29.04.2021 13:44 |

200 Kleider im Kasten

Kaufsucht: 700.000 Euro in acht Jahren abgezweigt

Nicht weniger als 700.000 Euro zweigte eine Buchhalterin der Mietervereinigung in Wien in einem Zeitraum von acht Jahren ab - und niemand hat es bemerkt. Formelle Kontrollen verliefen ergebnislos. Das Motiv der 44-jährigen Frau: Kaufsucht! So erstand sie 200 Kleider, von denen sie viele nie getragen hat. Jetzt wurde sie verurteilt.

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An ihrem Arbeitsplatz war die Frau bekannt für ihren ausgezeichneten Geschmack, sie trug nur teure Designerkleidung. Manche mögen sich damals gefragt haben, wie das zu finanzieren ist. Die Antwort gab es erst Jahre später, als der Schwindel aufflog. Zum Prozess ins Wiener Landesgericht kam die Frau im unscheinbaren blauen Billig-Hoodie um 19,90 Euro. Kleinlaut gab sie alles zu.

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Meine Mandantin befindet sich bereits seit vielen Jahren in psychotherapeutischer Behandlung. Sie litt an Kaufsucht und wollte sich bei Familie und im Bekanntenkreis mit Geschenken beliebt machen.

Verteidigerin Astrid Wagner

Seit 2011 Geld aus Kassa genommen
Bereits im Jahr 2011 begann die Frau Geld aus der Kassa zu nehmen. Bis 2019 griff sie 78-mal zu. Insgesamt brachte ihr das 250.000 Euro ein. Und ab 2013 buchte sie unfassbare 104-mal Beträge aus der Buchhaltung der Mietervereinigung auf das eigene Konto ab. Verteidigerin Astrid Wagner: „Meine Mandantin befindet sich bereits seit vielen Jahren in psychotherapeutischer Behandlung. Sie litt an Kaufsucht und wollte sich bei Familie und im Bekanntenkreis mit Geschenken beliebt machen.“

Was das in der Praxis bedeutete, erklärte die Angeklagte im Verhör durch den Richter: „Ich habe mir 200 Kleider gekauft und bei vielen nicht einmal die Etikette abgemacht. Unterstützt wurden auch Freunde und Familie und ein Auto habe ich auch angeschafft. Wenn es mir nicht gut gegangen ist, habe ich das mit dem Kauf kompensiert.“

Nie auf Urlaub gegangen
Doch wie war es möglich, dass die Unterschlagungen so viele Jahre unentdeckt geblieben sind? Denn ein schlichter Blick auf den Rechner zeigt: 700.000 Euro in acht Jahren einzustecken bedeutet ein Zubrot von immerhin 7300 Euro zusätzlich zum Gehalt - pro Monat. Die Angeklagte erklärt: Bei den Barabhebungen habe es keine besonderen Kontrollen gegeben, bei den Umbuchungen auf das eigene Konto gab es zwar das Vier-Augen-Prinzip, das sie aber teils mit gefälschten Unterschriften umgangen habe. Außerdem ging die Frau nie auf Urlaub, um ihre Buchhaltung vor fremden Blicken zu schützen.

 Im Jahr 2019 zeigte die Psychotherapie erste greifbare Erfolge, die Depressionen besserten sich, die Angeklagte gönnte sich einige freie Tage. Ihr Vertreter deckte den Schwindel schnell auf.

Zivilprozess folgt
Das Urteil: 30 Monate Haft, davon zehn Monate unbedingt, die die Frau mit einer Fußfessel verbüßen kann. Diese Strafe nahm die Angeklagte sofort an. Den Schaden will Verteidigerin Astrid Wagner nur teilweise anerkennen. In einem Zivilprozess will sie möglicherweise Versäumnisse bei der Kontrolle anprangern. Fest steht: Das Haus mit Grund im Süden Wiens wird verkauft. Die 200 Kleider haben als Secondhand auf Willhaben.at neue Abnehmer gefunden.

Peter Grotter
Peter Grotter
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