18.08.2021 14:40 |

„Krieg nicht vorbei“

Anti-Taliban-Allianz formiert sich in Afghanistan

Die Taliban haben nach ihrem Einmarsch in Kabul ihren Sieg erklärt. In der EU stellt man sich bereits darauf ein, mit den Extremisten Gespräche zu führen. In Afghanistan ist der Widerstand aber noch nicht erlahmt: Vizepräsident Amrullah Saleh hat sich nach der Flucht von Staatsoberhaupt Ashraf Ghani selbst zum Präsidenten erklärt. Berichten zufolge ist er in die Provinz Pandschir geflohen, die noch immer unter der Kontrolle der Regierung steht. Mehrere internationale Medien berichten nun, dass sich in der Region eine neue Anti-Taliban-Front bildet. Saleh meldete sich in einer Audiobotschaft unmissverständlich zu Wort: „Der Krieg ist nicht vorbei.“

Am 15. August, als die Taliban in Kabul eindrangen, erklärte Saleh, er werde nie mit den militanten Islamisten zusammenarbeiten. Er werde sich nie den Taliban beugen und so das Vermächtnis seines Helden Ahmad Schah Massoud, dem berühmten Führer der Nordallianz, die gegen die Taliban kämpfte, betrügen, schrieb er auf Twitter.  Über den Verbleib von Saleh gab es Rätselraten. Auf einigen Bildern von Treffen der afghanischen Regierung war er auffallend abwesend gewesen sein, berichtete das britische Magazin „The Week“. Es gab Gerüchte, dass er wie Ghani geflohen sei. Kürzlich meldete er sich aber auf Twitter mit den Worten, dass er nach wie vor in Afghanistan sei. „Der Krieg ist nicht vorbei“, sagte er in der Audiobotschaft (siehe unten).

Anti-Taliban-Kommandeure beraten im Pandschirtal
Berichten zufolge floh Saleh ins Pandschirtal - wie viele weitere Sicherheitskräfte auch. Auch Ahmad Massoud, der Sohn des legendären Kommandanten, soll sich dort aufhalten. Auf einem Video war zu sehen, wie er mit anderen Anti-Taliban-Kommandeuren einen Helikopter besteigt. Es tauchte auch ein Bild auf, dass Saleh in Beratungen mit Massoud in der Provinz zeigen soll (siehe unten).

Widerstandsbewegung gebildet
Dort formiert sich nun eine Bewegung gegen die Taliban namens Pandschir-Widerstand, berichtete die „Washington Post“. Angeführt wird die Bewegung von Saleh, Teil der Führungsriege ist auch Verteidigungsminister Bismillah Khan Mohammadi. Unbestätigten Medienberichten zufolge haben sich Flüchtlinge und ehemalige Angehörige der Armee dem Widerstand angeschlossen. Diese sollen Panzer und weitere Fahrzeuge mit sich geführt haben. Die Anti-Taliban-Allianz nutzt dieselbe Flagge wie die Nordallianz, die schon in den 1990er-Jahren gegen die Islamisten kämpfte. Auf Twitter ist ein Video zu sehen, wie sich eine Kolonne von Kämpfern mit den grün-weiß-schwarzen Fahnen durch das Pandschirtal bewegt.

Ahmad Schah Massoud, der „Löwe von Pandschir“
Die zerklüftete, schwer zugängliche Region war nie in den Händen der Taliban, auch deswegen, weil sie als Geburtsort von Ahmad Schah Massoud schwer bewacht wird. Massoud, der der Volksgruppe der Tadschiken angehörte, war ein erfahrener Kommandeur, der schon gegen die sowjetische Besatzung in Afghanistan kämpfte. Ihm wird eine zentrale Rolle bei deren Rückzug 1989 zugesprochen. Das brachte ihm den Namen „Löwe von Pandschir“ ein.

Später war Massoud einer der Anführer der 1995 gegründeten Nordallianz gegen die Taliban an. Unter seinem Kommando wurde das Pandschirtal gegen die Islamisten gehalten. Am 9. September 2001, zwei Tage vor den Terroranschlägen auf das World Trade Center wurde auf Massoud ein Attentat verübt. Zwei Selbstmordattentäter der Al-Kaida, die sich als Journalisten ausgegeben hatten, zündeten eine Bombe, die in einer Videokamera versteckt war. Der Kommandeur starb kurz darauf an seinen Verletzungen.

Saleh: „Haben den Kampfgeist nicht verloren“
Auch der jetzt selbsterklärte Interimspräsident Saleh kämpfte unter Ahmad Schah Massoud. Er wurde in den späten 1990er Jahren Mitglied der Nordallianz und kämpfte gegen den Vormarsch der Taliban. Nach dem Sieg über die Extremisten wurde er zum Spionagechef der afghanischen Regierung ernannt, später wurde er Innenminister und schließlich Vizepräsident. Die Taliban und andere Terrorgruppen haben zahlreiche Anschläge auf sein Leben verübt - zuletzt überlebte er ein Attentat im September 2020.

Saleh rief seine Landsleute nun dazu auf, sich dem Widerstand anzuschließen. Auf die USA will er sich dabei nicht verlassen. „Anders als die USA und die Nato haben wir den Kampfgeist nicht verloren“, schrieb er auf Twitter. 

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