16.07.2022 09:00 |

„Wird immer härter“

Weil die Großen zanken, müssen die Kleinen leiden

Der Personalnotstand an den Wiener Kindergärten spitzt sich zu. Zwei Pädagoginnen erzählen vom herausfordernden Alltag, eine kämpft weiter, die andere geht. Doch woran hakt es?

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Der schulische Bereich klagt über die Personalsituation, und in den Kindergärten zeigt sich das gleiche Bild. Das Problem: Während die Politik über mehr Betreuungsplätze und die „Kindergartenmilliarde“ jubelt, wissen viele Träger nicht, wie sie bestehende Kapazitäten unter einen Hut bekommen sollen.

Kritik hagelt es von den großen privaten Trägerorganisationen in Wien: Diakonie Bildung, Kinderfreunde Wien, KIWI-Kinder und St. Nikolausstiftung. Sie sprechen von „kosmetischen Zugeständnissen“, und die Maßnahmen seien „nicht einmal annähernd dazu geeignet, um den Personalmangel in den Griff zu bekommen“. So fehlen zum Start im September mehr als 300 Pädagogen. Gruppen- und sogar Standortschließungen sind vorprogrammiert. Zudem hat der Beruf aktuell ein Imageproblem.

Die Leidtragenden sind in erster Linie aber die Kinder, denn ihnen wird wertvolle Bildungszeit genommen, und andererseits die Eltern, die sich kurzfristig um eine Betreuung der Kinder kümmern müssen. „Dabei ist es das Ziel jeder Pädagogin, den Kindern einen entwicklungsförderlichen Bildungsalltag zu bieten“, sagt Elmar Walter, Geschäftsführer der St. Nikolausstiftung. Aber wegen des Personalmangels sei das oft nicht möglich, und viele Fachkräfte würden das Berufsfeld verlassen, weil der Druck und die Frustration zu groß sind.

Zu wenig Personal für anspruchsvollere Kinder
Nicht so Petra Stadler, sie ist seit 13 Jahren Kindergärtnerin und seit 2010 bei der St. Nikolausstiftung beschäftigt. „Ich mag meinen Job, aber es wird von Jahr zu Jahr härter. Wir müssen viele Überstunden machen, an vielen Tagen ist es nicht einfach“, erzählt die 33-Jährige. Vor einigen Jahren hat sie die Zusatzausbildung zur inklusiven Elementarpädagogin gemacht, die speziell auf Kinder mit erhöhtem Förderbedarf ausgelegt ist. „Auch hier gibt es viel zu wenige Pädagoginnen für immer mehr Kinder, die verstärkt Zuwendung brauchen“, so Stadler. Im Alltag sei sie oft frustriert, weil die Zeit nicht reicht, um auf jedes Kind individuell einzugehen. Trotz aller Widrigkeiten möchte sie aber in ihrem Job bleiben.

Anders erging es Sophie S. Sie hat vor einem Jahr an der Bildungsanstalt für Elementarpädagogik (BAfEB) maturiert und während der Schulzeit immer wieder Praktika in Kindergärten absolviert. Und obwohl ihr die Arbeit mit den Kindern liegt, war für die 20-Jährige schnell klar: In den Kindergarten will sie nicht gehen. Stattdessen studiert sie jetzt auf Lehramt Volksschule. „Als Lehrerin verdiene ich mehr, habe mehr Freizeit und weniger Verantwortung“, begründet Sophie S. ihre Wahl. Und wie ihr geht es auch vielen anderen frisch ausgebildeten Kindergärtnerinnen.

Sicher ist, wenn sich nicht schnell etwas ändert, dann ist die erste und sicher nicht unwichtigste Bildungsstufe nur noch ein morsches Konstrukt.

Die Forderungen der Elementarpädagogen
Die Experten haben daher klare Forderungen: Mehr Fachpersonal und kleinere Gruppen, damit Kinder gut und entwicklungsgerecht begleitet werden können. Durch finanzielle Anreize sollen Quereinsteiger aus den Fachbereichen Psychologie, Ergotherapie etc. gewonnen werden. Eine Entlastung des pädagogischen Personals durch administrative Kräfte sowie österreichweit einheitliche Rahmenbedingungen beim Betreuungsschlüssel oder Gehalt.

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