Menschen aufwärmen, ihre Handys laden, heißen Tee und eine warme Mahlzeit bekommen oder einfach Zeit verbringen. Kinder können Hausübungen machen, wenn die Schulen mangels Stromversorgung geschlossen sind. Auch psychologische Erste Hilfe wird angeboten. Allein in Kiew gebe es bis zu 100 solche Wärmepunkte, sagt Mittelberger.
Heizsysteme fallen aus
Darüber hinaus wurden in Regionen, wo das komplette Heizsystem ausgefallen ist, permanente Wärmestuben mit Betten und Schlafsäcken eingerichtet, damit die Menschen dort auch übernachten können. Hauspflege-Teams suchen jene, die selbst nicht zu den Wärmepunkten kommen können, auf und versorgen sie mit Lebensmitteln, heißem Wasser und Decken. Mobile Gesundheitsdienste leisten medizinische und psychologische Hilfe. Sie bringen Pflege, Medikamente und ärztliche Hilfe in entlegene Gebiete, wo es keine medizinische Versorgung mehr gibt, weil Gesundheitseinrichtungen beschädigt wurden, keinen Strom haben oder das Gesundheitspersonal geflohen ist. Das Rote Kreuz liefert Generatoren an Spitäler und Schulen.
Auch nach vier Jahren Krieg geht es für die Menschen in der Ukraine Tag für Tag ums Überleben.
Andreas Knapp, Vorstand von NACHBAR IN NOT und Generalsekretär der Internationalen Programme der Caritas Österreich.
Finanzielle Mittel brechen weg
CARE leistet ebenfalls Nothilfe, vor allem auch mit psychosozialer Unterstützung, „weil die traumatischen Geschehnisse enorm und lang anhaltend sind“, berichtet Easter. „Doch gleichzeitig brechen jetzt die finanziellen Mittel weg. Projekte müssen gestoppt werden, obwohl die Not jeden Tag steigt“, sagt sie. Die Resilienz der Menschen sei real, aber sie sei nicht grenzenlos.
„Auch nach vier Jahren Krieg geht es für die Menschen in der Ukraine Tag für Tag ums Überleben. So aussichtslos die Situation oft wirkt, wir – und mit uns die Menschen in Österreich – können etwas tun: Wir helfen, retten Leben, machen den Alltag im Krieg sicherer, ermöglichen Kindern eine kurze Auszeit oder schenken etwas Stabilität und Zuversicht“, betonen Andreas Knapp, Vorstand von „Nachbar in Not“ und Generalsekretär der Internationalen Programme der Caritas Österreich. „Eine Spende für die Menschen in der Ukraine zeugt davon, dass wir Solidarität leben und unsere Nachbarn nicht im Stich lassen.“
















Liebe Leserin, lieber Leser,
die Kommentarfunktion steht Ihnen ab 6 Uhr wieder wie gewohnt zur Verfügung.
Mit freundlichen Grüßen
das krone.at-Team
User-Beiträge geben nicht notwendigerweise die Meinung des Betreibers/der Redaktion bzw. von Krone Multimedia (KMM) wieder. In diesem Sinne distanziert sich die Redaktion/der Betreiber von den Inhalten in diesem Diskussionsforum. KMM behält sich insbesondere vor, gegen geltendes Recht verstoßende, den guten Sitten oder der Netiquette widersprechende bzw. dem Ansehen von KMM zuwiderlaufende Beiträge zu löschen, diesbezüglichen Schadenersatz gegenüber dem betreffenden User geltend zu machen, die Nutzer-Daten zu Zwecken der Rechtsverfolgung zu verwenden und strafrechtlich relevante Beiträge zur Anzeige zu bringen (siehe auch AGB). Hier können Sie das Community-Team via unserer Melde- und Abhilfestelle kontaktieren.