GP von Kanada

Wahnsinnsrennen begeisterte die gesamte Sportwelt

Sport
13.06.2011 14:15
Sebastian Vettel wollte vor Wut am liebsten schreien, Jenson Button konnte sein Glück kaum fassen: Das komplett verrückte Vier-Stunden-Drama von Kanada hat die Formel 1 in ein Wellenbad der Gefühle gestürzt und die gesamte Sportwelt begeistert. Dauerregen, Unfälle, 124 Minuten Zwangspause und sechs Safety-Car-Phasen machten das Montreal-Abenteuer schon zum Klassiker, ehe der finale Knalleffekt mit Vettels Fahrfehler zwei Kilometer vor dem Ziel der WM zumindest einen Rest von Spannung bewahrte.

"Wenn man das Rennen eine halbe Runde vor Schluss hergibt, fuchst es einen natürlich", gestand der sichtlich enttäuschte Weltmeister, nachdem er noch Platz zwei vor seinem Red-Bull-Teamkollegen Mark Webber gerettet hatte. "Das war mein schönster Sieg", beteuerte hingegen McLaren-Star Button, der sich weder durch insgesamt fünf Reifenwechsel noch durch eine Durchfahrtsstrafe auf dem Weg zum zehnten Grand-Prix-Sieg seiner Karriere beirren ließ.

"Jenson Button schnappt sich den größten Sieg seiner Karriere in einem aufregenden und chaotischen Kanada-Grand-Prix", huldigte das englische Boulevard-Blatt "The Sun" dem Sieger. "Wahnsinns-Formel 1: In der Sintflut siegt Button. Montreal erlebt eine Achterbahnfahrt der Gefühle", titelte der "Corriere dello Sport" in Italien treffend.

"Der Stoff, aus dem die Träume sind"
Vom letzten Platz aus raste der Engländer unaufhaltsam und entfesselt an die Spitze. "Das ist der Stoff, aus dem die Träume sind", betonte sein sonst so nüchterner Teamchef Martin Whitmarsh. Mit seiner wilden Fahrt, die sogar den imponierenden Husarenritt von Altmeister Michael Schumacher auf Rang vier noch übertraf, verhinderte Button den fast schon sicheren sechsten Sieg von Vettel im siebten Saisonlauf. In der WM ist der 31-Jährige nun als Zweiter mit 60 Punkten Rückstand erster Verfolger des Red-Bull-Stars.

"Es ist noch ein langer Weg", wiederholte Vettel daher sein Motto der vergangenen Wochen. Fast mehr noch als der hauchdünn verpasste sechste Saisonsieg dürfte den Deutschen wurmen, dass diese Niederlage vermeidbar war. Doch zunächst verließen sich Vettel und sein Team zu sehr auf die Führung, anstatt den Vorsprung auszubauen. Dann streikte erneut das Bremsenergie-Rückgewinnungs-System (KERS). Und schließlich zeigte der 23-Jährige mit seinem Ausrutscher in der Schlussrunde erstmals in diesem Jahr eine Schwäche.

Rowdy Hamilton früh ausgeschieden
Dabei schien im Kanada-Krimi lange alles für Vettel zu laufen. Renn-Rowdy Lewis Hamilton verabschiedete sich nach einem Crash mit Button früh und wurde in der McLaren-Box von Musik-Megastar Rihanna getröstet. Fernando Alonso krachte in seinem Ferrari ebenfalls mit Button zusammen, fiel aus und verlor im Titelkampf noch mehr an Boden. "Es ging einfach alles daneben", klagte der Spanier. "Ferrari geht in einem total verrückten Rennen unter", schrieb "La Repubblica".

Andere hatten dagegen deutlich mehr Spaß an der Wetterlotterie mit extremer Überlänge. "Es war das beste Rennen der Saison", urteilte Mercedes-Motorsportchef Norbert Haug überschwänglich. In dem vor unerwarteten Wendungen strotzenden Grand Prix auf dem Circuit Gilles Villeneuve drohte den Silberpfeilen bis zum Abbruch eine weitere Schmach. Doch nach dem Neustart rauschte Rekordchampion Schumacher bis auf Platz zwei, griff sogar Vettel an und musste erst kurz vor Ende sein erstes Podium für Mercedes verloren geben. "Sehr viel Spaß" habe es ihm gemacht, verriet der 42-Jährige gewohnt cool.

Red-Bull-Teamchef lobt Vettel
Mit etwas Abstand konnte auch sein Freund Vettel dem seltsamen Tag auf der Ile Notre-Dame im St.-Lorenz-Strom noch etwas Positives abgewinnen. "Es hätten auch null Punkte sein können", bemerkte der Hesse. "Am Ende kann ein zweiter Platz nicht schaden." 161 Punkte hat er nun auf dem Konto, nur 14 fehlen zum Maximum. "Das ist schon eine Leistung", lobte Teamchef Christian Horner seine Nummer eins. Für die spanische Sportzeitung "Marca" ist die Sache schon klar: "Die WM ist praktisch entschieden."

Vettel kann sich heuer eigentlich nur noch selbst schlagen. Nur ein kapitaler Einbruch kann Vettels zweiten Titel noch verhindern. Button war in diesem Jahr ebenso wenig konstant genug wie Webber, der als WM-Dritter 67 Zähler Rückstand auf seinen deutschen Teamkollegen aufweist. Noch weiter weg sind Hamilton (76 Zähler Rückstand) und Vize-Weltmeister Alonso, der als Fünfter bereits 92 Punkte zurückliegt. "Ich muss mich jetzt einfach auf das nächste Rennen und den Rest der Saison konzentrieren", sagte Hamilton kleinlaut. Nur Alonso wagte eine Kampfansage an Vettel: "Die WM ist noch nicht vorbei!"

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