04.01.2005 12:22 |

"Das ist wie im Film"

Katastrophen zwischen Fiktion und Realität

Es sind Bilder des Schreckens, die in diesen Tagen über die Fernsehbildschirme flimmern. Manchmal ist das Grauen in Asien selbst für den Zuschauer kaum auszuhalten, die Aufnahmen der Leichenberge, der absoluten Zerstörung, der Verzweiflung und Trauer. Und dennoch ist da manchmal dieser Gedanke: "Das habe ich doch schon mal gesehen?!" Schließlich sind Katastrophen im Film schon hundertfach auf Leinwand gebannt worden - fiktive Katastrophen, erfundene Geschichten, unwirkliche Apokalypsen. Diesmal ist die Katastrophe Wirklichkeit, und paradoxerweise ist sie vielleicht gerade deshalb so schwer zu fassen.
Einer der ersten Filme, die eine Naturkatastrophethematisierten, war "San Francisco" (1936), in dem in den letzten20 Minuten das große Erdbeben von 1906 über die Stadthereinbricht. Aber erst in den 70er Jahren erlebte das Genre "Katastrophenfilme"einen wahren Boom, angefangen bei "Die Höllenfahrt der Poseidon"über "Flammendes Inferno" bis hin zur "Airport"-Reihe, diedamals unglaubliche 45 Millionen Dollar einspielte.
 
"In jedem von uns steckt ein Voyeur"
Seither bannten Wirbelstürme ("Twister"), Vulkanausbrüche("Dantes Peak"), Schiffsunglücke ("Titanic") und Überschwemmungen("Hard Rain") ein Millionenpublikum vor die Kinoleinwände.Aber was fesselt die Menschen so an Zerstörung, Leid undPanik? "In jedem von uns steckt ein Voyeur und davon nehme ichmich nicht aus", versuchte Dennis Quaid, Protagonist aus dem Flut-und Eissturm-Epos "The Day After Tomorrow", das Phänomeneinmal zu erklären.
 
"Unglücksfälle - und Katastrophenfilmeim Allgemeinen - scheinen menschliche Gefühle aufzuwühlen",sagt Quaid. "Ich glaube, die Leute spielen gerne mit dem "Waswäre wenn"-Gedanken." Aber so oft sie auch mit ihm gespielthaben mögen - als der "Was wäre wenn"-Gedanke am zweitenWeihnachtstag plötzlich Realität wurde, war wohl niemandauf die erschreckenden Fernsehbilder vorbereitet. Und selbst einemdeutschen Urlauber, der in Thailand Zeuge der Tragödie wurdeund seine Videokamera auf die hereinbrechenden Flutwellen hielt,entfuhr es spontan: "Das ist ja wie im Film!"
 
Einer der derzeit bekanntesten Produzenten von Katastrophenfilmenist Roland Emmerich ("Godzilla", "Independence Day"). Erst kürzlichhat er mit "The Day After Tomorrow" eine Apokalypse verfilmt,die der Tsunami-Tragödie von Südostasien erschreckendähnelt. "Wenn die Welt untergeht, reflektiert man gezwungenermaßenauch sein eigenes Leben", sagt er. "Das Publikum eines Katastrophenfilmsweiß das. Automatisch stellt man sich Fragen über dieeigene Existenz sowie über Vorlieben und Abneigungen. Soetwas ist gleichzeitig aufregend und beängstigend", so Emmerich.Im Film gibt es zudem immer einen Helden - und der Zuschauer schlüpfteben gerne in die Rolle des bewunderten Weltretters.
 
Aber angesichts der Fernsehbilder aus Asien fühlensich die Menschen derzeit nur noch hilflos, der Held der Geschichtefehlt, und der Sieger ist die Natur.
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