21.03.2011 11:32 |

Bomben und Müll

Der Pazifik: Über Jahrzehnte eine atomare Spielwiese

Während Japan derzeit gegen die drohende atomare Katastrophe ankämpft, hat Matashichi Oishi seinen persönlichen Super-GAU schon lange hinter sich: Am 1. März 1954 war der Fischer Augenzeuge der Explosion der ersten Wasserstoffbombe - gezündet von den USA auf dem Bikini-Atoll. Die Vereinigten Staaten, Frankreich und Großbritannien bedienten sich nach dem Zweiten Weltkrieg ungeniert des Pazifiks, um ihre Bomben zu testen. Russland wiederum versenkte nahe der japanischen Küste über Jahrzehnte hinweg massenweise seinen Atommüll im Ozean.

Als Oishi im März 1954 nach zwei Wochen mit seinen Kollegen in den Hafen von Okinawa einlief, hatten einige der Männer bereits die Haare verloren, Verbrennungen auf der Haut und waren ausgebleicht. Japan war nach Hiroshima und Nagasaki neuerlich Zeuge militärisch eingesetzter Atomkraft geworden. Der sogenannte Bravo-Test hatte eine tausendmal höhere Sprengkraft als die Bombe von Hiroshima.

Die Fischer litten an Durchfall, die Zahl ihrer weißen Blutkörperchen war gefährlich niedrig. Der Funker des Fischerboots starb sechs Monate später, Überlebende erkrankten an Krebs. Die USA zahlten 1955 zwei Millionen Dollar Entschädigung an Japan, womit auch die Kosten für medizinische Behandlung und Schäden für die Fischerei-Industrie abgegolten wurden. Oishi, der selbst seit damals mit gesundheitlichen Problemen kämpft, startete nach all diesen Erfahrungen in den 80er-Jahren eine vielbeachtete Vortragsserie über Atomtests an Schulen, in Museen und bei Versammlungen in ganz Japan.

USA setzten Inselbewohner bewusst der Strahlung aus
Die USA führten von 1946 bis 1958 66 Atomtests rund um die mikronesischen Marshall-Inseln durch, zu denen auch das Bikini-Atoll gehört (im 2. Bild v. li. ein US-Test im Jahr 1946). Washington hat inzwischen offiziell eingestanden, dass die Inselbewohner teils bewusst der radioaktiven Strahlung ausgesetzt wurden, um die Folgen eines Atomkrieges zu untersuchen. 1983 ließen die Vereinigten Staaten dann den inzwischen unabhängigen Marshall-Inseln 184 Millionen Dollar Schadensersatz zukommen.

Ehemalige Bewohner des Bikini benachbarten Rongelap-Atolls, die bei dem Test im Jahr 1954 erst 48 Stunden nach der Explosion evakuiert wurden, kämpfen jedoch immer noch um die Anerkennung ihrer Schäden. Die Atom-Flüchtlinge kehrten drei Jahre später zurück und mussten ihre verstrahlten Inseln 1985 neuerlich verlassen, nachdem sich Folgen der Atomtests gezeigt hatten: Krebserkrankungen und tot oder mit Missbildungen geborene Kinder.

Seit damals leben die Menschen auf dem Kwajalein-Atoll - und im Oktober 2011 läuft eine Frist aus: Entweder sie kehren auf Rongelap zurück oder die USA stellen ihre Finanzhilfe ein. 45 Millionen Dollar hat Washington in das Atoll investiert, die Strahlung ist nach ihren Angaben nunmehr niedriger als die Normalwerte in den USA und Europa. Die früheren Bewohner des Atolls kontern hingegen, nur die Hauptinsel sei gesäubert worden - nicht aber die rund 60 kleinen Inseln, von denen einige landwirtschaftlich genutzt wurden.

Frankreich zündete in Polynesien insgesamt 190 Bomben
Frankreich nutzte polynesische Atolle von 1964 an über 30 Jahre lang für Atomtests, die zuvor bis zur Unabhängigkeit Algeriens im Jahr 1962 in der nordafrikanischen Kolonie durchgeführt worden waren. Auf den Atollen Mururoa (Bild li.) und Fangataufa fanden 41 Explosionen in der Atmosphäre und 149 unterirdische Kernversuche (im 2. Bild v. re. französische Techniker bei den Vorbereitungen zu einem Test 1995) statt. Erst 1996 stellte der Staat unter Präsident Jacques Chirac nach weltweiten Protesten (Bild re.) die Versuche ein. Ein Jahr zuvor versenkten französische Agenten des Auslandsnachrichtendienstes sogar das Greenpeace-Forschungsschiff "Rainbow Warrior", dessen Besatzung weitere Atomtests auf Mururoa verhindern wollte und in einem neuseeländischen Hafen vor Anker lag. Dabei kam ein Fotograf ums Leben, als er versuchte, seine Ausrüstung aus der Kabine zu retten.

Mururoa ist längst Sperrgebiet, in Bohrschächten lagern nach wie vor große Mengen radioaktiven Abfalls. Das Magazin "New Scientist" berichtete 1998 unter Berufung auf einen Forschungsbericht der Internationalen Atomenergieorganisation, "mehrere Kilogramm" Plutonium lagerten im Sediment der Lagunen von Mururoa und Fangataufa. Radioaktives Tritium gelange aus Höhlen, die bei den unterirdischen Tests entstanden, ins Meereswasser.

Großbritannien mit neun Tests nahezu "rücksichtsvoll"
Angesichts dieser Fakten und Zahlen war Großbritannien in seinem Umgang mit dem Pazifik vergleichsweise "rücksichtsvoll": Neun Atomtests wurden auf den damaligen Christmas Islands und auf Malden island durchgeführt, ehe das Land sich dem Verbot oberirdischer Tests anschloss und seine Versuche in Kooperation mit den USA unterirdisch im Bundesstaat Nevada durchführte.

Russland versenkte Nuklearmüll und verlor Atom-U-Boote
Russland stand als pazifischer Atom-Sünder erst in den 1990er-Jahren am Pranger: Damals wurde bekannt, dass mindestens drei Jahrzehnte lang radioaktiver Abfall unter anderem im Pazifischen Ozean nahe der japanischen Küste entsorgt wurde. Die Pazifik-Flotte Moskaus hatte laut 1993 erschienenen Medienberichten fast 7.000 Container im Meer versenkt, große Mengen flüssiger radioaktiver Stoffe sollen direkt in den Ozean geleitet worden sein. Im Jahr 2001 wurde ein russischer Journalist wegen seiner Berichte über die Lagerung von Atommüll im Pazifik zu vier Jahren Haft verurteilt. Schuldig gesprochen wurde er von einem Militärgericht in Wladiwostok wegen Spionage und Hochverrats - der frühere Marine-Offizier hatte 1997 Informationen an das staatliche japanische Fernsehen weitergegeben.

Abgesehen von radioaktiven Abfällen lagern aber auch Atom-U-Boote in den Tiefen des Ozeans. 1968 wurde nach Erkenntnissen der USA ein sowjetisches U-Boot mit Atomraketen an Bord nordwestlich von Hawaii von einer Explosion zerrissen, dabei starben 80 Menschen. 1980 sank dann ein sowjetisches U-Boot der "Echo"-Klasse mit 100 Mann Besatzung 140 Kilometer östlich von Okinawa. Und 1983 schließlich ging ein ebenfalls sowjetisches Atom-Unterseeboot mit 90 Besatzungsmitgliedern vor der Halbinsel Kamtschatka unter.

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