Museum im Narrenturm

Der „blaue Heinrich“ und das Plüschcorona

Bei der Neueröffnung der pathologisch-anatomischen Sammlung in Wien geht es nicht ums Gruseln, sondern um Wissensvermittlung. Wir waren dabei und durften den ersten Blick in das denkmalgeschützte Gebäude werfen, das 1784 für die Pflege von psychisch kranken Menschen erbaut wurde.

Nicht weniger als sieben verschiedene Muskeln sind nötig, um den Arm nach innen zu drehen (Innenrotation). Im alltäglichen Bewegungsablauf wird aber kaum jemand darüber nachdenken. Bis zu dem Zeitpunkt, wo das nicht mehr funktioniert, Schmerzen bereitet oder durch Verletzung gestört ist. Dann sind fundierte anatomische Kenntnisse des Behandlers vonnöten, um die passende Therapie zu finden. Daher beschäftigen sich Mediziner seit der Antike mit der Pathologie des Menschen. „Pathologikós“ bezeichnete im alten Rom jemanden, der „kundig im wissenschaftlichen Umgang mit Krankheit ist“.

Vom Seziertisch zum Elektronenmikroskop
Aber erst im 18. Jahrhundert wurde im italienischen Padua vom Arzt Giovanni Battista Morgagni fleißig seziert und - die pathologische Anatomie entstand. In Wien kam ab 1796 auf diese Weise eine 50.000 Präparate umfassende Sammlung zu Lehrzwecken zustande. Später wurden Mikroskope verwendet, welche kleinste feingewebliche Strukturen darstellen konnten (Histologie). Das mündete in heutzutage gebräuchliche digitale Analysen der Molekularpathologie und Gensequenzierung. Diese Entwicklung präsentiert nun das Naturhistorische Museum, NHM, als Neuaufstellung der pathologisch-anatomischen Sammlung im renovierten „Narrenturm“ am Campus des Alten AKH in Wien. Es finden sich historische Exponate wie Feuchtpräparate (Körper und Körperteile in Flüssigkeit konserviert), Moulagen (Wachsmodelle), Knochen und Skelette.

Eine Monsterschau mit Gruselfaktor sollte es keinesfalls werden, wie Dr. Katrin Vohland, Generaldirektorin des NHM, betont: „Wir haben bewusst eine neutrale Präsentation gewählt, anonymisiert und ohne Hinweise auf Patientenschicksale.“ Die Architektur des Narrenturms (im Volksmund „Guglhupf“) als Rundbau - für die damalige Zeit (ab 1784) eine einzigartige Einrichtung, die psychische Leiden als Krankheit anerkannte - wurde mit eingebunden und detailgetreu restauriert. Die ehemaligen Zellen dienen als Schauräume mit Themenschwerpunkten wie Entzündung, Infektion, Tumore, geschlechtsspezifische Erkrankungen bei Mann und Frau u. v. m. Lebensgroße Wandgrafiken erklären anatomische Zusammenhänge.

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Wir haben bewusst eine neutrale Präsentation gewählt, anonymisiert und ohne Hinweise auf Patientenschicksale.

Dr. Katrin Vohland, Generaldirektorin des Naturhistorischen Museums

Das eigene Skelett in Echtzeit betrachten
Das führt uns zurück zu unserem Oberarm. Bei der Augmented-Reality-Station kann man mithilfe einer Kamera und eines Bildschirms (Foto oben) seinen Körper zunächst als Muskel-, danach als Knochendarstellung verfolgen. Jede Bewegung wird in Echtzeit sozusagen von innen heraus gezeigt - der Tanz mit dem eigenen Skelett!

Die weltweit einzigartige Sammlung birgt auch sonst noch allerlei Erstaunliches. Etwa einen Reisespucknapf für den hochinfektiösen Auswurf TBC-Kranker, in Thomas Manns berühmten Roman „Der Zauberberg“ als „Blauer Heinrich“ tituliert. Das Skelett eines kleinen Mädchens mit Wasserkopf und im Museumsshop Viren wie Bakterien als Plüschtierchen, auch das aktuelle Coronavirus. Ungefährlich zwar. Aber möchten Sie mit SARS-CoV-2 kuscheln?

Karin Podolak
Karin Podolak
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Sonntag, 17. Oktober 2021
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