04.05.2022 13:24 |

20 Jahre Dope Noir

Klaus Waldeck: „Früher war doch alles besser“

Vor etwas mehr als 20 Jahren gab Klaus Waldeck seinen Anwaltsberuf auf, um sich fortan nur mehr auf seine musikalische Karriere zu konzentrieren. Um seine diverse Musik zwischen Saint Privat, Waldeck, Soul Goodman und Co. frei verbreiten zu können, gründete er sein Label Dope Noir Records. Zum 20. Geburtstag beschenkt uns der 55-Jährige mit zwei Konzerten im Wiener Porgy & Bess und einer Vinyl-Luxus-Box. Im großen „Krone“-Gespräch blicken wir noch einmal detailliert zurück.

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In Klaus Waldecks Brust schlagen zwei Herzen. Das eine für Musik, das andere für die Juristerei. Der ursprüngliche Plan war einst der Eintritt in die väterliche Rechtsanwaltskanzlei und der Weg dorthin war vorgegeben. „Ich habe im Insolvenzrecht gearbeitet und meine Dissertation im Urheberrecht über Sampling geschrieben“, erinnert er sich im Gespräch mit der „Krone“ an seine Zeit in London zurück, „das geschah primär aus Eigeninteresse, weil ich damals ein Stück von Laurie Anderson mit einem Vierspurgerät aufgenommen und dazu gesprochen habe. Das war mein erstes analoges Sampling. 1994 habe ich bei Andersons Anwälten angefragt, ob das okay wäre, was ich heute nie mehr so machen würde. Wann immer ich wo anfragte, kam eine Absage.“ Als es 1996 retour nach Wien ging, kam er mit den „Doyens des Wiener Sounds“, Kruder und Dorfmeister, in Kontakt. Jahrelang experimentiert und kreiert Waldeck im elektronischen Segment, bis ihm mit seinem Zweitwerk „The Night Garden“ 2001 ein Achtungserfolg in den Charts gelingt.

Dr. Jekyll & Mr. Hyde
Mit seinem damaligen Label BMG kommt er zunehmend ins Diskutieren, bis der Kontrakt aufgelöst wurde. Zudem hängt Waldeck endgültig seinen Anwaltsberuf an den Nagel. „Ich war eine Zeit lang in einer ganz eigenen Dr.-Jekyll-&-Mr.-Hyde-Welt. Wenn man in der Nacht an Elektroniktracks bastelt und am nächsten Tag unausgeschlafen zu Verhandlungen am Gericht erscheint, ist das auch psychisch nicht mehr ganz gesund.“ Sein Vater hatte noch lange danach Hoffnung, dass der Bub einmal die Kanzlei übernehmen wird. „Mittlerweile ist aber so viel Zeit verstrichen, dass es kein Zurück mehr gibt. Ich hätte ja auch gar nicht mehr das Wissen, das man sich immer wieder erneuern muss.“ 2001 war das Jahr, in dem Waldeck sein Label Dope Noir Records gründete, um unabhängig und frei seine Musik verbreiten zu können. Neben dem künstlerischen Wissen hatte er auch den Vorteil der juristischen und wirtschaftlichen Profession. In Zeiten vor Social Media nicht unwichtig.

„Damals hatte ich das Glück, in einen Hype einzutauchen und ihn mitnehmen zu können. Mein Album wurde plötzlich in Frankreich wahrgenommen und dort war die Wiener Elektronik extrem angesagt. Ich habe auf Anhieb 12.000 Stück verkauft. Das kam einer Sensation gleich und war letztendlich mitentscheidend, dass ich den vollen Sprung in die Musik wagte. Zehn Jahre früher wäre das nicht möglich gewesen.“ Der Hype führt zu Medientagen und einem temporären Rampenlicht. „Nach zwei Jahren verpuffte alles wieder. Es ist natürlich sehr trügerisch, wenn einem der kurze Ruhm schmeichelt. Man nimmt ihn als Normalzustand hin und wenn er plötzlich weg ist, fühlt sich das wie ein kalter Entzug an“, kann Waldeck heute darüber lachen. In der Gegenwart feiert der 55-Jährige nun 20 Jahre Dope Noir Records. Dank der Pandemie mit ein paar Monaten Verspätung, aber man will bei den verdienten Feierlichkeiten auch nicht päpstlicher sein als der Papst.

Besondere Feierlichkeiten
Dope Noir Records diente Waldeck vorwiegend als Zuhause für seine vielen künstlerischen Alter Egos. Ob Waldeck, das frankophile Erfolgsprojekt Saint Privat, das jazzige Waldeck Sextet oder Soul Goodman - das Cosplay zwischen Electro-Swing, Franko-Elektronik, Soul, Jazz, Downbeat und Chanson konnte ohne Zwischenrufe zelebriert werden. Möglich war alles. Seine Musik wurde mehr als 100 Millionen Mal gestreamt und in Erfolgsserien wie „Grey’s Anatomy“ verwendet, manch andere Projekte dienten allein dem Underground und der Befriedigung persönlicher Kreativexplosionen. Zum Jubiläum gibt es nun eine auf 300 Stück limitierte 5-fach-Vinyl-Box bzw. Doppel-CD, auf der Waldeck nicht einfach nur zwei Dekaden Erfolgskarriere kompakt runterspult, sondern mit Freunden und Gästen neu eingespielt, arrangiert und kreiert wurde. „Man könnte ja fast meinen, ich hätte mir zu viele Gedanken gemacht“, lacht er.

In der Pandemie war ausreichend Zeit, um aufgrund mangelnder Livemöglichkeiten beharrlich und konzentriert auf dieses Package hinarbeiten zu können. „Es war die Zeit der Isolation und Brandbeschleuniger. Selbst als Musiker verbringt man heute schnell mal 90 Minuten am Tag mit blöden Social-Media-Postings, die einfach notwendig geworden sind. Die Welt ist immer lauter geworden und man muss schreien, um wahrgenommen zu werden.“ Für Klaus Waldeck hatte Corona nicht nur Schäden, sondern auch einen Kollateralnutzen. „Mein mittlerer Sohn hat mit 16 begonnen E-Bass zu spielen und mich ein halbes Jahr später im Porgy & Bess mit meiner siebenköpfigen Besetzung bei einem Song begleitet.“ Mit der Gegenwart kommt Waldeck nicht immer klar, obwohl auch die Vergangenheit nicht unnötig glorifizieren möchte.

Kein Schritt zu weit
„Ich war nie der große Teamplayer, aber es gab damals ein Netzwerk von Musikinteressierten auf gleicher Augenhöhe, die sich aus bloßem Interesse gegenseitig Highlights präsentierten. Auch in den ersten iTunes-Zeiten, wo Downloads und Streaming sich ergänzten, hatte ich doppelt so viel monatlichen Umsatz wie heute, zehn Jahre später. An einem durchschnittlichen Tag werden heute auf Spotify täglich etwa 40.000 Musiktitel veröffentlicht. Das muss man sich einmal vorstellen.“ Trotz seiner großen Erfolge, strahlte Waldeck kommerziell etwa nie so aus wie Parov Stelar, obwohl der mit dem Electroswing strenggenommen erst nach Waldeck kam. „Ohne geschicktes Marketing schafft es niemand und der Kollege hat zu dem Zeitpunkt sicher das richtige gemacht. Er geht einen Schritt weiter Richtung Kommerz, wo bei mir die Geschmacksgrenzen überschritten sind. Das ist aber auch der Grund, warum sein Projekt wirtschaftlich erfolgreicher ist - völlig legitim! Mir persönlich sind seine früheren Sachen aber mehr ans Herz gewachsen als der Großraum-Disco-Mainstream der Gegenwart.“

Das Jubiläumspaket Waldecks ist ein allumfassendes. „Es gibt frankophile Stücke, jazzige Stücke, cineastische Stücke und die altbekannte Electroswing-Attitüde. Ich wollte von jedem Künstler und jedem Projekt etwas herzeigen. Als Idee haben sie alle kleiner begonnen, als sie insgesamt wurden.“ In der Gegenwart scheint Waldeck dem Jazz etwas näher zu sein als der Elektronik. Ein Zeichen des Alters und der Reife? „Möglich, aber ich denke viel darüber nach, wie ich mit meinen neuen Werkzeugen und Fertigkeiten stärker in die Elektronik zurückkomme. Ich habe immer sehr viel mit Sängerinnen gearbeitet, was mich von vielen elektronischen Acts unterschieden hat. Ich komme auch nicht, wie die meisten, aus der DJ-Ecke, sondern aus der bürgerlichen Klavier-Bourgeoisie“, fügt er lachend hinzu. Welche Gefühle kamen bei der Arbeit an den alten Projekten hoch? „Früher war schon alles besser. Man bewertet das Alte instinktiv höher. Vielleicht auch, weil es erfolgreicher war. Eine Rückschau ist immer schön, um alles in Relation zu setzen und zu reflektieren, aber man darf nicht alles verklären.“

Live im Porgy & Bess
Die gegenwärtige Elektronik-Szene beobachtet Waldeck nicht sonderlich. „Heute strömen rundum viele neue Künstler nach und der Markt wird insgesamt begrenzter. Jeder hat das Gefühl, ein Künstler zu sein oder sein zu müssen. Das war früher nicht so, aber in bestimmten urbanen Bereichen gehört das heute offenbar zum guten Ton.“ Wer Waldecks musikalische Vita nicht nur physisch sein Eigen nennen möchte, hat am 3. und 4. Juni im Wiener Porgy & Bess übrigens gleich zweimal die Möglichkeit für eine Live-Beschau. An jedem Abend spielen zwei Sub-Acts Waldecks für je eine Stunde. Am ersten Abend sind das sein kammermusikalisch-elektronisches Projekt „Belle & Pop“ und die kultigen Saint Privat. Am zweiten Abend das Waldeck Sextet und Soul Goodman. „Wenn sie rechtzeitig geliefert wird, gibt es dort auch die Luxus-Vinyl-Box zu kaufen“, so der Künstler. Alle Infos und Karten für die Events gibt es unter www.porgy.at. Die nächsten Highlights stehen schon vor der Tür. Ende dieses Jahres oder Anfang 2023 soll es ein neues Album von Saint Privat geben. Wir harren der Dinge und feiern bis dahin das Jubiläum.

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