23.05.2021 10:55 |

Altes Handwerk

Die Letzten: „So schuf Gott zuerst den Zimmermann“

In seiner Serie „Die Letzten“ porträtiert der Autor Robert Schneider Menschen, die einem alten Handwerk oder einer alten Kulturtechnik nachgehen. Neulich hat er Peter Hörmann besucht, der sich auf die Restauration alter Gewerke spezialisiert hat. Respekt vor den komplexen Künsten alter Meister, aber auch dem Baustoff Holz zeichnen die Arbeiten des Zimmerers aus.

Als ich ihn bei der Begrüßung bitte, er solle mir spontan eine kurze Definition seines Berufs geben, sagt Peter Hörmann: „As ischt das Schöanscht, was as git.“ Er ist etwas aufgeregt, das spüre ich - Fotograf, Licht, einer, der ihn ausfragt. Dann denkt er kurz nach. „Als Gott, der Herr, die Kunst ersann, schuf er zuerst den Zimmermann“, zitiert er den alten Sinnspruch seiner Zunft. Peters Frau Heidi bringt derweil Kaffee, den wir während des ganzen Gesprächs nicht trinken werden, weil er doch viel zu heiß ist.

Peter Hörmann ist Zimmermann aus Passion. Gleich korrigiert er ein Vorurteil. „Die Leute glauben ja, wir würden nur auf den Dächern rumklettern.“ Was man gar nicht vermute, fährt er fort, ist die geometrische Vorstellungskraft, die Kenntnis der Mathematik, die ein Zimmermann unbedingt mitbringen müsse. „Die haben das auch früher nicht einfach so zusammengeschustert. Da lag unglaublich viel Planung dahinter.“ Er zeigt mir dann später am Computer Aufriss- und Querschnittszeichnungen von diffizilen Balkenverbindungen, die er selbst mit filigranen Strichen gezeichnet hat. Spätestens dann ist die Mär von „Passt scho!“ dahin. Zimmermann ist ein hochkomplexes Gewerbe.

Die Häuser durften damals noch atmen
In seinem Büro in Götzis hat er sich einen kleinen Schauraum eingerichtet. Dort befinden sich Werkzeuge der Vorväter, Erinnerungen an eine Zeit, die noch Zeit hatte. Peter erklärt mir anhand eines Beispiels, wie früher ein „Eckstrick“ mit Verzahnung gebaut wurde. Die Pfetten wurden mit speziellen Eisen leicht ausgehöhlt. In die Zwischenräume wurde dann frisches Moss gelegt, damit der Wind nicht so durchpfeifen konnte. Die Häuser durften noch atmen, und die Menschen von damals haben nicht so gefroren, waren nicht so empfindlich wie heute. Die gesundeste Isolierung, die man sich vorstellen kann. Peter Hörmann hat das moderne Zimmermannshandwerk gelernt mit dem ganzen Maschinenpark, der dazugehört und dem permanenten Zeitdruck. Aber im Lauf der Jahre wurde der Wunsch immer stärker, sich mit den alten Techniken zu beschäftigen. So hat sich Peter Hörmann mehr und mehr auf die Restauration alter Gewerke spezialisiert und ist darin eine landesweit anerkannte Autorität geworden.

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Dann bin ich oft in den Wald gegangen, habe mich hingesetzt und darüber nachgedacht, wie die das damals gemacht haben.

Peter Hörmann

Jahrhundertealte Dachstühle hat er erneuert, zum Beispiel ein Wirtschaftsgebäude im Kloster Gwiggen, den Turm der Zuger Kirche, St. Peter in Bludenz oder das Dachgewerk von St. Gallus in Bregenz. Das brachte ihn oft ins Grübeln, wenn er eine komplizierte Verzapfung von mehreren Balken stilgetreu nachbilden musste. „Dann bin ich oft in den Wald gegangen, habe mich hingesetzt und darüber nachgedacht, wie die das damals gemacht haben.“ Vorstellungskraft sei wie gesagt das Um und Auf im Zimmermannsberuf.

Beim Nachdenken und Betrachten dieser stummen Zeugen aus längst vergangener Zeit, habe ihn so etwas wie Ehrfurcht gepackt, Respekt. Er zeigt mir eine uralte Zwinge, die komplett aus Holz gemacht ist. Auf dieses Stück ist er ganz besonders stolz, weil es darlegt, wie durchdacht und raffiniert die Zimmermannsleute damals waren. Er zeigt mir alte Hämmer mit den noch gut sichtbaren Punzstempel der jeweiligen Schmiede darin. „Ich sage noch heute zu meinen Lehrlingen: Geht sorgsam mit eurem Werkzeug um! Wer früher einen Hammer verloren hat, eine Säge, konnte das nicht so leicht ersetzen wie heute.“ Er zeigt mir die alten Abbundzeichen, mit denen die Pfetten gekennzeichnet wurden. „Einen Dachstuhl hat man meistens zuerst im Osten aufgerichtet. Vielleicht auch deshalb, weil im Osten das Grab Christi liegt, Jerusalem. Die Menschen von damals haben ihr Handwerk auch als eine Art Gottesdienst betrachtet.“

Respekt vor dem Baustoff Holz
Peter Hörmann sieht sich ganz in der Tradition seiner Vorväter. Respekt vor dem Baustoff Holz, vor der Natur überhaupt, wäre heute das adäquate Wort für die Gottesfurcht von damals. Er kommt ins Philosophieren. „Respekt hängt auch irgendwie mit Zeit zusammen“, sagt er und meint, dass man etwas nicht respektieren kann, das schnell, schnell gemacht wurde. Wenn man für zwanzig Euro nach Mallorca fliegt, ist Mallorca nichts wert. Jedes Land, jeder Ort verdient seine langsame Betrachtung. Dann erst erschließt sich das Geheimnis, und man kommt aus dem Staunen nicht mehr heraus.

Viel Behutsamkeit und Überlegung
Zimmermannsleute gelten oft als raue Burschen, was ein Trugschluss ist. Das lerne ich in der Begegnung mit Peter Hörmann. In diesem Beruf steckt sehr viel Behutsamkeit, Achtsamkeit und Überlegung. Ein Anliegen ist ihm auch, die alte Tradition der „Richtsprüche“ aufrecht zu erhalten. Er kramt in einem Ordner und zeigt mir Gedichte, die Freunde von ihm auf ein fertiges Gewerk gereimt haben. „Das ist auch immer ein Spiegel der Zeit, wie zum Beispiel das vergangene Corona-Jahr.“

Ich sehe meine unberührte Kaffeetasse auf dem Tisch stehen, nehme einen Schluck. Kalt. Mich macht er nicht mehr schön. Peter holt alte Musterbücher hervor, bibliophile Kunstwerke aus dem Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts. Sie handeln davon, wie man damals Gartenlauben im Stil der Bäderarchitektur geschaffen hat. Hochkomplizierte Quer- und Aufschnitte, Maßtabellen von komplex gewundenen Wendeltreppen. Man kann sich darin verlieren und die Zeit vergessen.

Robert Schneider
Robert Schneider
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