20.03.2022 11:00 |

Filzmaier & Thalhammer

Wenn der Arzt Politiker wäre ...

Seit rund drei Wochen haben wir fast keine Corona-Regeln. Das Covid-19-Impfpflichtgesetz wurde ausgesetzt. Nun gibt es täglich bis zu 50.000 und mehr Infektionen und eine zweistellige Totenzahl. In den Spitälern liegen Tausende an Corona erkrankte Menschen. Politikwissenschafter Peter Filzmaier hat den Top-Infektiologen Florian Thalhammer gefragt, was er als Politiker dazu sagen würde.

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Peter Filzmaier: Der oberösterreichische Landeshauptmann Thomas Stelzer hat vor ein paar Tagen gefordert, dass mit dem Coronavirus infizierte Personen nicht in Quarantäne müssen. Allerdings will er das nur in Absprache mit Gesundheitsexperten durchsetzen. Sind Sie einer dieser Experten?
Florian Thalhammer: Nein, ich bin klinischer Infektiologe und kein „GECKO“.

GECKO ist die Abkürzung für das Gremium zur Krisenkoordination in der Pandemiebekämpfung. Aber warum betonen Sie so sehr, dass Sie im klinischen Bereich arbeiten, also für die Patientenbetreuung zuständig sind?
Weil die GECKO Empfehlungen abgibt und kein einziges Mitglied hat, das im Krankenhaus Patienten betreut. Die sogenannte Ampelkommission übrigens auch nicht.

Aber was halten Sie von Herrn Stelzers Idee? Würden Sie einem Politiker empfehlen, dass jemand, der symptomlos mit dem Virus infiziert ist, sich an keinerlei Regeln mehr halten muss?
Nein, das würde ich keinem Politiker empfehlen. Doch offensichtlich halten sich viele Österreicher sowieso an keine Regeln. Eigenverantwortung ist ein Fremdwort und sollte aus dem Duden gestrichen werden. Also hofft man in der Politik nur noch auf eine natürliche Immunisierung der Bevölkerung mittels Durchseuchung. Leider wissen wir nicht, ob das funktioniert.

Sie sind Mediziner und kein Politiker. Doch möchte ich Sie überreden, dass Sie für unser Gespräch mit Ihrem Fachwissen auch in die Politikerrolle schlüpfen. In Ordnung?
Ja, versuchen wir es. Politiker geben ja oft nichtssagende Antworten, oder? Ich werde mich bemühen, nicht um den heißen Brei herumzureden.

Wenn Sie Politiker wären, hätten Sie trotz steigender Infektionszahlen Maßnahmen wie die Maskenpflicht und 2G-Regeln aufgehoben?
Das würde ich nur machen, wenn ich einzig und allein an meine Wiederwahl denke. Aber als verantwortungsbewusster Politiker? Nein! Weder hätte ich die Maskenpflicht in Innenräumen abgeschafft, noch jemals aus der 2G-Regelung eine 3G-Regel gemacht. Denn warum soll sich irgendjemand impfen lassen, wenn er mit einem Gratistest sowieso alles machen darf?

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Ich sage: Ja, die Zeit zur Abschaffung der Gratistests ist gekommen.

Florian Thalhammer

Würden Sie demzufolge als Politiker die Gratistests für alle jetzt komplett abschaffen?
Als Politiker würde ich nun „Jein“ sagen und schwafeln. Ich sage: Ja, die Zeit zur Abschaffung der Gratistests ist gekommen. Nur in zwei Bereichen muss es weiterhin kostenlose Tests geben: zur Diagnose bei Menschen mit Symptomen und in der systemkritischen Infrastruktur vom Krankenhaus bis zum Energieversorger. Doch ohne Tests muss eben an vielen Orten 2G gelten. Veranstaltungen aller Art etwa soll nur besuchen können, wer geimpft oder genesen ist.

Gehen wir als theoretisches Beispiel davon aus, meine Familie ist mit dem Virus infiziert. Ich wäre als dreimal Geimpfter keine Kontaktperson und müsste nicht zu Hause bleiben, kann mich aber ab Ende März auch nicht oft genug gratis testen lassen. Ist das als politische Entscheidung richtig oder falsch?
Es ist richtig. Wir haben die Erfahrung gemacht, dass viele dreifach geimpfte Personen sich anstecken, jedoch symptomlose bis milde Verläufe haben. Die Impfung hilft! Sie haben ja die Möglichkeit, sich auf eigene Kosten zu testen. Für kranke Personen sind die Tests weiterhin kostenlos.

Die Politik gibt vor, dass mit der neuen Omikron-Variante BA.2 infizierte Personen sich nach fünf Tagen freitesten können. Zugleich häufen sich Meldungen, dass man trotzdem länger ansteckend sein kann. Wie erklären Sie das?
Die Realität holt uns ein, wir haben sonst einfach viel zu viele Personen in Quarantäne, die im Arbeitsprozess fehlen. Das Tragen einer Maske und ein CT-Wert von über 30 erlauben ein Freitesten ab dem fünften Tag. Man muss nur die Maske konsequent und richtig tragen. Ab Tag zehn werden auch bei Omikron keine ansteckenden Viren mehr ausgeschieden.

Neue Impfungen gibt es fast gar keine mehr. Angenommen, Sie wären Politiker: Glauben Sie, dass sich irgendwann viele Menschen impfen lassen, nachdem wir eine Impfpflicht im November überraschend und mit strengen Strafen angekündigt, im Februar ohne Sanktionen eingeführt und nun ausgesetzt haben?
Nein. Auch daran ist 3G mitschuldig. Wer statt geimpft oder genesen auch getestet sein kann, denkt über eine Impfung nicht einmal mehr nach. 3G in Lokalen und so weiter war eine klassische politische Fehlentscheidung. Nach dem Motto „Wasch mir den Pelz, aber mach mich nicht nass!“

Was würden Sie als Politiker denken, wenn die Generaldirektorin für öffentliche Gesundheit - Katharina Reich - als Chefin der Krisenkoordination GECKO für die Aufhebung der Corona-Regeln war, als Vorsitzende der Ampelkommission jedoch wenig später für die Wiedereinführung von Maßnahmen war, um nur eine Stunde später wiederum zurückzurudern?
Wenn es nicht ihr persönlicher Fehler war, bleibt nur politische Einflussnahme als möglicher Grund. Wir bräuchten ein politisch unabhängiges Institut in Analogie zum deutschen Robert-Koch-Institut.

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Föderalismus ist wichtig, doch beim Management einer Pandemie die falsche Herangehensweise.

Florian Thalhammer

Jetzt werden Masken in Innenräumen wieder eingeführt, also hat man bisher nicht alles richtig gemacht. Was haben Sie als Politiker aus der laufenden Pandemie gelernt?
Föderalismus ist wichtig, doch beim Management einer Pandemie die falsche Herangehensweise. Jetzt stehen wir durch die Fluchtbewegungen aus der Ukraine auch infektiologisch vor neuen Herausforderungen. Da würde ich mir eine zentrale Rolle des Gesundheitsministeriums mit klaren und einheitlichen Vorschriften wünschen und nicht das übliche Delegieren an die Länder.

War es schlimm, in der Politikerrolle zu sein?
Ja, das war es. Aber anders als ich sind ja die wirklichen Politiker selbst schuld, dass so vieles in der Corona-Politik kaum noch zu erklären ist. Daher habe ich kein Mitleid.

Zur Person Florian Thalhammer

Florian Thalhammer ist Infektiologe an der Medizinischen Universität Wien, Stellvertretender Ärztlicher Direktor und Epidemiearzt am Universitätsklinikum Allgemeines Krankenhaus (AKH) sowie Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Infektionskrankheiten und Tropenmedizin (ÖGIT).

Zur Person Peter Filzmaier

Peter Filzmaier ist Professor für Politikwissenschaft an der Donau-Universität Krems und der Karl-Franzens-Universität Graz sowie Leiter des Instituts für Strategieanalysen (ISA) in Wien.

Peter Filzmaier
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