23.07.2013 12:51 |

In reichen Ländern

Kriminalitätsrate seit 50ern um bis zu 70 Prozent gefallen

In den reichen Ländern der westlichen Welt ist die Kriminalitätsrate seit den 1950er-Jahren um bis zu 70 Prozent gefallen, wie neue Statistiken der G7-Nationen belegen. Trotz Wirtschaftskrise und Arbeitslosigkeit gebe es erheblich weniger Morde, Gewaltverbrechen, Raubüberfälle und Diebstähle, berichtet die britische Wochenzeitschrift "The Economist", die ob des dramatischen Rückgangs gar schon titelt: "Wo sind all die Einbrecher hingekommen?"

Der größte Rückgang der Kriminalitätswelle, die in vielen Ländern in den 1950ern begann, ist in Städten zu beobachten, so der "Economist". Seit 1990 sind Gewaltverbrechen in den USA um 32 Prozent zurückgegangen, in den Städten des Landes aber um durchschnittlich 64 Prozent. In New York und Los Angeles sind einige Verbrechen inzwischen sogar um 90 Prozent seltener.

Der Kriminalitätsrückgang erfolgte in der westlichen Welt zu unterschiedlichen Zeitpunkten, wie die Statistiken zeigen: Während der Trend in den USA 1991 begann, folgte Großbritannien 1995 - die Mordrate sank allerdings erst Mitte der 2000er-Jahre. Auch andere Delikte sind dramatisch zurückgegangen: So wurden 2012 in Großbritannien etwa 86.000 Autos gestohlen - 1997 waren es noch 400.000 gewesen. Frankreich kann sich zum Beispiel über einen immensen Rückgang bei Eigentumsdelikten freuen: Diese sind seit dem Höhepunkt 2001 um ein Drittel seltener.

70 Prozent weniger Morde in Estland
In anderen EU-Staaten sind die Ergebnisse sogar noch besser. In Estland etwa ist die Mordrate um satte 70 Prozent gefallen, Überfälle und Autodiebstähle sind beinahe ebenso stark zurückgegangen. Sogar als das Land 2009 in eine tiefe Rezession schlitterte und die Arbeitslosenzahlen bei bis zu 19 Prozent lagen, fiel die Kriminalitätsrate weiter, berichtet "The Economist".

Weniger Junge ohne Job und Perspektiven
Als Grund wird einerseits eine sich wandelnde Bevölkerungszusammensetzung vermutet: Der Babyboom nach dem Zweiten Weltkrieg hatte später viele 16- bis 24-Jährige ohne Arbeit hinterlassen - die meisten Verbrechen werden von Männern in diesem Alter begangen. Inzwischen kämpfen die reichen westlichen Länder nicht mehr mit zu vielen jungen Menschen, sondern im Gegenteil gegen die Überalterung der Gesellschaft.

Abtreibungen als ein möglicher Grund
Doch das allein kann den dramatischen Kriminalitätsrückgang nicht erklären. Steven Levitt von der Universität Chicago argumentiert daher, dass die Legalisierung der Abtreibung in den USA in den 1970ern am meisten zum Kriminalitätsrückgang beigetragen habe: Schließlich würden so weniger Kinder in Armut aufwachsen und in die Kriminalität gedrängt.

Gefängnisse keine ausreichende Erklärung
Eine andere mögliche Erklärung ist, dass viele Kriminelle inzwischen hinter Gittern sitzen: In Großbritannien etwa hat sich die Zahl der Gefängnisinsassen zwischen 1993 und 2012 verdoppelt, beinahe so groß ist der Anstieg auch in Australien und in den USA. Doch es gibt auch Gegenbeispiele - etwa Kanada, die Niederlande und Estland -, wo immer weniger Menschen im Gefängnis sitzen und die Kriminalitätsrate dennoch sinkt.

Angst, erwischt zu werden, hält von Verbrechen ab
Offenbar werden in den westlichen Ländern generell immer weniger Menschen kriminell, so "The Economist". In Großbritannien etwa ist die Zahl der Personen, die zum ersten Mal wegen eines Verbrechens verurteilt wurden, zwischen 2007 und 2012 um ganze 44 Prozent zurückgegangen. Dies könnte zum Teil auf bessere Polizeiarbeit zurückzuführen sein: Die Angst, bei einem Verbrechen erwischt zu werden, könnte mögliche Kriminelle abhalten.

Neue Polizeiarbeit als Schlüssel
So hat etwa der ehemalige Polizeichef Bill Bratton sowohl in New York als auch in Los Angeles neue Arbeitsweisen und Ermittlungsmethoden eingeführt - und in beiden Städten ist die Kriminalitätsrate so rasch und tief gesunken wie fast nirgends sonst. Die Polizei setzt dort etwa stärker auf die Mithilfe der Bevölkerung und überwacht "Kriminalitäts-Hotspots" intensiver. Diese Taktik war laut Lawrence Sherman von der Universität Cambridge auch in anderen Ländern wie Schweden und der Karibikinsel Trinidad und Tobago von Erfolg gekrönt. Auch technologische Verbesserungen haben der Polizei geholfen, etwa neue Möglichkeiten zur Spuren- und DNA-Analyse, Handyortung und Überwachungskameras.

Junge Menschen nüchterner und karriereorientierter
Doch auch ein genereller Wandel der Gesellschaft scheint ebendiese sicherer zu machen: Junge Menschen leben heute mit größerer Wahrscheinlichkeit noch bei ihren Eltern und streben nach höherer Bildung. In den meisten EU-Staaten halten sich 18- bis 24-Jährige mehr denn je bei Drogen und Alkohol zurück, so die Statistik. Und auch die Durchsetzung von Frauenrechten hat zu einem erfreulichen Wandel beigetragen: Häusliche Gewalt ist sozial nicht mehr akzeptiert, seit 1994 sind derartige Anzeigen etwa in Großbritannien um drei Viertel, in den USA um zwei Drittel zurückgegangen.

Diebstahl lohnt sich oft nicht mehr
Als weitere Gründe gelten eine Rückbesiedelung von Innenstädten durch die Mittelklasse, sodass keine Ghettos entstehen, und der vermehrte Einsatz von Sicherheitslösungen für das Zuhause, zum Beispiel Alarmanlagen. Zudem zahlen sich manche Verbrechen nicht mehr richtig aus: Gegenstände wie DVD-Player, Computer oder Fernseher sind gebraucht kaum noch so viel wert, dass sich ein Diebstahl lohnt.

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