Nach „Krone“-Bericht

„Niemand hört uns zu!“: Angehörige bei Mückstein

Wien
14.09.2021 19:41

„Wir wollen nicht länger ignoriert werden. Experten sollen nicht länger über unsere Köpfe hinweg entscheiden, was wir zu brauchen haben und was nicht. Es soll uns endlich jemand zuhören!“ Dieser Aufschrei der Selbsthilfegruppe Enthindert in der „Krone“ hat Gesundheitsminister Wolfgang Mückstein (Grüne) hellhörig gemacht. Kurzerhand sind Claudia Sengeis und andere pflegende Eltern und Angehörige von Menschen mit Behinderung ins Büro des Ministers eingeladen worden, um über ihre Sorgen und Nöte sprechen zu können.

„Wir hätten uns nicht erwartet, dass wir einen Termin bekommen. Wir waren überrascht“, erinnert sich Sengeis. Der Minister, der den „Krone“-Artikel vor sich auf dem Tisch liegen hatte, wollte wissen, warum das burgenländische Anstellungsmodell so kritisch bewertet wird. Die Besucher sollten auch die aus ihrer Sicht wichtigsten Punkte der Pflegereform schildern, die derzeit von der Bundesregierung ausgearbeitet wird.

„Wir waren sehr dankbar für das Gespräch, hatten danach schon den Eindruck, dass zwar vermutlich das Anstellungsmodell nicht bundeseinheitlich kommen wird, aber man für wirkliche Veränderungen zugunsten der Betroffenen und Angehörigen eher nicht zu einer Anpassung bereit ist“, gibt sich Sengeis auch nach dem Gespräch skeptisch. Denn die grundsätzliche Richtung bisher ist aus Sicht der Wienerin eine weitere Professionalisierung der Pflege, Angehörige würden weiter ausgehebelt.

Claudia Sengeis (links) traf im Rahmen der Dialog-Tour des damaligen Sozialministers Rudolf Anschober (hier im Bild mit Andrea Kapounek, Geschäftsführerin des Hauses der Barmherzigkeit, und Maria Katharina Moser, Direktorin der Diakonie Österreich) auch den Ex-Ressortchef. (Bild: APA/HANS PUNZ)
Claudia Sengeis (links) traf im Rahmen der Dialog-Tour des damaligen Sozialministers Rudolf Anschober (hier im Bild mit Andrea Kapounek, Geschäftsführerin des Hauses der Barmherzigkeit, und Maria Katharina Moser, Direktorin der Diakonie Österreich) auch den Ex-Ressortchef.

Breite Mehrheit will Pflege zu Hause
Dabei zeigt sich in Umfragen und Studien immer wieder, dass eine breite Mehrheit der zu pflegenden Personen zu Hause betreut werden möchte. Außerdem ist die Pflege zu Hause günstiger als in sozialen Einrichtungen. In Österreich gibt es über 800.000 Menschen, die auf Pflege angewiesene Angehörige haben. Von diesen Personen stellen aber behinderte Menschen, die eine Erwachsenenvertretung benötigen oder von ihren Eltern betreut und auch gepflegt werden müssen, eine kleine Minderheit dar. Und eben diese Minderheit sieht sich nicht ausreichend nach außen hin vertreten.

(Bild: stock.adobe.com)

Die grüne Behindertensprecherin Heike Grebien wies in einem Schreiben an Sengeis, das krone.at vorliegt, auf aktuelle Bestrebungen des kleinen Koalitionspartners hin, um die Situation für Menschen mit Behinderungen und deren Angehörige zu verbessern. Demzufolge ist ein Bundesländer-übergreifendes Pilotprojekt für Menschen mit allen Behinderungsformen geplant. Das Sozialministerium sei dabei, dies zu planen und aufzusetzen, heißt es. Zum Thema Lohn statt Taschengeld schreibt Grebien, die in diesem Zusammenhang auch einen Entschließungsantrag im Nationalrat erwähnt: „Aus unserer Sicht muss es das Ziel sein, Menschen mit Behinderungen (und das umfasst auch Menschen mit Lernschwierigkeiten und Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen) eine Arbeit auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt zu ermöglichen - und zwar ohne dass diese von Armut gefährdet sind.“

„Herumgeschiebe“ zwischen Bund und Ländern
Gleichzeitig betont die Grünen-Abgeordnete, dass auch die Möglichkeiten des Parlaments und der Regierung hier beschränkt seien. Vieles liege nämlich in den Kompetenzen der jeweiligen Bundesländer. Hier schließt sich für Sengeis wieder der Kreis: „Der Bund schiebt ans Land, die Länder schieben zum Bund - und übrig bleiben zurückgelassene Menschen, die sich nicht wehren können.“

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