Änderung in China
Ein-Kind-Politik gelockert: Kein Babyboom erwartet
"Die Hälfte meiner Freunde glauben, dass sie sich zwei Kinder gar nicht leisten könnten", sagt die Sekretärin Zhang Li in Peking. Viele hätten sich an das Konzept der Ein-Kind-Familie gewöhnt. "Dann haben die Frauen meist gute Jobs, die sie auch brauchen, um Geld zu verdienen", schildert die 26-Jährige.
Wer kümmert sich also um die Kinder, wenn die Frauen ihre gut bezahlten Jobs nicht aufgeben können. Die Eltern? Eine teure Kinderfrau? Bei einem Kind ist das alles schon schwierig genug. Die Probleme fangen ja bereits damit an, dass nach den Skandalen um verseuchtes Milchpulver niemand mehr der Säuglingsnahrung traut, die in China verkauft wird.
Zhang Li gehört selbst zur oberen Mittelklasse. Ihr Mann ist Anwalt. Beide verdienen gut. "Wir wollen aber auf jeden Fall zwei Kinder haben", sagt die frisch verheiratete Frau.
"Viele wollen nur noch ein Kind"
So scheint China gespalten über die neue Regelung, nach der Paare, von denen ein Partner ein Einzelkind ist, künftig auch zwei Kinder haben können. So hat es das Zentralkomitee der Kommunistischen Partei vergangene Woche beschlossen. Auch offiziell wird eingeräumt, dass es nur ein kleiner Schritt ist. Die Lockerung dürfte in den nächsten drei Jahren nur ein bis zwei Millionen zusätzliche Geburten im Jahr zur Folge haben, schätzt der Vizedirektor der Familienplanungskommission, Wang Pei'an.
Die Zunahme der Geburten wird schon deswegen nur gering sein, weil nicht viele Paare betroffen sind. "Nach meinen groben Schätzungen rund zehn Millionen", sagt Liang Zhongtang von der Akademie der Sozialwissenschaften in Shanghai. Auch der Bevölkerungsexperte sieht den Wandel deutlich: "Die Ansichten der Menschen haben sich mit Chinas wirtschaftlicher und sozialer Entwicklung stark verändert: Viele wollen heute nur ein Kind." Für ihn ist klar: "Es wird keinen Babyboom geben." Erste Online-Umfragen bestätigen: Ein Drittel der befragten Paare, die jetzt ein zweites Kind bekommen dürften, sagen, dass sie diese Chance gar nicht ergreifen wollen oder können.
Geburtenkontrolle höchst umstritten
Obwohl - oder gerade weil - Liang Zhongtang selbst jahrelang in der staatlichen Familienkommission gearbeitet hat, ist der Experte heute ein entschiedener Gegner der Ein-Kind-Politik. 1979 eingeführt, um eine Bevölkerungsexplosion angesichts knapper Ressourcen zu verhindern, ist die Geburtenkontrolle bis heute höchst umstritten. Ob sie wirklich 300 Millionen Geburten verhindert hat, wie offiziell argumentiert wird, wird immer wieder infrage gestellt.
Der Preis dieses gigantischen Bevölkerungsexperiments ist enorm. Zwangsabtreibungen bis spät in der Schwangerschaft, selektive Abtreibungen von Mädchen und andere Ungerechtigkeiten waren und bleiben Probleme. Auch die Folgen sind verheerend: Eine Überalterung der Gesellschaft, eine Überlastung des sozialen Netzes, ein Überschuss an Männern, die keine Frau finden und ein Rückgang der benötigten Arbeitskräfte. Jüngst kamen noch Studien hinzu, wonach die verwöhnten, als "kleine Kaiser" bekannten Einzelkinder zudem noch weniger lebenstüchtig sein sollen.
So wird der Ruf nach einer Abschaffung lauter. "Die Kontrolle der Fortpflanzung an sich verletzt Menschenrechte und kollidiert mit der Vorstellung einer modernen Gesellschaft", sagt Experte Liang Zhongtang. "Wir müssen das grundlegende Problem lösen." Lediglich eine Lockerung ist für ihn eher Rückschritt. Es sei doch auch "absurd", dass das Recht auf ein Kind vom Fortpflanzungsverhalten der Eltern abhänge, sagt er.
Auch der bekannte Bürgerrechtler Hu Jia ist der Meinung, dass die Geburtenkontrolle "abgeschafft gehört". "Zwangsweise, gewaltsame Familienplanung sollte als Verbrechen gegen die Menschlichkeit angesehen werden", findet Hu Jia. Die Organisation Human Rights in China bemängelt, dass auch die Lockerung "die Rechte auf Fortpflanzung fälschlicherweise begrenzt und zu Missbrauch führt".












Kommentare
Da dieser Artikel älter als 18 Monate ist, ist zum jetzigen Zeitpunkt kein Kommentieren mehr möglich.
Wir laden Sie ein, bei einer aktuelleren themenrelevanten Story mitzudiskutieren: Themenübersicht.
Bei Fragen können Sie sich gern an das Community-Team per Mail an forum@krone.at wenden.