Die Demokratie hat an Anziehungskraft verloren. Immer mehr Menschen zweifeln daran, dass Politik ihre Interessen vertritt – mit gefährlichen Folgen. Die Politikwissenschafterin Barbara Prainsack warnt im Interview davor, dass aus der Krise des Regierens eine Krise der Demokratie werden könnte.
Nur noch etwas mehr als die Hälfte der Österreicherinnen und Österreicher ist mit dem politischen System zufrieden. Laut der Politikwissenschaftlerin Barbara Prainsack von der Universität Wien ist das kein rein nationales Phänomen: 2025 gebe es weltweit erstmals seit Langem mehr Autokratien als Demokratien. Demokratie habe lange überzeugt, weil sie Würde, Sicherheit und Wohlstand versprach – für viele Menschen würden diese Versprechen heute nicht mehr eingelöst.
Viele Bürgerinnen und Bürger glaubten zudem nicht mehr daran, ihre Anliegen über die repräsentative Demokratie durchsetzen zu können. Das führe zu Rückzug und Lethargie.
Politische Positionen werden extremer
Gleichzeitig nehmen Polarisierung und Fragmentierung zu. Politische Positionen würden extremer, das gesellschaftlich Akzeptable verschiebe sich rasch. Gemeinsame Bezugspunkte gingen verloren – bis hin zu Uneinigkeit darüber, was überhaupt die zentralen Probleme seien.
Prainsack verweist auf das Konzept der „Hypernormalisierung“: Eine als unzureichend erkannte Realität werde dennoch als normal akzeptiert, weil es an klaren Alternativen fehle. Das trage zur „kollektiven Ratlosigkeit“ bei – und erkläre, warum Protest oft ausbleibt.
Barbara Prainsack, geb. 1975 in Klagenfurt, ist Professorin am Institut für Politikwissenschaft der Universität Wien, davor lehrte sie u.a. am King‘s College London. Zu ihren Büchern zählen „Das Solidaritätsprinzip: ein Plädoyer für eine Renaissance in Medizin und Bioethik“ (2016), „Vom Wert des Menschen. Warum wir ein bedingungsloses Grundeinkommen brauchen“ (2020) und „Wofür wir arbeiten“ (2023).
Corona-Politik und Impfpflicht als Bruchlinie
Rückblickend bezeichnet Prainsack die Impfpflicht in Österreich als „großen politischen Fehler“. Autoritäre Instrumente dürften nicht eingeführt werden, wenn sie nicht durchsetzbar seien. Zudem habe die Maßnahme Menschen abgeschreckt, die sich sonst hätten impfen lassen. Eine umfassende Aufarbeitung der Corona-Zeit sei ausgeblieben – dabei wäre Zuhören eine demokratische Pflicht gewesen.
Verschwörungserzählungen und digitale Debatten
In einer Welt multipler Krisen greifen viele Menschen zu vereinfachenden Erklärungen. Verschwörungserzählungen nähmen zu, andere reagierten mit Rückzug oder Ausblenden. Digitale Plattformen verstärkten diese Entwicklung, da sie von Zuspitzung und Empörung lebten. Es brauche stärkere demokratische Kontrolle und neue Räume für sachlichen Austausch.
Kurzfristige Politik, langfristige Probleme
Ein zentrales Problem sieht Prainsack in den kurzen Zeithorizonten der Politik. Entscheidungen würden permanent in Echtzeit bewertet, was langfristiges Denken erschwere und viele kompetente Personen von politischer Verantwortung abschrecke. Hinzu kämen Investitionslogiken großer Finanzakteure, die etwa klimapolitische Maßnahmen ausbremsten.
Als Gegenmodell plädiert Prainsack für „Kathedralendenken“: heute beginnen, was erst künftigen Generationen nützt. Diskutiert werden müssten auch institutionelle Vertretungen zukünftiger Generationen sowie rechtliche Schutzmechanismen für die Natur. Politisch sei das aus ihrer Sicht unumgänglich – auch wenn es grundlegende demokratische Fragen berühre.
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