Der Krimi um Denise

Kind in Italien entführt: Spur nach Österreich

Österreich
15.02.2026 06:30

Denise war erst knapp vier Jahre alt, als sie 2004 in ihrer Heimatstadt, im sizilianischen Mazara del Vallo, gekidnappt wurde. Von einer in halb Europa agierenden Mafia-Organisation, wie die Kripo meint. Nun gibt es Hinweise, dass das Opfer mittlerweile in Österreich sein könnte.

Es war vor etwa zwei Wochen, als sich eine Italienerin namens Piera Maggio an „Österreich findet euch“ wandte. Mit der dringlichen Bitte, über die Homepage und die Social-Media-Seiten des bekannten Vereins einen Aufruf zu starten. Hinsichtlich ihrer schon lange verschwundenen Tochter Denise.

Denn es gebe nun, erklärte die Frau, ernst zu nehmende Hinweise dafür, dass sich ihr geliebtes Kind – von dem ein Bild erstellt wurde, wie die heute 25-Jährige nun aussehen könnte (siehe Beitragsende) – in unserem Land aufhalten könnte; dass es von jenen Kriminellen, die es einst entführt hätten, mittlerweile hierher verschleppt worden sei ...

Es geschah am helllichten Tag
Die Geschichte zu dem unfassbaren Drama, das an den „Fall Maddie“ erinnert: bedrückend, furchterregend. Unheimlich. Diese Geschichte, die am 1. September 2004 ihren Anfang nahm. An einem wunderbar warmen, sonnigen Vormittag. In einem friedlichen Außenbezirk der sizilianischen Hafenstadt Mazara del Vallo.

Die Kleine wurde nur wenige Meter von dem Wohnhaus ihrer Großmutter entfernt entführt.
Die Kleine wurde nur wenige Meter von dem Wohnhaus ihrer Großmutter entfernt entführt.(Bild: ANSA/Carmelo Sucameli)

Denise, damals knapp vier, war da zu Besuch bei ihrer Oma; sie spielte vor dem Mehrparteienhaus mit einem Ball, zunächst alleine, später mit einem ihrer Cousins. Irgendwann ging sie mit dem Buben zu dessen Mama, also zu ihrer Tante – um Kekse zu essen. Und danach wurde sie von den beiden zu der Gasse, in der die Großmutter lebte, zurückgebracht.

Lustig hüpfend sei sie, so die letzten Erinnerungen an Denise, in Richtung der nur noch wenige Meter entfernten Wohnung der Pensionistin gelaufen. Doch sie kam dort nicht an. Quasi von einer Sekunde auf die nächste war das Mädchen wie vom Erdboden verschluckt. In einer durchaus belebten Gegend, am helllichten Tag.

Gleich begannen Verwandte und Nachbarn verzweifelt nach der Kleinen zu suchen. Rasch wurde die Kripo alarmiert, Hunderte Beamte durchforsteten in der Folge das Gebiet; auch sie fanden keine Spur von ihr. Zudem wurden sofort weitreichende Fahndungsmaßnahmen eingeleitet, Fotos, die wenige Stunden vor dem Drama von dem Kind gemacht worden waren, in sämtlichen Medien des Landes veröffentlicht: „Wer hat Denise gesehen?“

Die Mutter des Opfers bei einem Mahnmarsch
Die Mutter des Opfers bei einem Mahnmarsch(Bild: cerchiamodenise.at)

Bald kannte daher beinahe jeder Italiener ihr Antlitz; ihr herziges, rundliches Gesicht, mit einer sichtbaren Verletzung unterhalb des linken Auges – die sich das Mädchen kurz vor seinem Verschwinden beim Herumtollen in seinem Zimmer zugezogen hatte.

Fest steht: Am 18. Oktober 2004 rief ein bei einer Bankfiliale in Mailand beschäftigter Wachmann aufgeregt bei der Polizei an.

Ein aufrührendes Handyvideo
„Kommen Sie schnell, die vermisste Denise ist hier, genau vor mir.“ Vor dem Gassenlokal, auf der Straße, in Begleitung eines dubiosen Mannes, zweier ärmlich gekleideter Frauen und mehrerer verschüchterter Kinder.

Jenes darunter, das er als das abgängige Mädchen erkannt haben wollte, war extrem dick angezogen, es trug eine Winterjacke mit Kapuze, die noch dazu über seinen Kopf gezogen war. Und es hatte eine auffällige – offenkundig schlecht heilende – Wunde auf der linken Wange, unterhalb des Auges ...

Wenige Wochen nach dem Kidnapping wurde Denise in Mailand gefilmt (Bild links); daneben ein ...
Wenige Wochen nach dem Kidnapping wurde Denise in Mailand gefilmt (Bild links); daneben ein Vergleichsfoto von ihr.(Bild: cerchiamodenise.at)

Es habe geschienen, als wäre der Versuch unternommen worden, das mutmaßliche Entführungsopfer durch eine der Jahreszeit nicht entsprechende Kleidung zu „vermummen“, dadurch unidentifizierbar zu machen, berichtete der Zeuge den Carabinieri – die erst bei ihm eingetroffen waren, als die dubiose Gruppe ihn schon entdeckt habe und daraufhin eiligst geflüchtet sei.

Aber er hatte es davor noch geschafft, die Kameralinse seines Mobiltelefons auf das besagte Kind zu halten. Auf dem so entstandenen Video ist deutlich zu hören, dass es von den zwielichtig wirkenden Erwachsenen „Danas“ – ähnlich dem Namen Denise – genannt wird; und wie es wiederholt ängstlich, mit zittriger Stimme, fragt: „Wohin bringt ihr mich jetzt?“

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Wie viel Liebe wurde mir entrissen? Wie viel Liebe wurde dir entrissen? Ich denke an dich. Jeden Tag, jede Nacht. Ich werde nie aufhören, dich zu suchen.

Piera Maggios Botschaft an ihr verschwundenes Kind

Der Film wurde alsbald der Familie des gesuchten Mädchens gezeigt. Fazit: Die Mutter war sich – und sie ist das bis heute – absolut sicher, dass es sich bei der Kleinen um ihre Tochter handelt. Ein kriminaltechnischer Beweis dafür fehlt. Weil die Handyaufnahmen von zu schlechter Qualität sind, um sie eindeutig auswerten, damit Bild-Vergleichsanalysen machen zu können.

Aber es fanden – und finden nach wie vor – umfangreiche Ermittlungen zu der mysteriösen Causa statt. Durch die immer wieder die Anfangsannahme der Fahnder erhärtet wurde: Dass die am 26. Oktober 2000 Geborene gekidnappt worden sein musste, eben am 1. September 2004. Im Zuge einer – davor äußerst penibel geplanten – „Blitzaktion“.

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Manche Menschen glauben, dass nach so vielen Jahren der Schmerz nachlässt. Aber das stimmt nicht. Mein Schmerz um Denise ist nie kleiner geworden.

Piera Maggio über ihr unendliches Leid

Der Indizienprozess gegen die Stiefschwester
Fakt ist: Die um elf Jahre ältere Halbschwester des Mädchens aus der ersten Ehe des Vaters geriet irgendwann in den Verdacht, die Tat begangen zu haben. Aus Eifersucht. Möglicherweise mithilfe der Mafia. Der jungen Frau wurde schließlich sogar ein Prozess gemacht; er endete mit einem Freispruch, aus Mangel an Beweisen.

Und unzählige Hinweise zum angeblichen Aufenthalt des vermissten Mädchens – aus der halben Welt – erwiesen sich bei Überprüfungen allesamt als irreführend, als falsch.

In den Fängen einer Bettlerbande?
Letztlich gingen die Behörden – mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit – davon aus, dass Denise in die Fänge einer gefährlichen, in halb Europa operierenden Bettlerorganisation geraten sei. Die sie einst in Eigenregie verschleppt hatte, an die sie verkauft oder verschenkt wurde. Wie so viele Kinder vor und nach ihr.

Die Psychiaterin über das Jetzt des Opfers:
„Sie weiß nichts über ihre frühe Kindheit“

„Krone“: Frau Dr. Roßmanith, sollte Denise noch am Leben sein – kann sie sich, zumindest in kleinen Ansätzen, noch an ihr Leben einst, bei ihrer Familie, erinnern?
Sigrun Roßmanith: Davon gehe ich nicht aus. Weil die Erfahrungen, die sie nach ihrer vermuteten Entführung gemacht hat, Erlebnisse aus ihrem „fernsten Früher“ längst völlig überdeckt haben dürften.

Und wenn sie ihre Mutter wiedersehen würde?
Würde sie diese nicht erkennen.

Sigrun Roßmanith ist eine der renommiertesten österreichischen Gerichtspsychiaterinnen.
Sigrun Roßmanith ist eine der renommiertesten österreichischen Gerichtspsychiaterinnen.(Bild: Imre Antal)

Wie, denken Sie, ist der psychische Zustand der mittlerweile 25-Jährigen?
Sie leidet mit Sicherheit – aufgrund des Schocks durch ihr Kidnapping und der wahrscheinlich grauenhaften Dinge, die danach mit ihr geschehen sind – an einer posttraumatischen Belastungsstörung; an vielleicht für sie nicht erklärbaren ständigen Angstgefühlen und Panikattacken.

Was, wenn das Opfer jetzt in der „Krone“ ein Kindheitsbild von sich sieht?
Es wäre nicht dazu imstande, das Foto mit sich zu verbinden. Weil es nicht mehr weiß, wie es im Mädchenalter ausgesehen hat.

Die Opfer werden von den Banden systematisch ausgebeutet; fristen ein Nomaden-Dasein in immer anderen Großstädten. Haben dort Passanten um Geld anzuflehen, schlafen in heruntergekommenen Matratzenlagern. Werden rund um die Uhr von kriminellen „Betreuern“ kontrolliert – die ihnen vermitteln, sie wären ihre Eltern. Und bleiben nicht selten auch im höheren Alter unter deren Gewalt.

So könnte Denise heute aussehen
Befindet sich Denise – sie wäre mittlerweile 25 –, wie ihre Mutter nun fest glaubt, tatsächlich in Österreich? „Österreich findet euch“ wurde von ihrer Familie ein Beitrag mit einem mittels Altersprogression erstellten Bild zur Verfügung gestellt, wie Denise heute aussehen könnte.

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Wir haben mittlerweile über soziale Medien eine große Suchaktion nach der Vermissten gestartet. Wir hoffen, dass einer unserer vielen Follower sie erkennt.

Christian Mader, Leiter des Vereins „Österreich findet euch“

„Solange ich atme, hoffe ich“
Denises Mutter ist seit über 20 Jahren unaufhörlich darum bemüht, ihre Tochter zu finden. Organisiert Mahnmärsche, gibt ständig Interviews, hat ein Buch über ihr grauenhaftes Schicksal geschrieben. „Solange ich atme“, sagt die Italienerin, „hoffe ich ...“

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