Vor rund 15.000 Fans in der ausverkauften Wiener Stadthalle hatte der Mannheimer Chartstürmer Apache 207 nicht nur erstmals eine echte Band aus Fleisch und Blut am Start, sondern parkte nebenbei auch noch einen echten Jet im Konzertareal. Ein Abend zwischen lauter Gesten und leisen Tönen.
Die Weihnachtskekse sind verdaut, die Pflichtbesuche bei mehr oder weniger beliebten Familienmitgliedern für eine Zeit lang erledigt und das lineare Fernsehprogramm in samtigen Hauspatschen auf der durchgesessenen Couch hängend ist durchgeschaut. Die diffusen Tage zwischen Weihnachten und dem 6. Jänner sind ganz sicher entschleunigend, manchmal aber auch ein bisschen enervierend. „Wir holen uns jetzt aus dem Loch der Langeweile raus“, verspricht Volkan Yaman alias Apache 207 schon zu Beginn seines Sets in der Wiener Stadthalle. Es ist nicht nur die erste amtliche Live-Show des neuen Jahres in Österreich, auch Apache kehrt nach zwei Wochen Weihnachtsferien wieder auf die Bühne zurück. Seine „Arena“-Tour hat er ein bisschen sonderbar angelegt. 17 gefeierte und gut gefüllte Konzerte hat er bereits hinter sich, Wien ist der Auftakt bzw. Testlauf für 22 weitere Shows bis Mitte Februar. Da für ein paar besinnliche Familientage aus dem Groove zu kommen, wirkt sonderbar.
Echtes Flugzeug als Bühne
Apache selbst wird’s egal sein. Ab 10. Jänner spielt er allein fünfmal in der Kölner Lanxess Arena – in Karten umgerechnet bedeutet das rund 100.000 verkaufte Tickets. Mehr als 600.000 Karten sollen es in den 13 Städten sein, wie den Medien mit einer professionell aufbereiteten Info-PDF-Datei vorab mitgeteilt wird, rund 15.000 davon sind es in der seit Monaten ausverkauften Wiener Stadthalle. Doch braucht es auch diese großen Verkäufe, denn die aufgebotene Monsterproduktion verschlingt ausreichend Geld. Hatte Apache schon mal eine Tankstelle auf der Bühne, drapiert er mittlerweile einen modellierten CRJ-200-Jet in die jeweilige Hallenmitte. Sie lesen richtig – der „Feder Airliner“ (benannt nach seiner Plattenfirma Feder Musik) wurde vor Tourstart aus den USA nach Deutschland verschifft, muss vor jedem neuen Aufbau in neun Teile zerlegt und mit mehreren Dutzend Lkw in die nächste Stadt transportiert werden. Schmalhans ist beim Mannheimer definitiv nicht Küchenmeister.
Ein gewisser Grad an Abgehobenheit ist beim 28-Jährigen durchaus legitim. Einerseits ist seine musikalische Verwurzelung tief im Rap zu verorten, wo Bescheidenheit und Demut eher mit charakterlicher Rückständigkeit gleichzusetzen sind, andererseits hat er über die ersten Hits „Kein Problem“ und „Roller“ (gemeinsam mit Eminems „Lose Yourself“ noch immer die bestverkaufte Rap-Single aller Zeiten in Deutschland) von 2019 weg eine Karriere gestartet, die es selbst beim Hype-verliebten Hip-Hop-Publikum so noch nie zuvor gegeben hat. Dass man da gerne mal in anderen Sphären schwebt, ist ganz normal. Insofern ist das opulente Hallenbühnenbild eigentlich nur folgerichtig. So auch die Inszenierung, denn der Flieger lässt sich in zwei Hälften teilen und Apache, der vor dem Konzert noch relativ unbemerkt in einer Box in die Bühnenmitte geschoben wird, entschwebt als Pilot im glitzernden Dienstanzug mit dem Cockpit ins Irdische hernieder, um mit „Ein Lied für dich“ und „Fame“ das Areal früh in Stimmung zu bringen.
Viel Mut zur Emotion
Das Fluggerät dient nicht nur als Zeichen der allumfassenden Überdimensionierung, sondern wird vom Sänger vornehmlich als Laufsteg benutzt. Rumpf, Tragflächen, Flügel – keine Ecke bleibt unverschont, wenn sich Apache, mit gewohnt am Gesicht festgewachsener Sonnenbrille, durch seine noch junge, aber immens wirkungsvolle und erfolgreiche Diskografie singt. Ja, singt, denn was den Mannheimer wohl dermaßen massentauglich macht, ist ein musikalisch breitenwirksamer Zugang. Obwohl es optisch möglich wäre, lässt er nicht den dicken Gangster raushängen, sondern würzt seine Texte neben vereinzelten Kraftausdrücken und metaphorischen Schwanzvergleichen mit dem Mut zur Emotion und Melancholie. Songs wie „Die Welt“ („das ganze Land kennt mich an meiner Silhouette“), „Wolken“ (zu dem er tatsächlich in einer Wolke durch die Halle schwebt) und „Nie mehr gehen“ sind von einer besonderen Form der filigranen Verletzlichkeit durchzogen und gerade deshalb so wirkungsvoll auf so viele verschiedene Menschen.
Bei dieser Show sieht man die Wandelbarkeit des Sängers noch deutlicher. Einerseits die dicken Klunker und die massive Breitling an Fingern und Handgelenk, andererseits die Nahbarkeit zu Fans bei der einen oder anderen Saalrunde, wo auch Zeit für vereinzelte Selfies oder Autogramme auf Platten bleibt – natürlich geschützt von einem Pulk an Security-Personal. Während partielle Lasereffekte, überraschende Explosionen und Feuerfontänen die Gigantomanie des Flugzeugs potenzieren, ist der durchtrainierte Pferdeschwanzträger zu einem großen Teil der Show das bewusst inszenierte Gegenteil. Mit so viel Erfahrung am Firmament halten sich auch die Turbulenzen in Grenzen – wiewohl nicht alles rund läuft. Beim neu in die Setlist aufgenommen „Madonna“ verpasst er den Einsatz, zu Beginn von „morgen“ entfällt im ad hoc der Text der ersten Strophe und bei vereinzelten Übergangen im Set wirkt er zuweilen unsicher und überspielt dies mit Geschichtenerzählen. Zudem bleibt die Stimmung in der Stadthalle während des ganzen Konzerts hinweg ausbaufähig – dass es die Fans auf den Sitzplätzen nicht von den Stühlen reißt, überrascht doch.
Schnitzel und Sommerrodelbahn
Eurodance, 80er-Synthie-Sounds, Rap und eine kleine Prise Schlager im Pop vermengen sich zu einem Amalgam des Glücks für die Apache-Jünger. Der dauerlächelnde Künstler holt für die Ansage zum Hit „Miami“ ein kurdisches Pärchen auf die Bühne, das sich laut Eigenbekunden am 13. Jänner 2025 kennenlernte und bei seiner Dezember-Show in München „dreimonatigen Hochzeitstag“ feierte – sympathisch! Dass er schon früh im Set das Wiener Schnitzel feiert, nimmt man ihm ab. Österreich hat einen großen Platz im Apache-Herzen, noch letzten August rausche er auf Tiroler Sommerrodelbahnen talwärts. Das große Herz ist ihm wichtiger als die dicke Hose, auch wenn Reichtum in seiner Welt augenscheinlich keine Schande ist. Vor allem neuere Songs wie „GWHF“, „Engel“ oder eben „morgen“ sind so gefühlvoll, dass man den Hip-Hop gar nicht mehr richtig verorten kann. Aber dann, wenn’s darauf ankommt, dann sitzt er in Lederjacke im Passagierbereich und raucht mitten im Flieger eine Tschick. Mehr Gesetzlosigkeit geht gar nicht. Ein Überflieger-Abend zum Auftakt der neuen Konzertsaison.
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