31.01.2022 08:45 |

„Krone“-Kolumne

Angst vorm Frauenarzt: Tastuntersuchung notwendig?

Soziologin und Sexualpädagogin Barbara Rothmüller mit neuen Informationen zu gynäkologischen Routineuntersuchungen.

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Dass Frauenärztinnen und -ärzte bei Untersuchungen grob und unfreundlich sind, hat Lena aus den Gesprächen zwischen den Freundinnen ihrer Mutter herausgehört. Wie die junge Frau in einem Onlineforum gesteht, kann sie deshalb vor ihrem Gyn-Termin drei Nächte lang nicht schlafen. Auch andere Frauen berichten von „panischer Angst vorm Frauenarzt“ und Stress, wenn wieder der jährliche Routinecheck ansteht. Manche sogar, obwohl sie noch nie bei einer gynäkologischen Untersuchung waren.

Studien zeigen, dass gynäkologische Vorsorge-Untersuchungen zu jenen Untersuchungen zählen, vor denen Menschen am meisten Angst haben. Jede zweite Frauen ist davon betroffen, junge Mädchen sogar noch häufiger. Neben dem Alter sind auch religiöse Gründe und sexuelle Traumatisierungen ein Risikofaktor für erhöhte Ängste. Unbehagen, Schmerzen und Scham und können Menschen davon abhalten, überhaupt zum Frauenarzt zu gehen. Was viele nicht wissen: Nicht alle Untersuchungen beim Gynäkologen sind überhaupt notwendig.

In den letzten Jahren wird der Nutzen von bestimmten gynäkologischen Routine-Untersuchungen immer mehr infrage gestellt. Kritik richtet sich vor allem gegen die klassische Tastuntersuchung, bei der der Arzt oder die Ärztin zwei Finger in die Scheide einführt, um die Gebärmutter zu untersuchen. Gynäkologische Fachgesellschaften empfehlen diese Untersuchung nicht mehr als Teil der jährlichen Routinekontrolle.

Eine Studie aus den USA hat 2020 gezeigt, dass mehr als die Hälfte der gynäkologischen Tastuntersuchungen bei Mädchen und Frauen zwischen 15 und 20 Jahren potenziell unnötig sind. Einen Nutzen hat die Untersuchung nur bei Hochrisikopatientinnen, für einen gynäkologischen Tumor etwa, aber nicht bei der breiten Masse an Frauen ohne Symptome oder Risikofaktoren. Stattdessen wird empfohlen, dass Ärztin und Patientin gemeinsam von Fall zu Fall entscheiden, ob es eine Notwendigkeit für die Untersuchung gibt oder nicht.

Außerdem können jungen Frauen verschiedene Hilfestellungen angeboten werden, um die so angstbesetzte invasive Untersuchung (wenn sie notwendig ist) psychisch gut zu bewältigen. Expertinnen fordern u.a. mehr Informationen über gynäkologische Untersuchungen für junge Mädchen, und zwar Informationen, die mitbedenken, wie viel Stress ihnen dieser Arztbesuch häufig bereitet. Sexuelle Bildung sollte Mädchen deshalb empowern, d.h. so weit unterstützen, dass sie selbstbestimmt mit der Gynäkologin die notwendigen Untersuchungen besprechen können. Junge Frauen wie Lena haben ihre Angst vor Gynäkologen durch die schlechten Erfahrungen aus ihrem Bekanntenkreis gelernt. Wenn sich auch gute Erfahrungen herumsprechen, können Mädchen hoffentlich in Zukunft den Wissensaustausch beim Arzt nicht mehr nur als bedrohlich sondern auch als unterstützend erleben.

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Barbara Rothmüller
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