02.12.2021 08:00 |

„Krone“-Kolumne

Selbstbestimmung bei ärztlichen Untersuchungen

Soziologin und Sexualpädagogin Barbara Rothmüller diesmal über Selbstbestimmung bei ärztlichen Untersuchungen.

Manche Menschen lassen genitale Untersuchungen kalt. Junge Frauen finden es allerdings meist schrecklich, wenn sie sich ausziehen und auf einem gynäkologischen Stuhl untersuchen lassen sollen. Dabei kann man einen ärztlichen Beratungstermin auch wahrnehmen ohne Intimuntersuchung - bzw. vor Ort entscheiden, ob man einer Untersuchung zustimmt oder nicht. Für Frauen mit sexuellen Gewalterfahrungen in der Biografie ist eine gynäkologische Untersuchung manchmal schon Tage vor dem Arzttermin ein Horrortrip. Einige waren deshalb bereits jahrelang nicht mehr bei einer Frauenärztin.

Frauenärzte können mit einem unsensiblen Vorgehen bei intimen Untersuchungen Leid hervorrufen und traumatische Vorerfahrungen re-aktivieren. Selten, aber manchmal doch, ist das Verhalten der Ärzte selbst traumatisierend. Immer wieder berichten Frauen von gewaltvollen Erfahrungen bei der Geburt eines Kindes. Zuletzt wurden sexuelle Übergriffe von einem alternativmedizinischen Arzt vor Gericht verhandelt, der nicht-indizierte Behandlungen im Genitalbereich vorgenommen haben soll. Solche Berichte machen vielen Frauen Angst. Egal ob Missbrauch der ärztlichen Autorität oder sorgloser Umgang mit den Grenzen anderer Menschen: Das Recht von Frauen, über ihren Körper selbst zu bestimmen, endet nicht bei der Eingangstür in die Arztpraxis.

In den 1970er Jahren war es in feministischen Kreisen verbreitet, sich gynäkologisch selbst zu untersuchen. Man wollte sich Frauenärzten nicht so ausgeliefert fühlen und war den „frauenverachtenden Techniken“ der Ärzte gegenüber kritisch eingestellt. Viele Frauen hatten (und haben bis heute) ihre Intimorgane noch nie selbst angesehen. Sie wissen nicht, was es bedeutet, wenn Vulva und Vagina ihr Aussehen oder ihren Geruch verändern. Feministinnen wollten dieses Wissen nicht mehr Männern überlassen. Sie gründeten in Folge feministische Frauengesundheitszentren, die es mittlerweile in vielen Städten gibt.

Seit den 1970er Jahren hat sich im Bereich Gynäkologie und Geburtshilfe viel getan. Zum Glück sind soziale Kompetenzen mittlerweile ein Kriterium, um zum Medizinstudium zugelassen zu werden. Es gibt viele tolle und engagierte Gynäkologinnen. Online-Bewertungen anderer Patientinnen können bei der Auswahl hilfreich sein. Auch wenn viele gute Ärztinnen eine übervolle Praxis und lange Wartezeiten haben: Es zahlt sich aus, dranzubleiben und eine für sich passende Frauenärztin zu suchen.

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Barbara Rothmüller
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