krone.at-Interview

Gregoritsch: “St. Pauli ist schon echt geil”

Sport
10.04.2014 13:22
Volle Schränke mit gewonnenen Pokalen und Meisterschalen sind nicht unbedingt das, was den FC St. Pauli auszeichnet – aber ein "Kultklub", das ist das kleinere der beiden Hamburger Spitzenteams allemal. Und mittendrin im Kader des "Weltpokalsieger-Besiegers" von 2002 versucht sich ein noch immer 19-jähriger Österreicher: Michael Gregoritsch.

Der jüngste Torschütze der österreichischen Bundesliga-Geschichte schickt sich an, mit den Burschen vom Millerntor in die erste Liga aufzusteigen. Was "Gregerl II" zu seiner bisherigen Saison, seinem Standing im Team, dem Leben und Arbeiten auf St. Pauli, der Rivalität zum HSV und zu seiner persönlichen Entwicklung zu sagen hat, das erzählt er krone.at.

krone.at: Wie lässt sich deine erste Saison in der zweiten deutschen Liga an? Zufrieden mit den ersten Monaten beim Hamburger Kiezklub?
Michael Gregoritsch: Im Großen und Ganzen kann man natürlich sehr, sehr zufrieden sein, wenn man in der zweiten Bundesliga in Deutschland als 19-jähriger Österreicher auf elf Einsätze und ein Tor kommt. Natürlich wär's schöner, wenn es schon vier oder fünf Treffer wären, aber wie gesagt, bin ich nicht unzufrieden.

krone.at: Im Moment liegt St. Pauli als Tabellenvierter nur einen Platz bzw. drei Zähler hinter den Aufstiegsrängen - was ist für euch realistischerweise drinnen?
Gregoritsch: Ich glaube, es ist durchaus noch möglich, dass wir den Relegationsplatz drei erreichen können. Es sind noch 15 Punkte zu vergeben! Klar, es war sicher nicht unser vor der Saison ausgegebenes Ziel aufzusteigen, aber wenn sich die Gelegenheit bietet, werden wir sicherlich zugreifen. Wie hat das der "Schoko" Schachner in Österreich immer gesagt? "Wir wollen, aber wir müssen nicht."

krone.at: Wärt ihr für die erste Liga gewappnet?
Gregoritsch: Ich glaube schon. Wir haben gute, routinierte und sehr gute junge Spieler, ein engagiertes Trainerteam sowie einen sehr engagierten Manager - wir haben alles, um oben bestehen zu können. Außerdem haben wir super Fans und ein super Stadion.

krone.at: Wie würde es mit dir weitergehen? Immerhin bist du nur von Hoffenheim ausgeliehen.
Gregoritsch: Ich glaube, man sieht an meinem Standing in der Mannschaft, dass es sowohl hier als auch woanders weitergehen kann. Da muss man sich mit dem Sportchef absprechen. Der weiß mehr.

krone.at: Ein gutes Stichwort: St. Pauli ist in der öffentlichen und in der Eigenwahrnehmung kein Klub wie jeder andere - wie lässt sich das Arbeiten bei und das Leben auf St. Pauli beschreiben?
Gregoritsch: Super, es ist total angenehm. Wenn man zum Millerntor fährt, dort 30.000 Fans auf dich warten und du zu "Hells Bells" aufs Spielfeld gehst, da bekommt man schon eine Gänsehaut. Der FC St. Pauli ist schon echt geil, und deswegen lässt es sich sehr angenehm arbeiten. Es passt super.

krone.at: Gibt's irgendwas, von dem du sagen könntest, dass es so etwas bei einem anderen Klub als St. Pauli nicht gibt?
Gregoritsch: Die Fans sind absolut gegen Rassismus und Diskriminierung - das leben sie Spiel für Spiel vor. Zudem feuern sie die Mannschaft 90 Minuten lang an, da gibt es keine Pfiffe. Abgesehen davon liegt das Stadion mitten in der Stadt.

krone.at: Wie schätzt du dein Standing hier bei den Fans ein?
Gregoritsch: Bei den Fans gibt es keinen Spieler, der für sich allein genommen gefeiert wird. Es wird durchgehend nur die Mannschaft gepusht, das finde ich super. Innerhalb der Mannschaft habe ich für meine 19 Jahre ein sehr gutes Standing. Ich bin vom ersten Tag an super aufgenommen worden, habe Spaß mit den Teamkollegen und bin jeden Tag mit ihnen unterwegs - da muss ich absolut Danke sagen an die Mannschaft.

krone.at: Was bekommt man in der Stadt eigentlich mit von der Rivalität zwischen dem Hamburger SV und St. Pauli? Ist das eine Tod-und-Hass-Feindschaft oder eine gesunde Gegnerschaft?
Gregoritsch: Wir bekommen das eigentlich gar nicht so extrem mit. Wir hören davon immer wieder in den Nachrichten oder von Freunden, die nichts mit Hamburg zu tun haben: "Wie geil wäre es, wenn der HSV absteigt und ihr steigt auf." Das bekommt man natürlich mit. Man sieht auch hin und wieder entsprechende Sticker, und unser Bus wurde das letzte Mal mit HSV-Graffiti besprüht. Da haben wir einfach das Datum vom letzten Derbysieg dazugeschrieben. Solch kleine Sticheleien gibt es, aber nicht, dass man sagt: "Wenn du HSV-Spieler bist, rede ich nicht mehr mit dir."

krone.at: Wie präsent ist der Gedanke in der Mannschaft bzw. in eurem Umfeld, dass man sich spätestens nächste Saison in derselben Ligastufe wie der HSV wiederfinden könnte - im Extremfall könntet ihr ja sogar in der Relegation schon aufeinandertreffen.

Gregoritsch: Sicher macht man sich Gedanken, man liest ja auch Zeitung und bekommt mit, dass es durchaus die Wunschvorstellung einiger Leute ist. Es wäre schön, wenn wir bis zum Schluss um den Relegationsplatz kämpfen können, aber ganz ehrlich: Ein Derby gegen den HSV in der ersten Liga wäre mir am liebsten.

krone.at: Beim Herfahren zu eurem Trainingszentrum habe ich mit einem Taxifahrer gesprochen, der hat zu einer kleinen Klagerede ausgeholt und gemeint, dass ihr immer dann, wenn ihr die Chance habt, euch ganz oben festzubeißen, es nicht packt und zittrig werdet.
Gregoritsch: (lacht) Das ist ein Fluch! Wir wollen, aber wir können nicht auf den dritten Platz. Nein, nein, wir sind eine sehr junge Mannschaft, und da passiert es halt, dass es immer mal wieder zu Leistungsschwankungen kommt.

krone.at: Aber ihr geht jetzt nicht mit zittrigen Beinen ins Spiel?
Gregoritsch: Absolut nicht! Wir wollen jedes Spiel gewinnen, und es hat bei uns keiner Angst vor einem besseren Tabellenplatz - ich zumindest nicht.

krone.at: Themenwechsel: Wie wichtig war aus deiner Sicht der Wechsel auf der Trainerposition von Michael Frontzeck zu Roland Vrabec? Du kamst ja unter Frontzeck in 13 Spielen, in denen du im Kader warst, auf gerade einmal drei Einwechselungen und insgesamt 28 Einsatzminuten - unter Vrabec in 13 Spielen bereits auf 318 Minuten.
Gregoritsch: Ich glaube, dass es nicht nur am Trainerwechsel lag. Ich war ja auch bei Frontzeck gegen Ende seiner Amtszeit sehr, sehr nah an der Mannschaft dran, weil ich mich von Tag zu Tag weiterentwickelt habe. Ich bin aus der vierten deutschen Liga zu St. Pauli gekommen und da war ich schon froh, dass ich in jedem Spiel im Kader war. Im Training, in den Wettbewerbsspielen der österreichischen U21 und bei Einsätzen in St. Paulis U23 habe ich mich dann stetig verbessert und mich für Einsatzzeiten bei den Profis empfohlen, sodass das Mehr an Einsatzzeit nicht am Trainerwechsel festzumachen ist. Aber klar: Coach Roland Vrabec gibt mir sehr viel Vertrauen, und es macht Spaß, mit ihm zu arbeiten. Aber hauptsächlich liegt's an mir und meiner Leistung.

krone.at: Vor einem Jahr Regionalliga Südwest, jetzt zwei Klassen höher in der zweiten deutschen Liga - wie schwierig war die Umstellung?
Gregoritsch: Ich war ja schon in Hoffenheim Kadermitglied und habe natürlich mit der Profimannschaft mittrainiert. Vom Training her war es daher keine Umstellung, es ist aber in den Spielen härter geworden, weil in der zweiten deutschen Liga mehr Kampf herrscht. Aber diese Entwicklung habe ich angenommen, und ich kann mich mittlerweile sehr gut wehren.

krone.at: Inzwischen ist ja schon einige Zeit vergangen, seit du Österreich verlassen hast. Inwiefern unterscheidet sich der Michael Gregoritsch, der vor eineinhalb Jahren Kapfenberg verlassen hat, von dem, der mir jetzt gegenübersitzt?
Gregoritsch: (lacht) Das ist eine schwierige Frage. Da habe ich mir, ehrlich gesagt, noch nicht so viele Gedanken gemacht. Ich war wohl früher schon sehr reif, aber dadurch, dass ich nach Deutschland gegangen bin - 1.000 Kilometer weg von zu Hause - und alles alleine mache, Wäsche waschen, kochen, abwaschen und das ganze Rundherum. Ich glaube, so etwas macht nochmal reifer. Es war ein absuch sehr viel ruhiger geworden und sehe einige Sachen viel gelassener.

krone.at: Gelassener?
Gregoritsch: Ja, weil ich schon mit 19 Jahren viel erlebt habe, weil ich acht Trainer in den letzten zwei Jahren hatte, weil mir teilweise das Blaue vom Himmel versprochen worden ist und ich dann die Hölle bekommen habe. So habe ich begonnen, das ganze Profigeschäft zu verstehen. Viele von denen, mit denen ich im Kapfenberger Nachwuchs gespielt habe, fangen jetzt zu arbeiten an und müssen um 5 Uhr in der Früh aufstehen. Da muss ich sagen, dass ich wirklich sehr, sehr dankbar bin, dass ich diesen Job hier machen darf, dass ich in Deutschland Fußball spielen darf, vor 30.000 Fans hier am Millerntor oder 45.000 in Düsseldorf und selbst bei einem zuschauerschwächeren Klub wie dem FSV Frankfurt, wo noch immer 10.000 Leute und mehr kommen. Ohne überheblich oder arrogant klingen zu wollen, glaube ich schon, dass ich auf dem richtigen Weg bin.

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