23.07.2021 17:54 |

Belohnung für Stich?

Minister Mückstein: „Impfen mit Bier und Würstel“

Nur das gerahmte Zeitungscover, das Rudolf Anschober zeigte, ist verschwunden. Sonst hat sich im Büro des Gesundheitsministers nichts verändert. Nach hundert Tagen im Amt spricht Wolfgang Mückstein (Grüne) über Corona, Bier und sein Verhältnis zum Bundeskanzler.

„Krone“: Herr Minister, seit einigen Tagen wird immer intensiver über eine Impfpflicht diskutiert. In mehreren Ländern wurde eine solche bereits erlassen. Warum ist Österreich so zögerlich?
Wolfgang Mückstein: Es wird keine allgemeine Impfpflicht geben. Bei einer Pflicht für gewisse Berufsgruppen muss man reden. Ich bin absolut dafür, dass das Personal im Gesundheitswesen sowie in Alters- und Pflegeheimen geimpft ist. Die Träger könnten das entscheiden. Ich habe auch den Angestellten in meiner Ordination gesagt, dass sie geimpft sein müssen, um weiter für uns arbeiten zu können.

Zuletzt wurde auch intensiv über einen Zwang zur Spritze für Pädagogen und andere systemrelevante Gruppen, die viel Kontakt zu Menschen haben, nachgedacht. Sind Sie da auch dafür?
Das sehe ich kritisch. Wo beginnt man und wo hört es auf? Was ist mit Polizisten, Rettungssanitätern, den körpernahen Dienstleistern? Ich denke, wir müssen sensibel bleiben.

Die Impfbereitschaft geht deutlich zurück. Jetzt bieten Apotheken gratis PCR-Tests an. Ist das nicht eine Belohnung der Impfverweigerer?
Wir testen sehr, sehr viel, und das kostet sehr, sehr viel Geld. Wenn das Testen epidemiologisch wichtig ist, wird es wohl gratis bleiben. Man muss aber auch darüber reden, wo die Relation ist, wenn man weit über eine Milliarde Euro in den letzten 17 Monaten für das Testen ausgegeben und 920 Millionen Euro für die Impfungen veranschlagt hat. Bei einer zunehmenden Zahl an Immunisierten muss man das vergleichen und sich fragen, wie viel Einschränkungen es für Vollimmunisierte gibt.

Wie bekommt man die Menschen dazu, sich impfen zu lassen? Das Impfboot, das auf der Alten Donau in Wien unterwegs ist, impfte am ersten Wochenende gerade einmal 23 Personen. Das wird die Statistik nicht nach vorn bringen.
Der Impfstoff muss zum Menschen kommen. Wir hatten Ende Juni noch einen Impfstoffmangel, jetzt gibt es einen Überschuss. Das ist eigentlich eine gute Nachricht. Es gibt sehr viele gute Aktionen, etwa betriebliche Impfungen oder Impfmöglichkeiten bei Veranstaltungen und vor Einkaufszentren. Das sind gute Ideen. Impfen mit Bier und Würstel – ich bin nicht dafür, dass Bier und Würstel gratis sind. Aber man muss die Leute dort abholen, wo sie sind.

Die Tiroler NEOS haben eine Impf-Lotterie mit einem Gewinn in der Höhe von einer Million Euro vorgeschlagen. Wie stehen Sie zu Impf-Anreizen?
Ich halte nichts von Belohnungssystemen. Wer durch diverse Plattformen und politische Parteien ständig falsch informiert ist, wird sich nicht mit 50 Euro und einem kostenlosen Bier überzeugen lassen. Und es ist außerdem der falsche Anreiz, weil es unfair gegenüber den bereits Geimpften ist.

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Wer durch Plattformen und politische Parteien ständig falsch informiert ist, lässt sich nicht mit 50 Euro überzeugen.

Gesundheitsminister Wolfgang Mückstein (Grüne)

Experten warnen vor einer vierten Welle, die Sorge vor dem Herbst wächst. Bundeskanzler Sebastian Kurz hat mehr oder weniger einen weiteren Lockdown „so bald“ ausgeschlossen. Ist das tatsächlich unmöglich?
Wir sind in einer anderen Situation als vor einem Jahr, wir haben an die 50 Prozent Vollimmunisierte. Die Gretchenfrage ist, wie schnell sich jene, die noch ungeimpft sind, das sind hauptsächlich jüngere Menschen, jetzt anstecken. Wenn das langsam über vier, fünf Monate geht, haben wir kein Problem. Anders sieht es aus, wenn es schneller geht. Das wissen wir aber derzeit noch nicht. Wenn sich zu viel Junge zu schnell anstecken, muss eine Reihe von ihnen im Spital behandelt werden, auch auf der Intensivstation. Fix ist: Jeder, der nicht geschützt ist, wird sich infizieren.

Aber ist ein neuerlicher Lockdown auszuschließen?
Ich würde ausschließen, dass ich nicht alles unternehme, um einen Lockdown zu verhindern. (Der Minister macht eine Pause, lächelt beinahe verlegen und sagt: „Das klingt jetzt schon wie im U-Ausschuss.“) Ich denke, dass wir einiges anders machen als im vergangenen Sommer und die Fehler nicht ein zweites Mal machen.

Von welchen Fehlern sprechen Sie?
Dass man die zweite Welle übersehen hat. Jetzt haben wir mit der Verschärfung in der Nachtgastronomie rascher reagiert.

Ist ein Lockdown nur für Ungeimpfte vorstellbar?
Das wird von der epidemiologischen Situation abhängig sein. Wir beobachten die Zahl der Ansteckungen sehr genau. Wir stehen am Beginn der vierten Welle – die Frage ist nicht mehr ob oder wann sie kommt, sie ist bereits da. Das muss man auch klar so sagen. Wir brauchen Geimpfte und nicht Getestete. Wir versuchen die Regeln möglichst so zu machen, dass sie für Geimpfte nicht gelten, das ist ja auch der Sinn des Grünen Passes.

Wie lange werden wir noch Maske tragen müssen?
Zumindest bis über den heurigen Winter. Corona wird dann vorbei sein, wenn jeder und jede entweder mit dem Virus infiziert war oder geimpft ist.

Sie sind nun hundert Tage im Amt. Wie groß ist die Differenz zwischen der politischen Realität und Ihren vorangegangenen Vorstellungen und Erwartungen?
Es war bisher eine anspruchsvolle Zeit ohne viele Pausen. Die Wege sind manchmal lang, das habe ich mir nicht so vorgestellt. Die Abstimmung, bis etwa ein Erlass fertig ist, ist ein aufwendiger Prozess, das hätte ich mir einfacher ausgemalt. Und dann gibt es – auch bei banalen Dingen – oft massiven Widerstand von Lobbys. Das ist altes Denken.

Sie hatten, als es um die Ankündigung fürs Aufsperren ging, Ende Mai einen kleinen Machtkampf mit dem Bundeskanzler. Zuerst haben Sie gebremst, dann ging es darum, wer beim Öffnen schneller ist. Wie ist Ihr Verhältnis zu Sebastian Kurz jetzt?
Es hat einmal gerumpelt, aber das ist vorbei. Wir haben ein gutes, professionelles Verhältnis. Er ist der Bundeskanzler, ich bin sein Gesundheitsminister. Ich kann mich nicht beklagen.

In der gesamten Regierung rumpelt es immer wieder, derzeit wird heftig um die Klimapolitik und Straßenbauprojekte gestritten. Wie lange werden Sie denn noch Gesundheitsminister sein, also anders gefragt, wie lange hält diese Regierung noch?
Ob es kracht oder nicht, es geht um Ergebnisse. Dass es keine Liebesheirat zwischen Türkis und Grün war, ist bekannt, aber am Ende zählt, was rauskommt. Und bis dahin werde ich mich bemühen, Gas zu geben. Werden wir schauen, wie lange das ist, aber ich gehe schon davon aus, dass wir die Periode durcharbeiten.

Würden Sie danach gern verlängern?
Das weiß ich noch nicht. Ich habe vier Jahre ein Rückkehrrecht in die Ordination, dieser Zeitraum ist nicht zufällig gewählt.

Doris Vettermann
Doris Vettermann
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