In der populären Crossover-Welle der 90er- und frühen 2000er-Jahre waren die deutschen H-Blockx einige Jahre lang Weltstars ihrer Zunft und tourten sogar mit Eminem durch Amerika. Mit „Fillin The Blank“ veröffentlicht die Combo nun ihr erstes Album seit zwölf Jahren und erinnert dabei an die Frühtage. Wir trafen uns schon letztes Jahr beim „Forestglade“ in Eisenstadt, um Frontmann Henning Wehland auszuhorchen. Ein sehr offenes und ehrliches Gespräch über das ländliche Stallausmisten, den Dämon Alkohol und Rückbesinnung auf die wahren Werte.
„Krone“: Henning, du bist bekanntermaßen gerne in Österreich. Pendelst du mittlerweile oft zwischen Berlin und Österreich hin und her?
Henning Wehland: Ich wohne schon mehr als drei Jahre nicht mehr in Berlin, sondern in meiner Heimatstadt Münster auf einem Reiterhof. Mein bester Freund ist professioneller Springreiter und hat ein riesiges Anwesen. Wir sind ein kleines Reitsportteam. Dort gibt es eine kleine Wohnung, die ich beziehe und an freien Tagen helfe ich beim Stallausmisten.
Du hast die Urbanität mittlerweile völlig aufgegeben?
Das nicht. Ich bin einerseits viel mit der Band unterwegs, andererseits habe ich mir die Wohnung in Berlin behalten – meine Frau wohnt auch noch dort, aber wir sind seit mittlerweile mehr als drei Jahren getrennt. Ich hatte mental als auch körperlich länger eine schwierige Phase und da war es gut, mich auf meinen alten Freundeskreis zurückzuziehen. Je mehr Stallarbeit ich verrichtet habe, umso weniger habe ich mich um Band und Musik gekümmert. Dann habe ich mich auf meine Kräuter und den Gemüsegarten fokussiert und langsam kam die Musik wieder ins Rollen.
Hast du dir überlegt, Nebenerwerbsbauer zu werden?
Mein Vater kommt vom Bauernhof und war 30 oder 40 Jahre lang Chefredakteur der großen Bauernzeitung „Top Agrar“. Die Nähe dazu war immer da. Als 16-Jähriger bin ich mit einem Freund von mir und seinen Brüdern schon auf dem Reiterhof gewesen, alle drei saßen schon damals auf dem Pferd. Ich habe 20 Jahre lang in Berlin gelebt, aber mit Anfang 50 muss man nicht mehr jede Party mitmachen. Wenn wirklich etwas Wichtiges ist, kann ich jederzeit hinfahren. Derzeit ist Münster wieder mein Zuhause. Auf Urlaub bin ich in Österreich immer gerne. Alpinskifahren, Langlaufen, Wandern – auch die Steiermark ist mir nicht fremd. Ich bin jahrelang gerne durch die Buschenschänke gezogen. (lacht)
Heute bleibt der Schnaps weg und die Jause steht im Zentrum?
Das kann man so sagen. Ich beneide die Menschen am Land. Diese Mischung aus harter körperlicher Arbeit und den Genuss, den ganzen Tag in der frischen Luft sein zu können. Der Vermieter meiner Unterkunft in der steirischen Ramsau wurde 99. Der fuhr noch mit 98 Auto und die Leute haben immer gesagt: „Alles klar, der Hermann. Der muss am Mittelstreifen fahren, damit er dann rechts ranfahren kann“. Der hat sich seine „Kronen Zeitung“ bis zuletzt selbst vor der Tür geholt. (lacht)
Ist das Unterwegssein im Ländlichen in erster Linie ein Abschaltprogramm, oder wirft das auch deine kreative Ader an?
Das Abschalten geht einher mit der Kreativität. Das Urbane ist wichtig, um neue Impulse zu bekommen, die dann aber verarbeitet werden müssen. In der Ramsau kann ich immer sehr gut abschalten. Da finde ich die Zeit, ein Buch zu lesen und mich mit mir selbst auseinanderzusetzen. Nach 30 Jahren Vollgas im Rock’n’Roll ist das unheimlich wichtig für mich geworden. In dem Job gibt es jeden Tag was Neues und man hat keine Zeit, das Erlebte zu ordnen. In der Ramsau bin ich meist bewusst alleine und gehe nur ganz selten zu den wenigen Leuten, die ich kenne. Tagsüber wandere ich bei den Bergen herum und wenn die Sonne untergeht, liege ich schon wieder im Bett. Manchmal kommen die düsteren Gedanken und ich hinterfrage, woher. Das bringt dann den Stoff für Lieder und Gedichte.
Gab es in deinem Leben einen Moment der Zäsur? Wo du bewusst die Reißleine gezogen hast und aus diesem Rock’n’Roll-Zirkus ausbrechen wolltest?
Letzten Endes waren es die Lebensumstände, die mich dazu getrieben haben. In der Branche wird so viel gesoffen und dann überholt dich irgendwann das eigene Leben. Es stellen sich fragen wie „Wofür mache ich das alles überhaupt?“ Ich steckte in einer tiefen Depression und brauchte eine Zeit, bis ich das bemerkte. Viele kreative Menschen, die im Leben Erfolg haben, fragen sich irgendwann, was sie eigentlich vom Leben wollen. Der Erfolg mit H-Blockx fing mit 17 an und seitdem waren wir ständig auf der Überholspur. Neben den vielen Höhepunkten gab es auch einige Tiefpunkte und die habe ich mit der Band als auch im privaten Bereich gut verarbeitet. Meine Psyche hat mich dazu gezwungen, mich damit auseinanderzusetzen. Das war dann auch der Moment, wo ich zurück nach Münster gegangen bin und ich habe langsam kleine Routinen aufgebaut, die ich mir sonst nie gegönnt hätte.
So stehe ich immer zwischen 6 und 7 Uhr morgens auf, gehe eineinhalb Stunden spazieren und wenn ich dann Zeit habe, helfe ich auf dem Hof. Es gibt auch die Möglichkeit, was zu schreiben oder Gitarre zu spielen, ohne jemandem etwas vorführen zu müssen. Das hat neues Feuer in mir entfacht. Der Austausch innerhalb der Band begann damit, dass alle merkten, dass sich in mir was verändert hat. Dadurch wurde das gegenseitige Vertrauen wieder größer und wir haben die alte Freundschaft ausgegraben. Ohne etwas zu erwarten oder Erwartungen zu erfüllen, haben wir wieder Musik gemacht und dann kam die große und erfolgreiche Tour 2024 dabei raus. Wir gehen Schritt für Schritt.
Erlebt ihr innerhalb der Band auch so ein Nostalgiegefühl wie es vielleicht die Fans von außen mit euch erleben?
Natürlich, alles andere wäre gelogen. Ich weiß aber nicht, ob wir beide das gleiche meinen, wenn wir von Nostalgie reden. Anfangs dachte ich immer, die Leute kommen und finden es schön, die alten Sachen zu hören, aber auf der Tour und den Festivalshows 2025 habe ich gemerkt, dass es ihnen wichtig ist, sich daran zu erinnern, was ihnen mal wichtig war. Das berührt mich sehr, weil es meiner Vita ähnelt. Ich hatte auch eine Phase, wo irgendwelche materiellen und zählbaren Erfolge wichtiger für mich waren und ich die Musik dabei von mir weggeschoben habe. Auf der Tour gab es sogar Moshpits, obwohl die Leute schon etwas älter geworden sind. Ich will nicht sagen, dass es Anfang der 90er-Jahre besser war, aber ich war jünger und dachte an nichts anderes, als an den Moment. Das war grandios. Irgendwann kommen aber Verpflichtungen und Belastungen dazu. Erfolge, die man bestätigen muss. So kann man nur scheitern. Wir haben uns die Leichtigkeit wieder genommen und spüren sie auf, vor und hinter der Bühne.
Muss man durch Tiefen gehen, um das Gefühl der Leichtigkeit überhaupt wieder spüren zu können?
So schmerzhaft bestimmte Zeiten meiner Vergangenheit sind, so sehr weiß ich, wie dringend notwendig sie waren. Ich bin ihnen dankbar, weil ich mein Leben heute viel klarer verstehe. Es ist nicht so, dass ich den einzig passenden Schlüssel für das Glück im Leben gefunden hätte, aber ich kann viel mehr akzeptieren und bin viel gelassener. Ich weiß, was ich will, und das ist, mit dieser Band Musik machen. Dafür muss ich nicht unbedingt auf einer großen Bühne stehen, das ist mir egal. Natürlich liebe ich den Erfolg und es ist schön, wenn man merkt, dass man Resonanz auf seine Arbeit bekommt. Als wir vor knapp drei Jahren Festivals vor 500 Leuten spielten, war das großartig. Es gab diesen Moment, wo du das Publikum spürst. Es gibt keine Distanz, wie früher bei Hardcore- und Punkrock-Konzerten, wo ich mit den Jungs inmitten von Wohnzimmern stand. Das alles klingt ein bisschen nostalgischer als die Realität vielleicht ist, aber es ist wichtig. Das Geschäft kann man nicht ausblenden, aber man kann es relativieren.
Musik ist ein Tor zu einem anderen Ich. Was man als 14-Jähriger erlebt hat, das wird einem mit dem richtigen Lied plötzlich wieder vergegenwärtigt und man rutscht in eine andere Ära seines selbst. So wird es sicher vielen Leuten mit H-Blockx gehen.
Und so geht es auch mir. Wenn ich einen Song höre, der mir irgendwann mal etwas bedeutet hat, dann schmecke, rieche und fühle ich ihn. In manchen Situationen beginne ich zu weinen. Musik ist das Tor zu einer Emotion aus der Vergangenheit.
Filme, Bilder und Literatur können unheimlich berührend sein, aber ist die Musik nicht die Kunstform, die Emotionen am stärksten aus einem rauskitzelt?
Die Kunstformen ähneln sich in der Wirkung, aber die Musik liefert gleichzeitig Geschichte und Soundtrack. Bestimmte Emotionen werden sehr stark auf eine Strophe oder einen Refrain verdichtet und als Texter muss ich auch niemandem erklären, was ich da gerade wieder fabriziere. Es ist so, wie ich es für richtig halte. Auch wenn das ganze Lied für dich oder andere vielleicht keinen Sinn macht. Es ist immer möglich, dass dich eine Zeile oder ein Wort berührt, weil es unbewusst etwas mit deinem Leben zu tun hat. Deshalb spiele ich auf der Gitarre auch so gerne Cover-Songs, wie etwa „My Hero“ von den Foo Fighters. Ich leihe mir ihre Worte aus, um ein Gefühl in meinem Leben zu beschreiben.
Bist du mit der gesamten Historie von H-Blockx in der Rückschau zufrieden? War es bislang eine gute Karriere?
Ich habe einen Podcast, der heißt „Musik ist Trumpf“. Der kommt einmal die Woche und es geht immer um Songs, die wir uns gegenseitig vorstellen. Da ist dann logischerweise auch eine Geschichte aus meinem Leben dabei. Wenn wir auf Festivals wie etwa 2025 beim „Forestglade“ in Eisenstadt auf Bands wie The Sisters Of Mercy, K’s Choice oder Therapy? treffen, reisen wir alle wieder 30 Jahre zurück und sind erstaunt, was aus uns geworden ist. Unvergessen etwa, wie wir mit H-Blockx damals drei Monate in Amerika im Vorprogramm von Eminem und den Black Eyed Peas unterwegs waren. Oder die Tour mit Biohazard – grandios. Kennst du den Film „Crossroads“? Wäre ich da an der Weggabelung gestanden und der Teufel hätte mir den Vertrag für ein Rock’n’Roll-Leben angeboten, ich hätte sofort unterschrieben. Es geht aber immer besser und anders und rückblickend ist man immer schlauer. Ich bin aber vor allem dankbar dafür, dass ich so alt werden konnte und das Gefühl habe, dass da noch viel auf mich wartet.
Wie schwierig ist es, sich nach so extrem erfolgreichen Jahren von diesem Erfolg zu lösen? Einerseits, weil jeder Hype sich meist irgendwann wieder einpendelt, andererseits auch deshalb, weil dein Mindset heute ein ganz anderes ist als früher.
Das ist ähnlich wie bei Alkoholikern oder Drogenabhängigen. Ich spreche da aus Erfahrung, weil ich wirklich weiß, wie es ist, nicht vom Alkohol loszukommen. Wenn man das dann für drei bis vier Jahre überwunden hat, ist man sich trotzdem nicht sicher, ob das ewig hält. Ich bin diesem Erlebnis trotzdem dankbar. Ich weiß, wie schlimm es ist, wenn man davon abhängig ist und wie unmöglich es erscheint, davon loszukommen. Ähnlich ist es mit Aufmerksamkeit, Ruhm und finanziellen Erfolgen. Die ursprünglichen Emotionen treten in den Hintergrund und das ist die größte Gefahr. Auf der Bühne kann ich nur funktionieren, wenn ich raufgehe und mir denke: „So, ihr Motherfucker, ich bin der geilste Megastar, den es hier gibt und außer mir gibt es niemanden“. Auf der Bühne muss das konserviert bleiben, aber wenn man von der Bühne geht, muss man das wieder ausschalten können. Ich kenne keinen Menschen, den ich im kreativen Bereich bewundere, der nicht eine ganz schlimme und lange Durstphase durchlebt hat.
Du bist auch im Managementbereich unterwegs und einer derjenigen Künstler, die sich im wirtschaftlichen Segment auskennen …
Puh. Ich habe vor 30 Jahren aufgegeben an der Börse zu spekulieren, weil ich dort ein paar Mal versagt habe. Aber ich liebe es, ein weißes Blatt Papier mit Ideen zu füllen. Ich liebe es aber nicht, wenn es an die wirtschaftlichen Dinge geht, hinterm Komma die Centbeträge zu korrigieren. Das bin nicht ich.
Bestätigt sich da das alte Klischee, dass künstlerische und kreative Menschen in wirtschaftlichen Belangen zumeist untauglich sind?
Als Künstler liebe ich es, mir Dinge vorzustellen, die sich niemand anders vorstellen kann. Das hat manchmal auch mit dunklen Seiten zu tun. Eine Depression und Melancholie kommen nicht von ungefähr, sie sind ein Teil der Vorstellungskraft. Mit dieser Fantasie muss man umgehen können. Wenn du aber Geld verwalten und finanziellen Erfolg haben willst, musst du strikt bei den Fakten bleiben. Du musst Zahlen drehen und zielgerichtet auf etwas hinarbeiten – diese beiden Welten schließen sich häufig aus. Es gibt nur ganz wenige Manager, die das können. Ich will das Ergebnis einer Idee auf einer Bühne, in einem Buch oder im Zuge eines Podcasts sehen, auch wenn es finanziell sinnlos erscheint.
Ein ewiger Kreislauf. Du bist mit deiner Band erfolgreich. Es kommen immer mehr Fans und damit steigen auch die Erwartungshaltungen von außen. Man möchte sich künstlerisch entwickeln, weiß aber, dass man in gewisser Weise Erwartungshaltungen entsprechen muss und dabei das Gefühl zu haben, selbst zurückzubleiben.
Deshalb finde ich die Aufregung darüber, dass der Künstler zu schlecht bezahlt wird, auch etwas überzogen. Wenn man da von Spotify oder zigtausend anderen Sachen redet. Ja, es stimmt schon, aber schon vor Tausenden von Jahren wurden kreative Menschen immer von jenen schlauen Leuten ausgenutzt, die wussten, wie man mit deren Kreativität gutes Geld verdient. Du kannst dein Leben lang im Proberaum sitzen und üben und der beste Gitarrist der Welt sein. Wenn du es selbst nicht siehst brauchst du eben jemanden, der das Nadelöhr für dich findet, dafür aber die Hälfte oder 25 Prozent deiner Einnahmen haben möchte. Viele Künstler wollen leider nicht die Verantwortung für sich übernehmen, die sie in Liedern so gerne besingen. Wenn du einer Castingshow beitrittst und einen Vertrag unterschreibst, ist es ein Wahnsinn, was du alles abtrittst. Aber diese Leute wollen unbedingt ins Fernsehen und zahlen ihren Preis dafür. Sich später über alles zu beschweren, finde ich schwierig. Man muss vorher wissen, was einem wichtig ist.
Mittlerweile hat man das Gefühl, dass es vielen Künstlern ohnehin wichtiger ist, ins Fernsehen zu kommen oder schnell viral zu gehen, als wirklich mit ihrer Kunst zu überzeugen.
Genau, da ist was Wahres dran. Am Anfang haben wir auch furchtbar schlechte Verträge unterschrieben, aber das zeigt uns jetzt, wie wichtig es ist, bestimmte Sachen bei uns zu behalten und nicht dem nächstbesten verlockenden oder unmoralischem Angebot zu verfallen. Das ist am Ende auch eine philosophische Frage. Wenn man sich darüber beschwert, dass man ein zu kleines Stück vom Kuchen kriegt, hat auch was damit zu tun, dass einem andere Dinge wichtiger sind.
Zum Thema H-Blockx – seid ihr gekommen, um jetzt zu bleiben?
Wir sind ja nie gegangen. (lacht) Die Wahrnehmung war natürlich so, dass wir nicht da wären, aber wir waren einfach nicht so präsent. Jetzt bleiben wir präsent. Es ist wunderschön, wenn wir merken, dass wieder mehr Leute zu den Shows kommen und die Auftritte größer werden. Aber wir haben uns vor mehr als zwei Jahren im Proberaum geschworen, dass immer die Band und die Musik zuerst kommen. Es gibt nichts, wofür es sich lohnt, dahingehend Kompromisse einzugehen. Das ist ein schwerer, aber wichtiger Kampf.
Müsst ihr euch zu dieser Entscheidung Tag für Tag zwingen?
Auf jeden Fall. Man muss sich vor allem immer wieder daran erinnern, wie die Entscheidungen in der Vergangenheit ausfielen und ob man diesen Weg noch einmal so einschlagen möchte. Diese Rückbesinnung hilft.
Jeder Mensch verändert sich mit den Jahren, natürlich gilt das auch für euch Musiker. War es leicht, auch gereift und gealtert sofort wieder zu einer Band zusammenzufinden?
Ja, aber wir treffen uns heute auch nicht mehr dreimal die Woche im Proberaum, sondern sind unglaublich gut organisiert, um die wenige Zeit, die wir haben, optimal zu nützen und auch was dabei rauszukriegen. Wir sind die ganze Zeit auf Clubtour und haben fleißig am neuen Album geschraubt. Zudem arbeiten wir sehr eng mit unseren guten Freunden von den Donots zusammen. Insofern glaube ich, dass wir nachhaltiger sind als in der Vergangenheit - und das soll jetzt auch so bleiben.
Wenn man sich nach langer Pause im Proberaum trifft, kann man nicht nur von der Nostalgie leben. Da gab es natürlich den riesengroßen Elefanten namens Studioalbum. Habt ihr darüber nachgedacht, ob ein Studioalbum noch zeitgemäß ist, ist in der Welt der Playlists?
Das kommt auf den Umgang mit dem Material an. Wenn du eine ganze Geschichte erzählen willst, wirkt jeder Song auf eine ganz eigene Art und Weise und so halten wir unseren Zugang zur Musik. Ich höre Musik beim Spazierengehen und da erzählen Alben Geschichten. Man wird in eine Welt entführt, die wiederum etwas Nostalgisches mit sich bringt. Das neue Album erinnert sehr stark an die Einflüsse unseres Debüts „Time To Move“. Es war viel und es war unterschiedlich und deshalb hieß es auch Crossover. Wir haben Pop-Balladen und krasse Hardcore-Songs. Ich dachte früher oft, das wäre falsch, weil wir damit so anders sind. Weil wir einen klareren Weg bräuchten. Aber nein, das ist genau unsere Stärke. Der rote Faden ist unsere Energie und „Fillin The Blank“ ist das Größte, was wir jetzt erreichen konnten, weil es kein Abgesang auf die alten Zeiten ist, sondern das repräsentiert, was wir heute fühlen. Das sieht man dann hoffentlich auch auf der Bühne.
Du warst auch Teil der Söhne Mannheims und hast an einem Tribute-Projekt von Rio Reiser mitgemacht – in Österreich würde man dich „musikalische Wildsau“ nennen. Waren diese Schlenker in ganz andere Richtungen wichtig für dich?
Ich war nie so der Metal-Typ, mich hat eher Rap-Musik interessiert. Ich hatte ein Umfeld, das mich früh mit Musik gefüttert hat, aber Bands wie Nirvana, Pearl Jam oder die Red Hot Chili Peppers habe ich nicht sofort als so genial erkannt, wie ich sie jetzt erlebe. Ich habe früher auch viel Elton John, Supertramp, Udo Lindenberg und Nina Hagen gehört. Dazu viel deutschen Punk wie Hansaplast. Dann habe ich tatsächlich auch Georg Danzer gehört. Die Söhne Mannheims waren nicht partout meine Musik, aber es gab viele Lieder, die mich tief berührt haben. Da waren 20 Leute gleichzeitig auf der Bühne. Vom krassen linksradikalen Hippie bis zum Reichsbürger. Es gab immer sehr hitzige und kontroverse Debatten, was ich spannend fand, weil Dialog etwas ist, das uns verloren gegangen ist. Es macht keinen Sinn, mich am Stammtisch mit Leuten zu unterhalten, die ständig „Ja und Amen“ sagen zu allem, was ich mir denke. Wer eine öffentliche Meinung hat, der hat auch große Verantwortung. Da kann man sich nicht allein auf die künstlerische Freiheit berufen, wenn man merkt, es geht in die falsche Richtung – aber das muss jeder für sich entscheiden.
Das Kapitel Söhne Mannheims ist nicht zuletzt durch Xavier Naidoo und sein Verhalten an sich abgeschlossen.
Ich sympathisiere noch immer mit der Idee dieses musikalischen Kollektivs. Es gibt die Söhne Mannheims noch und ich war auch bei der 30-Jahre-Jubiläumsshow in Mannheim dabei. Die Geschichte ist für mich aber erzählt. Das, was passiert ist, lässt sich nicht mehr zurückdrehen. Dieses Gefühl kannst du nostalgisch auch nicht mehr so aufkochen.
Ganz im Gegensatz zum nostalgischen Gefühl mit H-Blockx?
Das kochen wir nicht auf. Es sind die Gefühle, die geblieben sind. Wir haben den gegenseitigen Respekt wieder gepflegt und aufgebaut. Jetzt entstehen neue Sachen mit einem Rucksack voller Erinnerungen, die keinem von uns mehr wehtun.
Live in Dornbirn und in Wien
Ihr neues Album „Fillin The Blank“ und die Klassiker von früher präsentieren H-Blockx am 11. März im Dornbirner Conrad Sohm und am 12. März im Wiener Flex. Unter www.oeticket.com gibt es noch Karten für die offiziellen Album-Release-Shows. Ein Wiedersehen gibt es dann Anfang August beim beliebten Picture On Festival im burgenländischen Bildein, doch das ist bereits traditionell ausverkauft.
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