19.11.2021 10:46 |

„Krone“-Kolumne

Keine Angst vor der Welt der Fantasien

Soziologin und Sexualpädagogin Barbara Rothmüller über Scham und gehemmte Sexualität.

In ihren sexuellen Fantasien sind die meisten Menschen sehr experimentierfreudig, um es einmal neutral auszudrücken. Dass davon kaum etwas in die Realität umgesetzt wird, ist nicht ungewöhnlich - und bei manchen Fantasien vielleicht auch besser so. Wenn Menschen allerdings von Sexualität nur mehr träumen, und sich nichts davon zu erleben trauen, wird die Fantasiewelt ein schambehafteter Sehnsuchtsort, für dessen Besuch man sich nachträglich schlecht und schuldig fühlt. Warum eigentlich?

Wer sich lustvolle erotische Fantasien verbietet und bei bestimmten, moralisch „verwerflichen“ Gedanken unerträglich schlecht fühlt, ist von einem Erfahrungsraum abgeschnitten. Manchmal kann es entlastend sein, alle möglichen unmöglichen Dinge zu denken. Wie man das Auto des erfolgreichen Kollegen kaputtschlägt. Wem man das geheime Geheimnis der besten Freundin erzählen wird, um sich für die jüngste Enttäuschung zu revanchieren. Wie man jemand zum Sex zwingt - oder selbst dazu gezwungen wird. Gewaltvolle und schmutzige Fantasien sind erstmal nicht mehr als persönliche Gedanken.

Solange man fein säuberlich Gedanken und Handlungen trennt (und das gelingt den meisten Menschen sehr gut), ist die Fantasie das Freieste, was Menschen an Freiheit erleben können. Im Denken kann man eine unglaubliche Reichhaltigkeit erfahren, die fast immer sehr viel größer ist als die Möglichkeiten des konkreten Lebens. Und wer weiß, vielleicht wird man manchen der aufregenden, erotischen Bilder im Laufe seines Lebens in Wirklichkeit begegnen?

Zu viel Sexualmoral hemmt allerdings manchmal die Entwicklung lustvoller Fantasien. Wenn Menschen selbst kleine erotische Anstiftungen im Kopfkino rigide verhindern, können sie ihre sexuellen Bedürfnisse nicht mehr spüren und als wertvollen Teil ihrer selbst begreifen. Einige schaffen es deshalb ihr Leben lang nicht, den Sex zu haben, den sie sich eigentlich wünschen. Aber selbst in diesem Fall: Wäre es dann nicht schön, wenigstens gedanklich das volle Spektrum an Sex-Fantasien genossen zu haben? Man muss nicht so viel Angst vor den Gedanken, vor der Welt der Fantasien haben.

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Barbara Rothmüller
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