04.05.2022 18:00 |

Schneider-Serie

Wenn sich Freude im Gegenüber spiegelt

In seiner Reihe „Hier war ich glücklich“ begleitet Robert Schneider Menschen aus Vorarlberg an die Lieblingsplätze ihrer Kindheit. In Götzis hat er jüngst ZM3-Geschäftsführer Hermann Metzler getroffen.

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Die Älteren unter uns wissen es noch gut, wie vor mehr als dreißig Jahren der Wohnungsbau in Vorarlberg Fahrt aufgenommen hat. Wo man als Kind noch auf unberührten Wiesen am Rand eines Dorfzentrums gespielt hat, zwischen grasenden Kühen und Rindern, erstrecken sich heute große Industriegebiete. Die Dörfer wuchsen immer mehr zusammen, die speziellen Dialektfärbungen von Ort zu Ort verwässerten, ebenso die einmal klar voneinander abgegrenzten Ballungsräume. Im Rheintal schrumpfte unbebauter Grund, wurde knapp. So knapp, dass er schier unerschwinglich geworden ist. Manch einer hat sich vermutlich im Nachhinein die Haare gerauft, weil er die „Bündt“, auf der er mit den Nachbarskindern Räuber-und-Gendarm gespielt hat, damals nicht gleich gekauft hat - um ein paar hundert Schillinge. Der Vater, der Onkel hätte es ihm vielleicht vorgestreckt ...

Man musste anfangen, in die Höhe zu bauen. Ein Mann, der diese Entwicklung schon Ende der sechziger Jahre kommen sah, der mit einer Lehre als technischer Zeichner bei einer Baufirma anfing, ist heute eine Legende, der spiritus mentor des Wohnungsbaus überhaupt - Hermann Metzler, ehemals Geschäftsführer der ZIMA Wohnbau GmbH (jetzige ZM3), mit zahllosen Tochtergesellschaften im In- und Ausland. Ich treffe ihn im Garten seines elterlichen Hauses in Götzis.

Robert Schneider: Ihr Elternhaus steht leer?
Hermann Metzler: Das wird mein Altenteil. Ich werde hier Wohneinheiten bauen und mir eine Wohnung reservieren, aber momentan überlege ich, das Elternhaus Flüchtlingen aus der Ukraine zur Verfügung zu stellen.

Schneider: Erinnern Sie sich an ein erstes Bild in Ihrer Kindheit?
Metzler: Unser Garten. Hühner spazierten herum. Die Mutter hat Gemüse gezogen. Und da war ein kleiner Schopf, wo mein Vater eine Sau gemästet hat, die dann am Jahresende geschlachtet wurde. Das ist ein Bild. Das andere: wir waren noch alle Hausgeburten. Nur mein Bruder Arnold nicht. Der kam in Hohenems auf die Welt. Ich war wohl drei Jahre alt, als der Großvater sagte: Du musst jetzt daheim bleiben. Sie sind losgefahren, um dein Brüderchen abzuholen. Das habe ich nie mehr vergessen.

Schneider: Wie definieren Sie Glück?
Metzler: Ich durfte wirklich viele Glücksmomente in meinem Leben erfahren! Erstens, dass ich eine Jugend verlebt habe, die mit einem Wort unbeschwert war. Dann war eine Mama da, die sich für ihre vier Buben und ein Mädchen selbstlos aufgeopfert hat. Erst viel später erkannte ich, was das bedeutet. Sie ist im Kleinwalsertal auf einer Alm aufgewachsen. Ein ganz großes Glück aber in meinem Leben bestand darin, dass ich im Rahmen meiner Möglichkeiten das Urbedürfnis eines Menschen erfüllen durfte, nämlich ein Dach überm Kopf zu haben. Sei es eine Wohnung, eine Praxis, ein Geschäftslokal. Die Freude in den Gesichtern bei der Übergabe hat sich auf mich übertragen. Glück ist, wenn sich die Freude meines Gegenübers in mir widerspiegelt.

Schneider: In Götzis haben Sie mit dem „Garnmarkt“ ein bahnbrechendes Bauvorhaben realisiert, das wohl einzigartig in Vorarlberg ist. Eine Art Lebenswerk?
Metzler: Meine Devise war immer: ich will Lösungen mit Sicherheit. Natürlich gab es am Anfang Widerstände, denn das Zentrum des Dorfes wurde ja gewissermaßen an einem neuen Platz verschoben. Deshalb haben wir - damals wohl einzigartig - ein geomantisches Gutachten bei der BOKU Wien in Auftrag gegeben. Darin wurde festgelegt, welche Bäume wichtig sind, welche Gebäude. Wo sind die energetischen Quellen? Das ging schon ein wenig ins Chinesische, aber der Professor und seine Studenten haben herausgefunden, dass eine „Layline“ von der Kirche in Klaus, über St. Arbogast zur Ruine Montfort, von der Kirche St. Ulrich bis zur Kirche nach Altach besteht. Das ist die Energielinie. Im Grunde der uralte Karrenweg durch die Dörfer. Auf diese Studie haben wir uns dann bei der Planung der Verkehrsströme gestützt.

Schneider: Ihr Leben liest sich wie ein Bilderbuchleben. Junge aus einfachen Verhältnissen arbeitet sich ins Glück. Gab es keine Brüche?
Metzler: Im Jahr 2000 habe ich alle meine Anteile an den Tochtergesellschaften im Zuge einer Neustrukturierung verkauft. So seltsam es klingen mag, ich fühlte mich auf einmal ganz allein. Weil ich aber jemand bin, der nur in einer Gemeinschaft existieren kann, also mit anderen die Höhen und Tiefen teilen möchte, fiel ich in ein wirklich tiefes Loch. Nennen Sie es Depression oder Burnout. Das hat mich so runtergezogen, dass ich Existenzängste bekam und Tabletten nehmen musste. Ich hatte richtig dunkle Gedanken in jener Zeit. Früher hätte ich zu mir gesagt, reiß dich zusammen, beiß jetzt auf die Zähne! Aber ich hatte nicht mehr die Kraft dazu. Das machte mich hellhörig, und ich verstand plötzlich, weshalb der Eine vor der Arbeit noch schnell den Berg hochrennt, der Andere sich am Abend auf dem Bike extrem auspowert. Weil er niemanden hat, mit dem er über das Problem reden kann. Vielleicht auch gar nicht will, weil einfach die Worte fehlen.

Schneider: Wie haben Sie aus dieser Depression herausgefunden?
Metzler: Durch meine Familie, durch Menschen, die mir zugehört haben, die am wirklichen Hermann interessiert waren.

Robert Schneider
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