So, 19. August 2018

Mann sägte Fuß ab

30.03.2012 17:19

Ehefrau über Tat: "Er hat kein Licht mehr gesehen"

Wie verzweifelt muss ein Mann sein, der sich den Fuß absägt? Monika U. ist die Ehefrau dieses Mannes. Im "Krone"-Interview mit Conny Bischofberger erzählt sie, wie eine Tragödie ihren Lauf genommen hat.

Mitterlabill im südoststeirischen Hügelland. Ein Dorf trägt Trauer. Vor zwei Wochen verunglückte hier die 17-jährige Lena beim sogenannten "Car Surfing" - sie hatte sich aufs Autodach eines Freundes gelegt, der mit dem Mädchen in den Tod gerast war. Kerzen, Palmkätzchen und ein kleiner Engel an der Unfallstelle erinnern an die tragische Mutprobe. 50 Meter neben der Gedenkstätte ereignete sich eine Woche später ein Familiendrama. "Mann sägt sich Fuß ab" - "Man saws off own foot". Was Zeitungen weltweit in eine Schlagzeile von fünf Worten packten, ist für Monika U., die Ehefrau dieses Mannes und Mutter der gemeinsamen zwei Kinder (24 und 34), eine Tragödie, für die es keine Worte gibt.

Lange sitzen wir stumm miteinander am österlich geschmückten Küchentisch. Im Herrgottswinkel steht eine Barmherzige Mutter Gottes, an der Wand erzählen Postkarten und Fotos Geschichten einer glücklichen Familie. Wann hat hier das Unglück Einzug gehalten? Zwei Wellensittiche namens "Jack" und "Jill" flattern nervös in ihrem Käfig herum. "Sie vermissen Peters Stimme", sagt Monika U. schließlich leise. Wenn ihr Mann in die Hände geklatscht habe, dann hätten die Vögel wie aufs Kommando gezwitschert. "Seit er weg ist, sind sie ganz verstört." Am Dienstag wurde er in die psychiatrische Abteilung überstellt.

"Krone": Frau U., was Ihr Mann getan hat, ist unvorstellbar. Wie ist das für Sie, dass er sich selbst so schwer verletzt hat?
Monika U.: Es ist schlimm. Ohne Tabletten könnt' ich weder schlafen noch aufstehen. Aber ich fang' mich langsam zum Derfangen an. "Warum?" Das frag' ich mich natürlich immer wieder, aber es gibt keine Antwort.

"Krone": Ist in den Tagen vor dem Unglück irgendetwas vorgefallen?
Monika U.: Nein, gar nicht. Am Sonntag vorher waren wir noch gemeinsam beim Buschenschank. Ich hatte am 19. März Geburtstag, er am 22. Zuletzt hat sich mein Mann um die Kerzerl gekümmert, die vor unserm Haus für das Madl brennen, das hier verunglückt ist. Er hat auch den Blumen frisches Wasser gegeben.

"Krone": Wie hat er gelebt?
Monika U.: Er war schon seit mehreren Jahren arbeitslos. Er hat einen ganzen Haufen Bewerbungen geschrieben, nie Antwort bekommen. Er hat wirklich alles gemacht, was das AMS von ihm verlangt hat. Termine, Untersuchungen, Kurse, Umschulungen. Sogar den Gabelstaplerführerschein. Aber er hat einfach kein Licht gesehen. Die Firmen nehmen doch nur Leute mit Praxis. Einmal vor drei Jahren hatte er kurz Glück. Er bekam Arbeit auf einem Golfplatz, da ist er jeden Morgen mit dem Moped hingefahren. Ich dachte schon, dass Licht am Ende des Tunnels ist.

"Krone": Was ist dann passiert?
Monika U.: Dann hatte mein Mann einen Unfall mit dem Moped. Rippenprellungen. Er hatte höllische Schmerzen und musste einen Gurt tragen. Trotzdem ist er nach fünf Tagen wieder zur Arbeit gefahren. Aber man hat ihm gesagt: "So was könn' ma ned brauchen!" Und weil es noch die Probezeit war, haben sie ihn entlassen.

"Krone": Haben Sie geahnt, wie es ihm wirklich gegangen ist?
Monika U.: Ich habe schon gemerkt, dass er immer verschlossener geworden ist. Nur noch allein mit dem Traktor ausgefahren ist. Dass er immer öfter gesagt hat: "Ich bin für nix mehr zu brauchen."

"Krone": Wie haben Sie reagiert?
Monika U.: Ich hab' versucht, ihm gut zuzureden. Wir haben am Klo einen Spruch aufgehängt. "Neue Besen kehren gut. Aber alte kennen die Ecken." Er mag Sprüche. Aber irgendwann hat er gemeint: "Alte wer'n ned mehr braucht!" Ich hab' ihm vorgeredet: "Es wird schon was Passendes kommen, wirst sehen."

"Krone": Aber es kam nichts mehr?
Monika U.: Nein. Wenn Sie mich fragen, war es Schikane. Der nächste Termin beim AMS wäre eine ärztliche Untersuchung gewesen, bei der seine Arbeitstauglichkeit überprüft worden wäre. Aber Peter wollte einfach nicht mehr. Jahrelang leben von 25,87 Euro am Tag, das war kein Leben mehr für ihn.

"Krone": Wie haben Sie am Montagmorgen erfahren, was passiert ist?
Monika U.: Ein Polizist hat gewusst, wo er mich findet. Ich bin ja schon um 3.15 Uhr arbeiten gegangen. Er sagte: "Monika, du musst schnell mit nach Hause kommen. Der Peter hat sich den Fuß abgesägt."

"Krone": Was ging da durch Ihren Kopf?
Monika U.: Dass das nicht sein kann. Wir hatten nie eine Säge. Ich weiß bis heute nicht, woher sie gekommen ist. Es war eine nagelneue Säge. Aber dann hab ich meinen Mann blutend in der Garage liegen gesehen. Ich bin gar nicht zu ihm hingekommen, so viele Leute waren da. Dann hat ihn auch schon der Hubschrauber mitgenommen.

"Krone": Wer hilft Ihnen, Frau U.?
Monika U.: Es war ein Kriseninterventionsteam da. Ich konnte reden. Jetzt schaut das Hilfswerk auf mich. Und die Tanja, das ist die Freundin vom Manuel. Mein Sohn muss ja auch arbeiten. Eine Nachbarin hat das Blut im Keller weggewaschen. Die Leute im Dorf sind alle lieb zu uns. Meine Chefin auch. Gemeinsam werden wir das schaffen, hat sie mir gesagt. Ich bin als Putzfrau geringfügig beschäftigt.

"Krone": Sie haben Ihren Mann am Mittwoch das erste Mal besucht. Wie geht es ihm?
Monika U.: Nicht gut. Ich durfte einen Tag vorher schon mit ihm telefonieren. Er hat nur einen Satz gesagt: "Was hab' ich euch angetan?" Am Mittwoch hat er gar nichts mehr gesagt. Ich hoffe, dass mir die Ärzte erklären können, was mit ihm ist. Jedenfalls ist er jetzt in besten Händen.

"Krone": Wenn Sie sich etwas wünschen könnten, was wäre es?
Monika U.: Dass das niemals passiert wäre. Dass ich es verhindern hätte können. Und dass ich wüsste, wie es jetzt weitergehen soll.

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