Das Gesundheitssystem steht an einem Wendepunkt. Das legen zumindest die jüngsten Aussagen von Andreas Huss, Obmann der Österreichischen Gesundheitskasse (ÖGK), nahe.
Die ÖGK hat mit einem massiven Budgetloch zu kämpfen. Obmann Andreas Huss macht dafür vor allem die zusehende Privatisierung verantwortlich, die auch mit öffentlichen Mitteln getragen werden muss. Huss blickt dazu auch in die Vergangenheit. „Gesunde haben für Kranke bezahlt und Junge für Alte. Dieses System war solidarisch“, erklärt Huss. Heute sehe die Lage anders aus.
Menschen müssen für Leistungen privat zahlen
Immer mehr Menschen würden gezwungen, aus eigener Tasche für Gesundheitsleistungen zu zahlen. Allein 2024 seien es rund 12 Milliarden Euro gewesen – rund 1200 Euro pro Kopf. Huss kritisiert diese Entwicklung scharf: „Wenn Privatleistungen steigen, geht der solidarische Gedanke verloren.“ Arbeiterkammer-Gesundheitsexperte Wolfgang Panhölzl ergänzt: „Das Verhältnis der Ausgaben ist völlig unausgewogen. 72 Prozent fließen in die Spitäler, nur 10 Milliarden Euro in den niedergelassenen Bereich.“ Bei den niedergelassenen Ärzten müsse massiv ausgebaut werden. Denn hier werden bereits mehr als ein Drittel der Kosten direkt von den Patienten getragen.
Mehr-Punkte-Plan
Das System selbst sei krank. Beide Experten fordern einen Finanzierungsplan mit Bundesmitteln für den Ausbau der niedergelassenen Versorgung über die nächsten zehn Jahre. Ziel: Entlastung der Spitäler und mehr gesunde Lebensjahre.
Die Einbeziehung aller Gesundheitsberufe in die Versorgung, inklusive eigener Kassentarife für Pflegekräfte, Diätologen und andere Berufsgruppen.
Ausbau von Disease-Management-Programmen ab 2026, beginnend mit Diabetes. Damit sollen chronisch Kranke strukturiert betreut und teure Spitalsaufenthalte vermieden werden.
Oder auch ein einheitlicher Gesamtvertrag zwischen ÖGK und Ärztekammer, um den künftigen Personal- und Infrastrukturbedarf exakt zu erheben und gezielt zu decken.
Bedarfsstudie für den niedergelassenen Bereich, um den künftigen Personal- und Infrastrukturbedarf exakt zu erheben und gezielt zu decken.
Schlecht behandelte Menschen, nicht behandelte Menschen sind länger krank, werden nicht mehr gesund, werden später gesund und kosten uns volkswirtschaftlich daher wesentlich mehr Geld, als wenn wir in die Gesundheitsversorgung investieren.

Andreas Huss, Obmann der Österreichischen Gesundheitskasse (ÖGK)
Bild: Zwefo
Und das Budget-Loch der ÖGK?
Auch bezüglich maroder Finanzen hat Huss eine Erklärung. Die Ursache für diese Schieflage sehen ÖGK und AK in einer strukturellen Unterfinanzierung. So würden durch gesetzliche Änderungen, etwa das Sozialversicherungsorganisationsgesetz (SVOG), bis 2028 rund 1,7 Milliarden Euro verloren gehen. Auch die Zusammenlegung der Gebietskrankenkassen zur ÖGK habe hohe Kosten verursacht, statt – wie versprochen – Einsparungen zu bringen. „Die Verwaltungskosten sind gestiegen, weil die Fusion kurzfristig kein Geld spart, sondern kostet“, sagte Huss.
Höhere Beiträge oder doch mehr Steuergeld?
Der Mehr-Punkte-Plan der ÖGK und der AK würde zwar jetzt mehr kosten, sich langfristig aber auszahlen. Die Finanzierung bleibt jedoch das zentrale Problem. Huss verweist in dem Zusammenhang auf Deutschland, wo der Krankenversicherungsbeitrag bei 16 Prozent liegt, während er in Österreich bei 7,65 Prozent stagniert. Selbst wenn man die unterschiedlichen Finanzierungsstrukturen herausrechne, wären hierzulande 9,5 Prozent nötig, was Mehreinnahmen von rund fünf Milliarden Euro brächte. Ob diese über höhere Beiträge oder Steuermittel aufgebracht werden, sei aber eine politische Entscheidung.
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