24.09.2012 14:23 |

Simple Methode

Wiener Forscher entlarven durch Zählen Wahlbetrug

Wiener Komplexitätsforscher haben eine statistische Methode entwickelt, die weitreichende Konsequenzen haben könnte. Mit ihrer Hilfe lassen nämlich sich deutliche Hinweise auf Wahlbetrug finden - so etwa bei den russischen Präsidentenwahlen in diesem Frühjahr.

Die Komplexitätsforscher Stefan Thurner und Peter Klimek hatten bereits Anfang des Jahres die von ihnen entwickelte statistische Methode zur Entlarvung von Wahlbetrug am Preprint-Server "arXiv" veröffentlicht und nun weiterentwickelt. "Wir haben sie einerseits auf wesentlich mehr Länder ausgeweitet und zudem gezeigt, dass unsere Resultate unabhängig von der Größe der Wahlbezirke sind", sagte Thurner. Bisher hätten ähnliche Ansätze das Problem unterschiedlicher Ergebnisse bei Ländern mit sehr großen beziehungsweise sehr kleinen Wahlbezirken gehabt.

Klimek und Thurner begannen ihre Arbeit, als sie im Vorjahr ein russischer Kollege gebeten hatte, einen Blick auf die Ergebnisse der umstrittenen russischen Parlamentswahlen 2011 zu werfen. Die Wissenschaftler - geübt darin, in Daten systematische Trends zu entdecken - fanden in den russischen Wahldaten so auffällige systematische Abweichungen, "dass es wie ein Faustschlag ins Gesicht war", so Klimek damals. Nun haben sie auch bei den russischen Präsidentschaftswahlen ähnliche Anzeichen für Wahlbetrug gefunden, "das war gleich auffällig wie die Duma-Wahl 2011", sagte Thurner.

Methode entlarvt extreme Betrugsformen
In der früheren Arbeit konzentrierten sich die Forscher noch auf eine gemäßigte Form des Wahlbetrugs, das sogenannte "ballot stuffing", bei dem eine begrenzte Zahl an vorausgefüllten Stimmzettel in die Wahlurnen gesteckt wird. Nun haben sie die Methode um eine extreme Betrugsform erweitert, bei der ganze Wahlurnen ausgetauscht oder schon vor der Wahl befüllt werden.

Das Modell der Wissenschaftler analysiert für jeden Wahlkreis alle Möglichkeiten für diese beiden Parameter. "Das Ergebnis sind zwei Zahlen - wenn beide Null sind, wurde nicht betrogen, sind sie größer als Null, muss man genauer hinschauen", so Thurner. Denn es gibt auch natürliche Erklärungen für Abweichungen.

"Wir können sagen, ob es Abweichungen gibt"
Als Beispiel nennt der Wissenschaftler etwa die kanadische Provinz Quebec, wo es aufgrund des unterschiedlichen Wahlverhaltens der englisch- und französischsprachigen Bevölkerung zu "Ausschlägen" des statistischen Modells kommen kann, ohne dass Betrug im Spiel ist. "Wir können mit unserem Modell sagen, da gibt es eine Abweichung, die eine Erklärung notwendig macht. Dann braucht es jemanden, der Verständnis für die Situation in dem betreffenden Land hat", so Thurner.

Üblicherweise "verkaufen" Wissenschaftler ihre Arbeiten aber nicht so, es sei sicher "eines ihrer wissenschaftlich anspruchsloseren Papers" gewesen, sagte Thurner. Dennoch wurde die Arbeit nun in einer der angesehensten Fachzeitschriften, in den "Proceedings" der US-Nationalen Akademie der Wissenschaften (PNAS), veröffentlicht.

"Sagt etwas über den Umgang mit Demokratie aus"
Warum der Wissenschaftler so hervorhebt, dass es sich dabei um eine "wissenschaftlich anspruchslose Arbeit über das Zählen" handle, hat einen guten Grund: "Das Faktum, dass man im 21. Jahrhundert eine wissenschaftliche Arbeit über Zählen in einem guten Journal unterbringt, sagt etwas über den gegenwärtigen Umgang mit Demokratie aus", so Thurner, "eigentlich sollte man glauben, dass das Herzstück von Demokratien das bestgehütete, bestuntersuchte und am wenigsten korrumpierbare Ding ist."

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