09.05.2021 07:55 |

Vorarlberg spricht

Die Guten, die Bösen, die Erben & die Steuer

Endlich ist es soweit, nach coronabedingten Verschiebungen kommt Barbara Herolds Stück „Kind.Erbe.Reich“ auf die Bühne. Im Interview spricht die Regisseurin über ein Vermögen, das die Gesellschaft spaltet.

Krone: Erben ist in Vorarlberg ein heißes Thema. Wer erbt, kann sich so einiges leisten, von dem andere, die „nur arbeiten“, nicht zu träumen wagen. Wie sieht Ihr Zugang zu diesem Thema aus?
Barbara Herold: In allen reichen Ländern, also auch in Vorarlberg, kommt es seit zehn, 15 Jahren zu einer regelrechten Erbschaftswelle. In Österreich werden jährlich bis zu 20 Milliarden Euro vererbt, in Deutschland sind es bis zu 400 Milliarden. Und dieses vererbte Geld verteilt sich nicht gleichmäßig, sondern es kumuliert sich. Es ist das Vermögen der Wirtschaftswundergeneration, die nach dem Krieg zu sehr viel Geld kommen konnte. Dieses Vermögen hat einen großen Einfluss auf die heutige Schere zwischen Arm und Reich und auf Chancengerechtigkeit. Heute in Vorarlberg eine Immobilie zu erwerben, kann nur, wer „Böda“ hat. Das sind Menschen, die einen ewig währenden Startvorteil haben. Und andere können sich aus der eigenen Arbeit heraus nichts dergleichen leisten.

Welche Konsequenzen wird das nach sich ziehen?
Es verändert die Gesellschaft massiv, es bedroht sie, es birgt großes Konfliktpotenzial. Irgendwann wird sich das bitterlich rächen. Auch jetzt, in der Krise, steigen die Immopreise immer weiter, die Leute investieren in Grund und Boden. Hinzu kommt, dass in Österreich die Erbschaftssteuer seit vielen Jahren ausgesetzt ist. Ich verstehe nicht, warum die Steuer, die ja vom Wort „steuern“ kommt, nicht zugunsten der Chancengerechtigkeit eingesetzt wird.

Sie wünschen sich die Besteuerung von Vermögen?
n unserem Stück befassen wir uns mit dieser Problematik. Es ist auch ein Plädoyer für die Erbschaftssteuer. Es ist doch durchaus möglich, etwas von dem Geld abzugeben, das einem geschenkt wird, und damit etwas demokratisch Sinnvolles anzufangen. Die große Frage ist: Warum wird Geld, das für mich arbeitet, weniger besteuert, als Geld, das ich durch Arbeit verdiene? Vielleicht eine naive Frage, aber ich verstehe es einfach nicht.

Die Politik sperrt sich seit Jahren gegen Vermögenssteuern. Wirkt der Lobbyismus so stark oder warum herrscht in der Politik eine so große Angst vor der Besteuerung großer Vermögen?
Früher hat man diese Steuern abgeschafft, um die Geldflucht zu verhindern, also das Anlegen von Geldern in Steueroasen im Ausland. Mit zunehmender Transparenz ist das eigentlich hinfällig geworden. Es ist bei weiten nicht mehr so einfach, Geld außer Landes zu bringen. Aber wahrscheinlich ist es tatsächlich so, dass Lobbying im Hintergrund stark einwirkt. Niemand traut sich an dieses Thema ran. Ich war erfreut, als es in der Pandemie hieß: Jetzt ist der Zeitpunkt für eine Vermögenssteuer gekommen. Doch das geht so schnell wieder unter, wie es aufgetaucht ist. Sind die großen Unternehmen, die großen Familien wirklich so stark, dass man diese Idee nicht weiter verfolgen will? Fakt ist, dass Österreich sehr viel Geld ausgeben muss, um diese Krise zu finanzieren. Und irgendwo muss das Geld herkommen. Es sollte nicht denen genommen werden, die ohnehin schon am Existenzminimum entlangschrammen.

Der Bio-Landwirt Simon Vetter hat in einem Interview mit der „Krone“ gemeint, dass Eigentum auch verpflichtet. Sehen Sie das ähnlich?
Ja. Verfügt man über Eigentum und vermietet es, muss man sich ja nicht immer an den obersten Mietpreisen orientieren, sondern kann auch an Menschen vermieten, die es wirklich brauchen. 150 Euro mehr oder weniger werden den Vermietern kaum wehtun. Noch lieber wäre mir aber, wenn der demokratische Staat regulierend eingreifen würde als nur an das individuelle Pflichtgefühl zu appellieren. Eigenverantwortung ist gut, aber wenn die Gier zuschlägt, dann braucht es den Staat. Sich auf die Eigenverantwortung zu verlassen, reicht nicht. Deswegen auch unser Plädoyer für Besteuerung. Natürlich macht man sich damit in bestimmten Kreisen nicht sehr beliebt. Im Übrigen war es auch nicht so einfach, Erben und Erbinnen zu finden, die sich zu einem Interview bereit erklärt haben.

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Es geht um die letzte Verteilung der Liebe. Die Verschränkung von Materiellem mit Immateriellem ist der Auslöser vieler Konflikte.

Barbara Herold

Aber Sie haben welche gefunden. Wie geht es denn Menschen, die ein großes Vermögen geerbt haben?
Es gibt welche, die das Klischee des Jetset leben. Und es gibt welche, etwa unter Firmenerben, die nach und nach daran zerbrechen und depressiv werden, weil sie nie das Gefühl haben, sich etwas erarbeiten zu können. Ihre Leistung ist ja gar nicht mehr gefragt. Und dann gibt es Erbinnen, die verstummen und einsam werden, weil sie nicht wagen, darüber zu sprechen. Sie versuchen, versteckt im Privaten, sinnvoll mit dem Geld umzugehen. Und zu guter Letzt gründen Menschen, die erben, immer wieder tolle Stiftungen.

Im Vorfeld der Premiere haben Sie auch von der Erbsünde gesprochen. Wie sieht die heute aus?
In meiner katholischen Erziehung, oder auch in all den Märchen, die ich gelesen habe, sind die Reichen immer die Bösen, die Hartherzigen, die Geizigen. Ist man selbst plötzlich in dieser Position, muss man sich entscheiden: Ist das Erbe ein Geschenk, oder ist es eine Sünde? Bin ich böse oder nicht? Wer erhält sich das Gefühl der Verantwortung, wer nicht? Antworten habe ich keine.

Erben ist auch ein emotionales Thema. Was haben Sie im Zuge Ihrer Recherchen in dem emotionalen Feld gefunden?
Erben hat immer mit dem Tod zu tun. Es muss jemand gehen, damit ich etwas bekomme. Das ist an sich schon ein sehr sensibler Moment. Und wenn das Vererben nicht glatt läuft, können die größten Kränkungen passieren. Das Gefühl, nicht gerecht behandelt zu werden. Das reicht oft bis in die Kindheit zurück. Und es geht um die letzte Verteilung der Liebe. Die Verschränkung von Materiellem mit Immateriellem ist der Auslöser für viele Konflikte. Jeder fünfte große Erbschaftsstreit landet vor Gericht. Und allen geht es nie ums Geld, sondern immer nur ums Prinzip.

Angelika Drnek
Angelika Drnek
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