Vier Jahre Haft

Akademiker wurde zum Neonazi, „um zu gefallen“

Gericht
17.06.2024 16:31

Fast zehn Jahre führte ein 40-jähriger Wiener ein Doppelleben: Unter der Woche arbeitete der Akademiker an einer Universität, am Wochenende feierte er mit Neonazis. „Ich wollte meinem Typ Mann gefallen“, erzählt er vor Gericht von dem Konflikt mit seiner Sexualität. Er würde sich nämlich besonders zu Skinheads hingezogen fühlen. Dafür bezahlt er nun mit einer Haftstrafe.

Politikwissenschaft und Geschichte – in diesen zwei Fächern machte ein 40-Jähriger ironischerweise seinen Magister- bzw. Masterabschluss. Arbeitete danach an einer Universität in der Administration. Was keiner wusste und wohl auch nicht erwartet hätte: In seiner Freizeit posierte der Wiener den Hitlergruß zeigend vor Hakenkreuzflaggen, traf sich mit Rechtsradikalen zum Feiern und tauschte sich mit ihnen über soziale Medien aus. 

Rechtsextremer Exzess in U-Bahn-Station
Kleinlaut sitzt der studierte 40-Jährige nun im Großen Schwurgerichtssaal des Wiener Landls, wird aus der Untersuchungshaft vorgeführt. Denn die Anklage nach dem Verbotsgesetz geht über die üblichen Textnachrichten und Bilder hinaus: Am 15. Mai 2022 in den frühen Morgenstunden sorgte er nämlich zusammen mit einem Zweiten in der U-Bahn-Station Hütteldorfer Straße für Aufregung. „Sie schrien herum, sie würden Schwule und Ausländer umbringen“, so die Staatsanwältin. Einen jungen Mann pöbelten sie an, weil er eine pinke FFP-2-Maske trug, fragten ihn, ob er homosexuell sei. Dabei riefen sie mehrfach „Heil Hitler“, rissen immer wieder den rechten Arm in die Höhe.

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 Aktuell teile ich mir eine Zelle mit einem Syrer und er hat mir erzählt, dass seine Mutter im Krieg gestorben ist. Ich hab gemerkt, dass das alles auch nur Menschen sind – so wie ich.

Angeklagter (40) sei nach U-Haft vollkommen geläutert.

Und das tat der glatzköpfige Angeklagte auch Anfang des Jahres mitten auf der Tanzfläche eines bekannten Wiener Clubs. Und mitten in seinem laufenden Ermittlungsverfahren wegen des Vorfalls in der U-Bahnstation – die Handschellen klickten. Zum Glück, meint er nun vor den Geschworenen. „Ich bin in Haft gesessen, mit Juden und Moslems. Aktuelle teile ich mir eine Zelle mit einem Syrer und er hat mir erzählt, dass seine Mutter im Krieg gestorben ist. Ich hab gemerkt, dass das alles auch nur Menschen sind – so wie ich.“

Verteidiger Manfred Arbacher-Stöger. (Bild: Zwefo)
Verteidiger Manfred Arbacher-Stöger.

Womit er sich auch endlich auseinandersetzen konnte: seiner Sexualität. „Mein Mandant hat sehr früh gemerkt, dass seine sexuellen Neigungen nicht an Frauen gerichtet sind. Er hat sich das nie eingestanden. Er dachte, seine Familie verstößt ihn. Er hat dann seine versteckte Sexualität kompensiert, indem er ein Kellernazi geworden ist. Man muss sich da schon die innere Zerrissenheit vorstellen“, versucht Verteidiger Manfred Arbacher-Stöger das Verhalten des 40-Jährigen zu erklären. 

„Ich fühle mich hingezogen zu diesem Typ“
Und auch der Angeklagte selbst startet einen Versuch, geht offen mit dem um, was er jahrelang unterdrückt hatte: „Wie mein Verteidiger schon gesagt hat, ich bin homosexuell. Ich habe mich in diese Welt hineingeflüchtet, wo man mich mochte und bewunderte. Wo ich dazugehört habe.“ – „Aber warum die Neonazis?“, hakt der vorsitzende Richter nach – „Ich fühle mich hingezogen zu diesem Typ. Zu Skinheads – groß, stark und glatzköpfig. Ich wollte meinem Typ Mann gefallen.“ Deswegen habe er auch die Ideologie angenommen und gelebt. „Ich wollte als Mann respektiert werden.“

Dafür zahlt er nun einen hohen Preis: In den fast zehn Jahren, die er sich in der Skinhead-Szene bewegte, kamen 70 verschiedene Fakten zusammen. In jedem einzelnen wird er von den Geschworenen schuldig gesprochen und schließlich zu vier Jahren Gefängnis verurteilt.

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