Volksbefragung über ein neues Wehr- und Zivildienstmodell – ja oder nein? Militärexperte Walter Feichtinger warnt: „Ich bezweifle, dass Herr und Frau Österreicher das seriös und fundiert beantworten können. Es ist fast eine Zumutung, sie dazu befragen zu wollen.“ Mehr dazu – und auch wie lange es dauern würde, bis das Heer im Krisenfall reagieren könnte – in „Nachgefragt“ (siehe Video oben).
Österreich steht vor einer brisanten sicherheitspolitischen Entscheidung: Wie lange sollen junge Männer zum Wehrdienst verpflichtet werden und wer soll darüber bestimmen? Während die Wehrdienstkommission bereits konkrete Reformvorschläge präsentiert hat, sorgt der Volksbefragungs-Vorstoß für hitzige Diskussionen. 23 Fachleute aus verschiedenen Lebensbereichen hatten sich über Monate intensiv mit dem Thema auseinandergesetzt und im Jänner einen fundierten Reformvorschlag vorgelegt. „Daher war es sehr überraschend, dass man jetzt in Richtung Volksbefragung gehen möchte“, so Feichtinger, selbst Mitglied der Kommission.
Bürgerbeteiligung sei wichtig, „aber nur dort, wo die Bevölkerung persönliche Erfahrung hat und etwas zum Thema beitragen kann“. Die Verzögerung birgt zudem Risiken, warnt er: „Das Bundesheer ist auf einem sehr schlechten Weg. Es muss dringend gehandelt werden.“ Die weltpolitische Lage verschärfe die Situation zusätzlich.
„Neutralität schützt nicht mehr“
Warum Österreich mehr Soldaten braucht, beantwortet Feichtinger ohne Umschweife: Ein Blick in die Nachrichten reiche aus. „Die Welt ist unglaublich turbulent und gefährlich geworden“, sagt der Militärexperte mit Verweis auf den Krieg in der Ukraine. Dieser zeige nicht nur die Brutalität moderner Kriegsführung, sondern auch eine unbequeme Wahrheit: Neutralität biete keinen Schutz mehr. Österreich sei Teil des Westens, trage Sanktionen mit und stehe damit längst im geopolitischen Fokus.
Österreich wäre nach Einschätzung von Militärexperte Feichtinger grundsätzlich in der Lage, sich zu verteidigen. „Sonst müssten wir das Bundesheer abschaffen“, sagt er. Wichtig sei allerdings, realistische Szenarien zu betrachten.
Eine klassische Panzerschlacht im Marchfeld erwartet man nicht, wohl aber gezielte Angriffe auf wichtige Verbindungslinien wie Straßen, Eisenbahnen oder Flugwege. „Diese Transversalen sind für ganz Europa von Bedeutung und daher potenzielle Ziele für Raketen oder Drohnen“, warnt Feichtinger. Österreich müsse sich entsprechend vorbereiten.
Mobilmachung im Ernstfall
Im Krisenfall hänge alles von der Größe des Einsatzes ab. Einige Hundert Soldaten könnten „binnen 24 bis 48 Stunden einsatzbereit sein“, so der Militärexperte. Problematisch sei, dass viele Soldaten nach sechs Monaten Dienst keine regelmäßigen Übungen absolviert hätten. „Wenn ein großer Bedarf besteht, müssten sie noch mindestens zwei Monate zusätzliche Ausbildung erhalten, bevor sie wirklich einsatzbereit sind“, erklärt Feichtinger.
Genau das sei der Grund für den Vorschlag der Wehrdienstkommission, den Grundwehrdienst auf acht Monate zu verlängern, inklusive Übungen für bis zu 1000 Soldaten. Das reduziere das Risiko zwischen Mobilmachung und tatsächlicher Einsatzfähigkeit erheblich.
Droht der Dritte Weltkrieg?
Auf die Frage, ob ein globaler Krieg unmittelbar bevorsteht, bleibt Feichtinger nüchtern: „Ich bin kein Anhänger dieser sehr negativen Perspektive. Wir befinden uns in einem Umbruch.“ Klar sei: Die Sicherheitslage habe sich weltweit verschärft, die Risiken für Europa seien gestiegen und Österreich müsse darauf vorbereitet sein.
Das ganze Interview sehen Sie oben im Video!
Willkommen in unserer Community! Eingehende Beiträge werden geprüft und anschließend veröffentlicht. Bitte achten Sie auf Einhaltung unserer Netiquette und AGB. Für ausführliche Diskussionen steht Ihnen ebenso das krone.at-Forum zur Verfügung. Hier können Sie das Community-Team via unserer Melde- und Abhilfestelle kontaktieren.
User-Beiträge geben nicht notwendigerweise die Meinung des Betreibers/der Redaktion bzw. von Krone Multimedia (KMM) wieder. In diesem Sinne distanziert sich die Redaktion/der Betreiber von den Inhalten in diesem Diskussionsforum. KMM behält sich insbesondere vor, gegen geltendes Recht verstoßende, den guten Sitten oder der Netiquette widersprechende bzw. dem Ansehen von KMM zuwiderlaufende Beiträge zu löschen, diesbezüglichen Schadenersatz gegenüber dem betreffenden User geltend zu machen, die Nutzer-Daten zu Zwecken der Rechtsverfolgung zu verwenden und strafrechtlich relevante Beiträge zur Anzeige zu bringen (siehe auch AGB). Hier können Sie das Community-Team via unserer Melde- und Abhilfestelle kontaktieren.