09.01.2022 06:00 |

Filzmaier analysiert

Coronavirus als Generationenkonflikt

Morgen ist der erste Schultag nach den Weihnachtsferien. Trotz Masken im Freien und mehr Heimarbeit für Berufstätige bleiben die Schulen offen. Wir alle sind durch die Coronapandemie betroffen. Deren Gefahren und Auswirkungen sind aber nicht für alle gleich. Die persönliche Betroffenheit hängt davon ab, ob man jung oder alt ist. Was zu heftigen Konflikten führen kann.

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1. Knapp weniger als ein Fünftel der in Österreich lebenden Menschen ist unter 20 Jahre jung. Genauso viele - nämlich über jeweils 1,7 Millionen aus der heimischen Wohnbevölkerung - sind 65 Jahre oder älter. Diese Zahlen der Statistik Austria belegen, dass wir zwei gleich große Gruppen haben, die entweder ein vergleichsweise geringes Risiko einer schweren Erkrankung mit dem Virus haben oder bereits rein vom Alter her einer Risikogruppe angehören.

2. Hinzu kommt, dass Pensionisten naturgemäß bei Lockdowns - oder durch eine längere statt kürzerer Quarantäne für Infizierte und Kontaktpersonen - weder auf ihre Ausbildung verzichten müssen noch einen Arbeitsplatz verlieren oder keinen solchen bekommen. Die Jugend schon. Vordergründig betrachtet, gibt es daher einen massiven Interessenkonflikt der Altersgruppen, welche strengeren oder milderen Maßnahmen gegen die Pandemie ergriffen werden. Ohne dass jemand daran „schuld“ ist.

3. Was tun? Gesellschaftlich müsste man in der Coronapolitik die Quadratur des Kreises schaffen und die schutzwürdigen Interessen von Teenagern und Oldies genau gleich berücksichtigen. Doch sind die Gruppen nach Alter in einer Hinsicht sehr ungleich. Weil man erst ab 16 Jahren wahlberechtigt ist, gibt es mehr als doppelt so viele über 80(!)-jährige Wähler als Jungwähler. Mit anderen Worten: Denken Regierung und Regierungsparteien wahltaktisch, machen sie politisch in der Pandemie das, was „die Alten“ wollen.

4. Wobei die Sache etwas komplexer ist. Die ÖVP wird besonders häufig von den Pensionisten gewählt, die Wählerschaft der Grünen ist vergleichsweise sehr jung. Ebenso ist das Durchschnittsalter in Städten geringer als auf dem Land. Hoffentlich kommt es somit bei der Pandemiebekämpfung nicht zur Uneinigkeit in der Regierung oder zwischen Stadt und Land, da man unterschiedliche Zielgruppen hat.

5. Einfach scheint das alles freilich auch aus gesundheitlicher Sicht nicht zu sein. Der Mikrobiologe Michael Wagner von der Universität Wien und andere Wissenschafter werden der wichtigen Hinweise nicht müde, dass bei extrem vielen Omikronansteckungen unter Kindern es trotz des niedrigen Prozentsatzes von Krankenhausaufenthalten insgesamt viel zu viele schwere Fälle von sehr jungen Menschen geben wird. Das ist eigentlich einfachste Mathematik.

6. Zudem können Kinder - obwohl statistisch gesehen ein sehr kleiner Teil von ihnen stirbt - sogar bei leichtem Krankheitsverlauf an Langzeitfolgen („Long Covid“) leiden. Oder als Treiber der Infektionen ihre Großeltern ernsthaft anstecken. Oder die Eltern ungewollt und unschuldig arbeitsunfähig mit Verdienstentfall und Geldmangel machen, wenn sie das Virus in der Familie übertragen. Es ist demzufolge wirklich kompliziert.

7. Also Schulen zu? Diese Entscheidung ist schwierig. Mehr als die Hälfte der österreichischen Schülerinnen und Schüler zeigten schon im letzten Coronawinter depressive Symptome wie Ängste und Schlafstörungen. Das sagt eine Studie der Donau-Universität Krems und der Medizinischen Universität Wien.

8. Alarmierend sind auch massiv zunehmende Essstörungen, Drogenkonsum und Selbstverletzungen. Zusätzlich tragisch ist, dass es in unserem Gesundheitssystem kaum genug psychotherapeutische Betreuung für die Jüngsten gibt.

9. Alles Corona, oder was? Schulkinder sind gleichfalls ein bildungspolitisches Opfer der Pandemie. Natürlich ist es gerade in der Omikronwelle eine Schlüsselfrage, ob Schulen geöffnet bleiben oder nicht. Wie unsere Kinder lernen sollen, das ist aber mehr als eine gesundheitliche und pädagogische Abwägung von Präsenz- oder Heimunterricht. Gefühlt haben wir alle über Lehrinhalte und die Vermittlung von Grundkompetenzen je nach Schultyp und Unterrichtsfach in den vergangenen zwei Jahren höchstens ein paar Minuten diskutiert.

10. Für Gedanken über die moderne Schule bleibt schlicht keine Zeit. Haben Sie gehofft, dass es am Textende eine Befriedung des Konflikts der jungen und älteren Generation gibt, welche Coronamaßnahmen in den Schulen und für junge Menschen gelten sollen? Das ist leider nicht möglich.

Doch im Internet beschimpfen sich Vertreter unterschiedlicher Standpunkte mit einer Heftigkeit am Rande des gegenseitigen Vorwurfs, Mörder zu sein, weil man indirekt Menschenleben von Mädchen und Burschen oder Omas und Opas aufs Spiel setzt. Der Text ist nicht mehr als ein Versuch, um Verständnis zu bitten - ja, das gilt auch und vor allem für politische Entscheidungsträger -, wie schwierig es ist, das Richtige zu tun.

Peter Filzmaier
Peter Filzmaier
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