Der ehemalige deutsche Außenminister Joschka Fischer (Grüne) hat sich für eine europäische Atombombe ausgesprochen. „Europa muss das machen, denn die amerikanische Schutzgarantie ist ab sofort ungewiss“, betonte der 77-Jährige. Eine rein nationale atomare Bewaffnung Deutschlands lehnte er ab.
Eine der wichtigsten Lehren aus der deutschen Geschichte sei für ihn, „dass Deutschland zwar in der Verantwortung steht, eine Führungsrolle in Europa zu übernehmen, aber immer gemeinsam mit den anderen“, sagte der Ex-Außenminister im Interview mit dem „Tagesspiegel“.
„Aufrüstung notwendig“
Die Aufrüstung sei allerdings notwendig. Es sei nur durch Stärke und Abschreckung möglich, einen „aggressionsbereiten Nachbarn“ von einem Überfall abzuhalten. „Zu lange sind wir der Illusion vom angeblich ewigen Frieden in Europa aufgesessen“, so Fischer. Wäre er heute jung, würde er Wehrdienst leisten, erklärte der ehemalige Außenminister in der Ära Schröder (1998 bis 2005). „Die Zeit ist eine andere. Wir werden bedroht. Wir müssen uns verteidigen“, betonte der 77-Jährige.
Scharfe Kritik an Trump
Fischer übte im Interview auch scharfe Kritik an der aktuellen Trump-Regierung in den USA. Der US-Präsident verfolge laut Fischer Trump einen autoritären Kurs. „Er möchte die amerikanische Demokratie in eine Oligarchie umbauen. Das System einer zeitlich begrenzten Machtausübung, die auf freien und geheimen Wahlen beruht, will er durch eine grenzenlose persönliche Herrschaft ersetzen.“
Ich bin immer davon ausgegangen, dass man sich um die USA als älteste Demokratie der Welt als Letztes Sorgen machen muss. Auch das war ein Irrtum.
Joschka Fischer
Eine eigene Atombombe für Deutschland lehnt Fischer jedoch ab. „Ich hielte es für einen großen Irrtum, wenn Deutschland die atomare Bewaffnung als nationale Herausforderung sähe“, sagte der Grünen-Politiker. „Europa muss das machen, denn die amerikanische Schutzgarantie ist ab sofort ungewiss“, betonte Fischer. „Deutschland sollte nie wieder alleine agieren, nie wieder. Wir brauchen unsere europäischen Partner.“
Wäre ich heute jung, würde ich Wehrdienst leisten. Die Zeit ist eine andere. Wir werden bedroht. Wir müssen uns verteidigen.
Joschka Fischer, ehemaliger Außenminister der Bundesrepublik Deutschland
Außerdem sei eine deutsche Atombombe völkerrechtlich kaum durchsetzbar. Einer nuklearen Wiederbewaffnung seien sowohl im Zwei-plus-vier-Vertrag als auch grundsätzlich durch den Atomwaffensperrvertrag klare Grenzen gesetzt.
Rufe nach deutscher Atombombe
Unterdessen wurden zuletzt jedoch die Rufe von Experten nach einer deutschen Atombombe immer lauter. „Die nukleare Frage ist der Kern der nationalen Souveränität eines Staates“, sagte der Präsident der Stiftung Haus der Geschichte in Bonn, Harald Biermann, der „Rheinischen Post“. „Auch Deutschland muss sich dieser Frage stellen“, forderte er. Es gehe um die Existenz der Bundesrepublik Deutschland. Auch Joachim Krause, der lange am Institut für Sicherheitspolitik der Universität Kiel lehrte, forderte ein Nachdenken über „den Schutz Deutschlands durch eigene oder europäische Atomwaffen“.
Die Entwicklung deutscher Atombomben ist dabei Fachkreisen zufolge kein Hindernis. Laut Rainer Moormann, der als Chemiker mehr als drei Jahrzehnte am Forschungszentrum Jülich zur Nukleartechnik forschte, wäre Deutschland „innerhalb von drei Jahren in der Lage, eine Atombombe zu bauen“.
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