"Wollte gefallen"

Prozesstag 2: Ex-Liebhaber über das Wesen der “Eislady”

Österreich
20.11.2012 17:26
Unter geringerem Medieninteresse als beim Auftakt ist am Dienstag der Prozess gegen die ehemalige Eissalon-Besitzerin Estibaliz C. mit zahlreichen Zeugenbefragungen - darunter auch mehrere Ex-Liebhaber - fortgesetzt worden. Während sich zwei von ihnen durchaus wohlwollend über die Frau äußerten, erzählte ein anderer, die 34-Jährige habe alles getan, um "einem zu gefallen". Diese These stützte die Angeklagte mit der Schilderung zahlreicher Schönheits-OPs für ihre Männer. Ihr jetziger Ehemann wollte nicht aussagen.

Der Mann, der die Angeklagte im März dieses Jahres in der Justizanstalt Wien-Josefstadt geheiratet hatte und der der Vater ihres inzwischen zehn Monate alten Sohnes ist, machte von seinem Entschlagungsrecht Gebrauch. Blickkontakt zu seiner Frau nahm er in der kurzen Zeit, die er auf dem Zeugenstuhl verbrachte, nicht auf.

"Hat alles getan, um einem zu gefallen"
Danach waren zunächst mehrere ehemalige Liebhaber der Angeklagten am Wort. Einer von ihnen, ein 45-Jähriger, der die spanisch-mexikanische Staatsbürgerin nach dem Mord an ihrem ersten Ehemann kennengelernt hatte, beschrieb die 34-Jährige als gefallsüchtig. "Die Esti war eine, die alles getan hat, um einem zu gefallen." Ihre Beziehung, die er im Mai 2009 beendet hatte, habe sich nicht "auf Augenhöhe" abgespielt. Estibaliz C. sei "unterwürfig" gewesen: "Wenn man sie schärfer angesprochen hat, ist sie gleich in Tränen ausgebrochen." Zudem habe ihr die "Authentizität" gefehlt. "Sie war nicht das, was sie vorgegeben hat. Sie hat sich als perfekt präsentiert, was sie aber nicht halten konnte."

Ein weiterer Grund, die intime Beziehung abzubrechen, sei "der ausgeprägte Kinderwunsch" der Frau gewesen, "dem ich auf keinen Fall nachkommen wollte". Estibaliz C. sei grundsätzlich "eine Chaotin" gewesen und habe ihre Ziele "ausgesprochen planlos verfolgt". Manfred H., mit dem die Eissalon-Besitzerin im Anschluss liiert war und der das zweite Opfer wurde, beschrieb der Zeuge als "Schlitzohr". Estibaliz C. habe ihm einmal über den Eismaschinen-Vertreter berichtet: "Ich suche einen Mann, und er will einen Eissalon."

Schönheits-OPs und Trainingseinheiten, um perfekt zu sein
Wie sehr sie Männern gefallen wollte, erläuterte die Angeklagte selbst gegenüber dem beisitzenden Richter Andreas Hautz, indem sie ausführlich über Schönheitsoperationen sprach, die sie an ihrem Körper hatte machen lassen. So habe sie auf Wunsch ihres im November 2010 erschossenen Lebensgefährten die Nase kleiner machen und ihre Falten im Augenbereich und auf der Stirn mittels Botox-Spritzen glätten lassen. Außerdem ließ sie sich "erotische" Lippen spritzen, da ihre dünnen Lippen dem damaligen Lebensgefährten nicht gefallen hätten. 

Der Endvierziger soll weiters an ihren Hüften und ihren Brüsten Anstoß genommen haben. "Er wollte, dass ich an den Hüften Fett absaugen lasse. Er wollte mehr Holz vor der Hütte haben", diktierte die 34-Jährige der Schriftführerin. Diese Eingriffe habe sie aus Angst vor möglichen gesundheitlichen Folgen aber abgelehnt. Dafür sei sie oft noch nach Zwölf-Stunden-Schichten im Eissalon laufen gegangen: "Ich musste viel Sport machen auf seinen Wunsch." Um den Vorstellungen des Mannes zu entsprechen, sei sie regelmäßig in der Oswaldgasse joggen gewesen.

Internet-Bekanntschaft kämpfte um ihre Liebe
Wohlwollend beschrieben zwei weitere Männer Estibaliz C., die unterschiedlich lange mit ihr zusammen gewesen waren. "Ich habe sie als hübsche, nette Frau kennengelernt", sagte ein zweimaliger Sex-Partner der Angeklagten. Abgesehen davon habe er "nicht wirklich etwas Auffälliges bemerkt". Nach den beiden Begegnungen habe man sich aber einvernehmlich nicht mehr getroffen, so der 48-Jährige.

Ein weiterer Liebhaber (46), den die Angeklagte Anfang 2008 im Internet kennengelernt hatte, nahm sie kurze Zeit bei sich auf - zu dieser Zeit war die ehemalige Eissalon-Besitzerin noch mit ihrem Ex-Mann verheiratet. Gründe für ihre Flucht waren die angeblichen psychischen und physischen Misshandlungen durch den damaligen Ehegatten. "Irgendwelche Eigenheiten und Abnormitäten sind mir nicht aufgefallen", gab der Zeuge an.

Estibaliz C. verlor jedoch allmählich das Interesse an dem kränklichen, ihr möglicherweise zu wenig maskulinen Mann. "Sie hat sich entfernt und ist schließlich zu einer Freundin gezogen", sagte der 46-Jährige. Formell habe er zwar Ende 2008 den Schlusstrich gezogen, in weiterer Folge die Frau aber vergeblich zurückzugewinnen versucht.

Trauzeuge ahnte "Verbrechen"
Am Dienstagnachmittag sagte auch der Trauzeuge und engste Freund des ermordeten Ehemannes aus. "Es war eine insgesamt harmonische Ehe", erklärte er. Sein Freund sei zunächst "sehr zufrieden" gewesen, doch nach dem Umzug nach Wien und der Eröffnung des Eissalons in der Oswaldgasse sei "Unzufriedenheit auf beiden Seiten" eingekehrt, an deren Ende eine einvernehmliche Scheidung stand. Das Eisgeschäft habe sich danach schlecht entwickelt. Der Ex-Mann habe aussteigen wollen, dies aber Estibaliz C. gegenüber verheimlicht, weil er Konsequenzen befürchtet habe. Auf die Frage seines Freundes, was er damit meinte, habe der Ex-Partner der Angeklagten ihm gegenüber nur kryptische Andeutungen gemacht. "Ich könnte dir Sachen erzählen, da würdest du mit den Ohren schlackern", soll ihm sein langjähriger Freund anvertraut haben.

Als der Ex-Mann dann plötzlich von der Bildfläche verschwand, habe er befürchtet, "dass er Opfer eines Verbrechens geworden sein könnte" und zugleich "das abstrakte Gefühl gehabt, dass das etwas mit Esti zu tun haben könnte", gab der Zeuge an. Diese habe ihm allerdings versichert, ihr Ex-Mann habe sich "auf und davon gemacht" und "seine Sachen gepackt". Estibaliz C. wisse "genau, was sie tut", betonte der Trauzeuge vor Gericht. "Wenn es ums Geschäft ging, war nichts mit humanistischen Sichtweisen."

Estibaliz C.: Medikamente Grund für Gefühlskälte
Estibaliz C. selbst erklärte am Dienstag ihren gefühlskalt wirkenden Auftritt vom Vortag, als sie gestanden hatte, im April 2008 ihren Ex-Mann und im November 2010 ihren damaligen Lebensgefährten erschossen, mit einer Kettensäge zerstückelt und schließlich im Keller ihres Eissalons "Schleckeria" einbetoniert zu haben (siehe ausführliche Story in der Infobox), damit, dass sie derzeit Beruhigungsmittel nehme und vielleicht deshalb so distanziert wirke. "Ich habe Herzrasen und Angstzustände, deshalb brauche ich die Medikamente." Diese hätten eine "distanzierende Wirkung".

Es sei ihr schon lange vor ihrer Festnahme im Juni 2011 nicht gut gegangen, sagte die Angeklagte. Sie habe auch einen Psychologen aufgesucht: "Das Problem war, dass ich mich nicht aufmachen konnte." Der Arzt habe eine Depression festgestellt. Laut Staatsanwältin Petra Freh soll die Frau seit ihrer Inhaftierung in der Justizanstalt Wien-Josefstadt jedoch nur dreimal einen Psychiater konsultiert und daneben lediglich eine psychologische Haftbetreuung erhalten haben.

"Der Unterschenkel eines linken Beins mit dem Fuß dran"
Bereits am Montag hatten erste Zeugen ausgesagt. So schilderten von einem Friseurgeschäft beauftragte Arbeiter, wie sie im Juni 2011 die Leichenteile aus reinem Zufall im Keller unter dem Eisgeschäft entdeckten. Als sie für die Installationsarbeiten das Kellerabteil Nummer 6 aufbrechen mussten, um an Abflussleitungen heranzukommen, seien sie auf Gewehre mit Zielfernrohren und eine Reihe von mit Beton gefüllten Maurertrögen, Mörtelwannen und Blumentöpfen, die teilweise mit Katzenstreu bedeckt waren, gestoßen. Als ein strenger und verdächtiger Geruch festgestellt worden sei, hätten sie die Polizei verständigt.

Die Beamten hätten laut den Arbeitern gemeint, jemand hätte umgebrachte Katzen und Hunde vergraben. "Daraufhin hab' ich ihnen gesagt, ein Hund oder eine Katze riecht anders als eine Leiche", erinnerte sich einer der Handwerker. Er habe schließlich eine Mörtelwanne umgedreht und mit einem Hammer bearbeitet, worauf sich ein Müllsack gelöst habe, den man öffnete.

"Was ist zum Vorschein gekommen?", fragte Richterin Susanne Lehr. "Der Unterschenkel eines linken Beins ab dem Knie mit dem Fuß dran", erwiderte der 40-Jährige. Er habe sofort ausgerufen: "Das ist vielleicht Manfreds Bein!", so der Zeuge. Denn bereits zwei Monate zuvor habe er in dem Keller zu tun gehabt. Dabei hätten ihm Bedienstete des Eissalons erzählt, Manfred H. sei "abgehauen".

Taxifahrer: "Ich wollte sie loswerden"
Weitere Zeugen berichteten über Treffen mit der Angeklagten am Tag ihrer habe sie nach Kärnten wollen, dann habe sie gewünscht, nach Italien gefahren zu werden. "Da hat sie langsam angefangen zu erzählen. Sie habe Probleme mit der Polizei", meinte der Zeuge. Er habe ihr ein Hotelzimmer organisiert. "Ich wollte sie loswerden", erzählte der Zeuge. Sie habe auf ihn "ruhig, ganz normal gewirkt".

Ein weiterer Taxifahrer, der Estibaliz C. zuvor zum Airport gebracht hatte, schilderte, wie sie in seinem Auto ein Testament zugunsten ihres Freundes verfasst hatte.

Der Prozess ist auf vier Tage anberaumt. Ein Urteil soll es am Donnerstag geben.

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